! rief er mit wachsender Heftigkeit, auch nicht den Schatten eines Fleckens auf diese Stunde! Er bog sich leicht zu Annen nieder und küsste ihr Gewand. bleibe meine Heilige! flüsterte er und stürmte fort.
Anna sank weinend neben ihrem schlafenden Knaben in die Knie und betrachtete ihn lange; sie dachte nicht deutlich, sie fühlte nur dumpf eine unsägliche Pein; und wie ganz von fern in Nebel eingehüllt, zog ihrer Erinnerung die erste Stunde ihres Kampfes vorüber, als ihr klar geworden, dass sie Gottard liebe. Wenn ich nur nicht wahnsinnig werde! seufzte sie. Endlich küsste sie ihren Joseph wach, um ihn zu Bett bringen zu lassen.
Nach fünf Minuten hörte sie Kronbergs Schritt im Vorzimmer. Er sah erhitzt und unglücklich gestimmt aus; er kam von der Capacelli, die ihm irgend eine Scene gemacht haben mochte. Dem Aerger über sie gesellte sich die Entrüstung über Gottards unverschämte Eingriffe in alle Rechte, die ihm die natur und die bürgerliche Gesellschaft verliehen.
Anna, sagte er, ich hatte gehofft, die unglückselige Geheimnisskrämerei, die so traurige und ernste Folgen in Bezug auf Leontinen gehabt, würde in unserer Familie wenigstens nicht Wurzel schlagen; ich habe mich geirrt! Je ne suis pas le dupe des phrases de Monsieur Gottard! Wie er bei unserm Fortzuge von Bern mit Gewalt sich in die unselige geschichte Viatti's eindrängte –
Mich dünkt, sagte Anna, wir verdanken ihm die
Freiheit unseres Schwagers. Hast du vergessen, dass am Tage nach dessen gelungener Flucht Haussuchung die ganze Strasse entlang gehalten wurde? Sie trat zu ihm und legte sanft die Hand auf seinen Arm. Beflekke dich nicht durch Undankbarkeit, Roderich!
Eben so, fuhr Kronberg fort, ohne auf sie zu hören,
möchte er nur ohne Recht und Befugniss die Leitung des ganzen Bildungsganges unserer Söhne sich erhalten! I c h glaube nicht an Infallibilität, nicht einmal an die des heiligen Vaters.
Was soll das Alles? fragte Anna.
Du hast mir schmerzlich-klare Gründe gegeben,
vorauszusetzen, dass dieser Gottard die Hand bei allen bedeutenderen Ereignissen unseres Lebens im Spiele hat; ich hätte aber wenigstens erwarten können, p e r s ö n l i c h von seinen Einflüsterungen und Zwischenträgereien verschont zu bleiben!
Anna schwieg; wie eine Königin stand sie ruhig
und ernst vor ihm. Ich verstehe dich nicht, sagte sie endlich.
Leider sind mir seine Beweggründe keine Rätsel
mehr! Aber bedenke, fuhr er, immer heftiger aufbrausend, fort, bedenke genau, was du tust! Ein unedles Erspähen meiner Tritte und Schritte ertrage ich nicht! – Ich habe dir volle, unbegrenzte Freiheit in allen Handlungen gelassen – lass sie nicht in Beherrschung der meinen ausarten! Armes Kind! was hoffst du zu erreichen? setzte er, immer mehr sich steigernd, höhnisch hinzu. Meinst du, der Satan lasse mit sich handeln und sich einen Rest des einmal von ihm ergriffenen Menschenglückes abdingen? Er hält fester, als Liebe und Glück.
Er warf sich auf das Sopha und blieb schweigend, als erwarte er ihre Antwort, mit verhülltem Gesicht vor ihr sitzen. Seine Brust arbeitete fürchterlich, er schien fassungslos. Hand und Schnupftuch verbargen ihr seine Züge.
Ich verstehe dich durchaus nicht, Roderich! wiederholte sie mit trauriger, aber fester stimme. Meinst du jedoch eine Einmischung des Geheimrats, so ist deine Besorgniss grundlos, denn er steht auf dem Punkte, Wien auf lange zu verlassen.
Das ist nicht wahr! fuhr Kronberg auf, das wäre in seiner Lage Wahnsinn, Raserei! – Was will er damit? Hält er mich – er zitterte vor Wut, seine Zähne schlugen aneinander – hält er mich etwa gar für eifersüchtig?
In diesem Augenblicke brachte der Jäger des Grafen ein Billet. Roderich erbleichte; er las es mehre Male und verliess mit dem Jäger das Zimmer.
Nach wenigen Secunden kam er zurück und nahm seinen Platz wieder ein. In dumpfes Sinnen verloren, sassen die Gatten einander lange gegenüber. Endlich sprach Kronberg weiter: Unser Egon ist der ausgezeichnetste Knabe, den ich je gesehen –
Dank sei Gottard, der seine Anlagen erweckte! dachte Anna.
Ich hoffe, er wird einst unter den Bedeutendsten seines Vaterlands zählen, darum will ich ihm keine berechnenden Erziehungsfesseln angelegt wissen, wie sie mich während meiner Jugend gedrückt –
Anna seufzte und schwieg.
Herr Gottard und Consorten vermögen kaum, den Standpunkt zu erfassen, von welchem aus der junge Aar seinen Flug beginnen soll. Ja! fuhr er plötzlich, wie in's Weite blickend, aber sehr trübe fort, er mag die Flügel ungebunden entfalten und des Vaters Beispiel soll ihn wenigstens vor einer sentimentalen Störung seiner Carrière bewahren, zu welcher auch ihn die Umstände stossen könnten, und der in unsern Tagen überall nur die krasseste Lebensironie entgegentritt.
Um Gottes willen, Roderich! fuhr Anna bebend auf, w a s hast du über die Kinder beschlossen?
Die Knaben kommen sogleich nach Berlin unter Geierspergs Aufsicht, der sie in ein bedeutendes adeliges Institut tun mag.
Anna starrte unbeweglich vor sich hin, der Gedanke an diese Trennung lähmte ihre Sinne.
Kronberg sah nach der Uhr, dann sprach er fort: Geiersperg hat mit bewundernswerter Consequenz Viatti's Sache geführt; zweimal ist er in Mailand und Neapel gewesen. Graf Gonfalonieri büsst mit lebenslänglichem gefängnis, was hier, in schonender Milde, mit Verbannung und einem gegebenen Ehrenwort abgemacht wurde. Noch in diesem monat hoffe ich meiner Nichte Ehre gesichert und die Folgen dieses tollen