doch, wenn ein ander Mal das Kind von seinem Bettchen aus die Mutter in tiefer Nacht, bei einem einzigen Licht, an der Christbescheerung für die Kleinen heimlich arbeiten sah, wenn es die tausend Ersparungen und Berechnungen bemerkte, durch welche die teure Frau den Geschwistern ein Spielzeug mehr auf den Weihnachtstisch legen konnte, dann fühlte es sich wieder tausendmal glücklicher als Leontine, deren Wünsche so leicht und nebenher erfüllt werden konnten. Annen ward dann Alles lieber, instinctmässig empfand sie einen Vorzug ihres Geschicks und es ward ihr ernst und still beim fest zu Mute. Das schwarze Kleid der Mutter, das Kuchenbacken, ja sogar das vorangehende Fasten rührte sie durch einen geheimnissvollen beglückenden Zauber; aber Anna verstand sich selbst eben so wenig, als Frau von Waldau sie begriff.
Drüben zerfiel indessen das äussere Leben auch in zwei Hälften. Madame Sophie hatte eine eigentümliche Atmosphäre, die eben so sehr von der ihrer herrschaft, als von dem türingisch-bürgerlichen Leben abwich. Man spricht so viel über das Festalten der Engländer an ihren Sitten und Gebräuchen auf dem Continent, sie machen etwas mehr Umstände dabei, als die Franzosen, die am Ende dasselbe tun. Denn es bleibt höchst bemerkenswert, dass selbst die Revolution mit ihren Folgen die eigentliche Familiensitte des Petit bourgeois nicht anzugreifen vermocht hat!
Madame Sophie wurde noch mit altväterischer Galanterie von ihrem mann behandelt, der trotz seiner zahlreichen Infidélités sie entschieden als Hauptperson anerkannte und von seinen Landsleuten sich le mari de la femme de regret nennen liess; liebte ihn doch diese Frau aus Herzensgrunde und verdeckte unermüdlich alle seine Schwächen!
In der höhern Gesellschaft war der Mut, mit welchem sie ihre herrschaft vor der Plünderung bewahrt, zu allgemein bekannt, als dass man sie einer gewöhnlichen Dienerin hätte gleichstellen mögen.
Auch war sie eine durchaus angenehme Erscheinung, voller Witz und Verstand, ungezwungen und dennoch bescheiden. In ihrer rein bewahrten Nationalität lag ein so eigentümlicher Reiz, dass beinahe keiner der berühmten Gäste des Waldau'schen Hauses an Madame Sophiens tür vorüberging, ohne auf ein Viertelstündchen bei ihr einzusprechen. Bei diesen Gelegenheiten entfaltete sie eine Menge durch Erfahrung erworbener Kenntnisse, und belustigte oft ihre Zuhörer durch die wunderlichsten Aufklärungen über Zeitumstände, die ihnen in ganz anderem Lichte erschienen waren.
Die Kinder waren viel um sie und hörten solchen Gesprächen gern zu, noch lieber aber liessen sie von ma bonne's eigener Vergangenheit sich erzählen. War die Gesellschaft oben beisammen und Duguet beschäftigt, nahm Sophie die beiden kleinen Mädchen auf den Schoos und erzählte ihnen: von Ludwig des Sechszehnten tod, von der Emigration und wie sie damals als Kammerfrau im Dienst der schönen Gräfin D'Alvigni gestanden. Und Bild auf Bild drängte sich hervor aus dem tiefen Schacht ihrer Erinnerung.
Dann sprach sie weiter von den Clubs, den Jakobinern und der Zeit der Terreur, deren Greueln sie mit der gräflichen Familie entflohen; sie beschrieb den Kleinen den Stromübergang der Verbündeten über den Rhein bei Mühlheim und die herzzerreissende Trennung des Grafen von seiner Gemahlin, die erst nach Jahren erfuhr, dass auch ihn bald nachher das Beil der Guillotine getroffen. Dazwischen aber webte ihr heiteres Naturell humoristische Skizzen des Emigrantenlebens; Grafen und Marquis traten als Schneider und Schuster auf, um wiederum an Galatagen, bei ihren Zusammenkünften, mit den alten Abzeichen ihres Ranges zu glänzen.
Die bunte Mischung all dieser Bilder führte die Kinder in eine Realität des Lebens ein, die ihnen kein Geschichtslehrer geboten haben würde.
Nun malte Sophie die sich steigernde Not aus; die Scenen wechselten immer geschwinder; schon hatte die Gräfin alles verkauft, was sie von Wert gerettet; ma bonne ward Wäscherin und ernährte sie und ihre beiden Kinder.
Anna ward sehr ernstaft, sah sie freundlich an und fiel ihr endlich schweigend um den Hals.
Aber das Elend wuchs. Sophiens Erwerb reichte nur spärlich, Duguet war seinem Herrn gefolgt, mit ihm verkleidet über die französische Grenze zurückgegangen. Nun ward es Winter. Mit fürchterlicher Gewalt schwemmte der Eisgang seine Krystallblöcke daher, als Sophie zum zweiten Male mit ihrer Gebieterin Mühlheim berührte. In wilder Eile setzten eben Truppen über den teilweise freiwerdenden Strom. Das Gedränge war unbeschreiblich beängstigend; durch lange Gassen verschlossener Häuser irrten Sophie und die gräfliche Familie auf und nieder, ohne ein Unterkommen zu finden; den Kindern bluteten die zarten Füsse und versagten den Dienst. Mühsam schleppte Sophie sie weiter; endlich ward eine schlechte Schlafstätte mit vielem Gelde erkauft – Mutter und Kinder ruhten. Sophie wagte noch einmal sich hervor, Nachrichten einzuziehen und Lebensmittel einzukaufen; auf diesem Wege aber ward ihr sehr unwohl. Die Unglückliche blieb in einem fremden haus auf den Marmorquadern eines Vorplatzes liegen; als es ihre Kräfte gestatteten, kroch sie mühsam auf Händen und Füssen unter einen dunkeln Treppenvorsprung. – Niemand beachtete, niemand gewahrte sie, und dort gebar die arme einen Sohn.
Wenn Sophie bis dahin erzählt hatte, brach sie in unaufhaltsames Weinen aus und schickte die kleinen Mädchen zu Bette.
Aber die Kinder konnten nicht schlafen; Leontine sah, wie Sophie eine seidne Schnur hervorzog, die sie um den Hals trug, und ein daran hangendes zerbrochenes Geldstück lange betrachtete. Als einmal Anna sie fragte, was denn aus ihrem kind geworden, sagte sie, es sei lange tot, man müsse nicht davon sprechen. Längst hatten die Tage der Unterdrückung zu Jahren sich gereiht, Napoleon hatte den Kaiser Alexander zu sich nach Erfurt berufen und der spanische Feldzug bereitete sich daselbst vor.
Josephine sass allein in ihrem Zimmer. Waldau war seit einigen Wochen leidender und