1845_Schopenhauer_142_81.txt

Schrittes ausgelöscht zu sehen, noch vor Ablauf des Sommers sie dem Kaiser als Gräfin Viatti vorstellen zu dürfen. Nun s o viel gelungen, steht mehr zu hoffen! Und merke wohl, d a s danken wir G e i e r s p e r g ! Geiersperg, dem R e a l i s t e n . Mitten im Sprechen hatte Kronberg wieder nach der Uhr gesehen. Der zweite Act der Medea, sagte er plötzlich in ganz anderem Ton. Darf ich dich hinfahren? Mein Wagen wird bereits halten. – Eben meldete man St. Luce. Kronberg liess ihn nicht zum Worte kommen, er musste mit.

Und die Unglückselige, von tausend rätselhaften Empfindungen und Sorgen Beängstigte musste in die Oper und das Ballet sehen, von welchem seit drei Wochen die Rede war, und die Cavatine der Capacelli hören, die alle Welt entzückte. Kronberg brachte sie in ihre Loge, in welche auch St. Luce ihr folgte, dann verliess er sie. Sie wusste ihn auf der Bühne oder in der Capacelli Garderobe, aber sie machte eine glänzende Conversation mit einer Menge sie in der Loge umgebenden Herren, und war eine brillante, schöne, bewunderte Frau, deren türkischer Shawl und Schmuck unzählige neidische Blicke auf sich zogen. Das ist das Leben!

St. Luce wusste um Louis' Abreise, er flüsterte es ihr zu und sah bewegt aus dabei. Woher konnte er es schon wissen? In Anna's Seele flackerten die Gedanken, wie Irrlichter auftauchend und schwindend, sie vermochte keinen einzigen festzuhalten. Gottard war nicht auf seinem platz ihr gegenüber. Erst in der vorletzten Scene gewahrte sie ihn, sie sah, dass er nur kam, um zu erfahren, ob sie im Teater sei. Nach wenigen Minuten, noch ehe der Vorhang fiel, war er verschwunden.

Kronberg liess am folgenden Morgen Annen wissen, er komme nicht zu Mittag nach Haus. Den ganzen Tag über hiess es: er sei aus. Der heutige Abend war einer ihrer Empfangsabende, es kamen eine Menge Leute; aber weder Gottard noch Kronberg erschienen. Anna war in tödtlicher Verlegenheit, sie ersann eine Entschuldigung um die andere. St. Luce, der ihre Angst sah, verliess die Gesellschaft, wie er sagte, um Gottard zu sprechen. Einen Moment atmete sie leichter auf, als sie seinen Wagen aus dem Tor rollen hörte; vergebens, er kehrte zurück, Gottard war nicht zu haus.

Gegen halb elf Uhr kam endlich Kronberg; er entschuldigte sich leichtin mit der Abreise des hessischen Gesandten, den er in seinem Hotel habe aufsuchen müssen; er schien aufgeregt, mit Annen sprach er kein Wort.

In einem Seitencabinet sass ein kleiner Männerkreis, einer unter ihnen erzählte etwas, worüber alle andern laut auflachten.

Rutberg gesellte sich ihnen zu; sie begrüssten ihn immer noch lachend als Mephisto und fragten, ob er seinen Mantel zur Luftreise bereit halte? Rutberg lachte auch; er schien den Scherz zu verstehen.

Ob die eigentliche Herzenskönigin ein Gretchen oder eine Helene sei, fragte man weiter. Ob der tugendhafte Bruder sich zufrieden gegeben habe?

Gar nicht! fuhr eine stimme aus der entferntesten Ecke dazwischen, der eine Bruder hat den andern Bruder auf Rutbergs Anstiften rein ausgeplündert!

Auf m e i n Anstiften? fragte Rutberg halb erzürnt, halb belustigt.

Nun, das heisst auf des Mephisto Anstiften.

Hat denn Gretel-Helene zwei Brüder?

Ach nein! der eine andere Bruderist der Bruder einer Heiligen, die wir Alle verehren.

D e r Name wird hier nicht genannt, meine Herren! rief ein blonder Offizier.

Nicht einmal gedacht, bei solch einer gelegenheit! setzte ein zweiter hinzu.

Zum Teufel, so erzählt mir's doch auch!

Nun also, Helene hat aus früheren zeiten einenBruder.

Ah so!

Der Bruder ist natürlich ein Heide und seine Schutzgöttin die Fortuna. Da aber in der Mytologie immer eine gewisse Identitäts-Confusion vorherrscht, so hatte Venus früher als Fortuna

Anastasius! wenn du uns die Sache o h n e Mytologie vortragen möchtest?

Meinetwegen! Wir haben gestern, wie wir hier sitzen, zusammen im goldenen Löwen dinirt, den Nachmittag wollten wir ganz unter uns ein Spielchen machen. Hubert suchte also den Bruder der Capacelli auf, damit er eine kleine Bank eröffne. Gondi kam; als aber hinter ihm die tür abgeschlossen werden sollte, erschien Rutberg mit seinem Pylades.

Ohne Mytologie! schrie Rutberg.

Nun, der Graf tat erst etwas scheu und sah uns bloss zu. Rutberg pointirte. Die Bank verlor; als sie zahlte, legte sie markirte englische Banknoten auf, die der Graf erkannte.

Wie denn das?

Er hatte sie markirt aus England empfangen und die Nummern notirt, wie das oft geschieht, und gerade diese nämlichen Banknoten am selben Morgen dem weisen Solon ausgezahlt.

Der bittere Kelch dieser erkenntnis verjüngte den Faust, den du Pylades nennst, er wurde zornig, als wäre er zwanzig Jahre alt.

Aber Solon rührt ja keine Karte an, er spielt nie!

Eben darin lag die Affaire! Dem Solon hatte er sie gezahlt, wie kamen sie denn nach Verlauf so weniger Stunden alle in die hände des – B r u d e r s ?

Das sieht einer abgekarteten Zufälligkeit so ähnlich, wie ein Ei dem andern, sagte der Blondin. Glaubte er denn an den B r u d e r ?

Den Zusammenhang habe ich nicht weg, versicherte ein