auch nicht begreifen, wie es zugehen mag, dass Sie, Herr Gottard, meine Kinder täglich sehen?
Gottard fühlte lebhaft, es gälte, die Geliebte vor einer neuen Form der Eifersucht zu schirmen, die Kronberg verzehrte. Beide Männer verstanden vollkommen einer den andern: Anna's Name durfte nie unter ihnen genannt werden. Sie sass beklommen, schwer atmend, still in ihrer Sophaecke.
Gottard erwiderte stolz aber besonnen, dass der Director des Instituts sein Jugendfreund sei, den er allerdings während seines kurzen Aufentalts in Wien täglich besuche und bei welchem er den Knaben öfters treffe, zu dem ja immer noch die herzlichste Neigung ihn hinziehe.
Herr Gottard, unterbrach ihn der Graf, als die Kinder noch das Glück hatten, Ihrer Obhut anvertraut zu sein, habe ich, der Vater, mir nie die kleinste Einmischung in Ihre Ansicht und Erziehungsart erlaubt. Sie würden mich verbinden, obgleich ich Ihre Teilnahme dankbar anerkenne, dasselbe jetzt für mich zu tun. Doch habe ich ohnehin mit Beiden andere Pläne und kam, sie mit der Gräfin zu besprechen. Vergeben Sie, dass ich Ihre Gegenwart in meinem Eifer nicht augenblicklich bemerkte; die Sache hat Zeit.
Mit gewohnter Leichtigkeit begann er ein Gespräch über ein von Gottard verfasstes Memoire, blieb eine halbe Stunde und verliess dann das Zimmer mit der Bitte an Gottard, mit Annen noch ein wenig Musik zu machen, indem er die auf dem Flügel liegenden Musikalien bemerkte; das Kind liess er in dessen Armen zurück. Ernst blieben die Liebenden vor einander stehen: die dunkle Ahnung war schon Wirklichkeit geworden.
Anna, sagte endlich Gottard, indem er den Knaben, der in seinen Armen eingeschlafen war – es war Abend geworden – auf's Sopha legte, Anna! wir müssen scheiden. Auf welche Weise ist mir selbst noch nicht deutlich, aber es gilt, Ihnen die Knaben zu erhalten, deren Verlust Sie zerstören würde. Gott weiss, ob ich Sie je wieder allein spreche, darum heute eine Bitte, für welche ich Ihre Verzeihung innigst erflehe.
Er blickte auf Joseph, das Kind schlief fest und sanft. Anna war in einer furchtbaren Stimmung, Gottards volle bewegte stimme vibrirte in jedem Nerv ihrer bebenden Gestalt; sie konnte nicht reden, es erstickte sie.
Der Graf wird meine Einmischung in seine Verhältnisse unter keiner Form jemals vergeben, Sie würden immer dafür büssen. Sie wissen, Anna, dass mein Leben hier, wie in der Ferne Ihnen angehört. Ich werde Wien gleich nach der geschlossenen Uebereinkunft mit Metternich verlassen, mich ganz den Geschäften in den älteren Provinzen widmen. Der volle, tragende Strom der Zeit – Anna, er wird auch uns wieder zusammenführen und – es übermannte ihn, er schwieg einige Secunden – durch alle Verwandlungen der Tage hindurch werden wir einander erkennen. Nicht wahr, immer, überall?
Ich hoffe es, sagte sie, zusammenbrechend.
Nein, o nein, Anna! Sie müssen es w i s s e n , unumstösslich gewiss, wie Sie wissen, was Ihnen das Höchste ist, wie Sie von Gott wissen, von der Fortdauer, tief aus dem inneren der Seele heraus – sonst wäre mein Dasein eine Hölle! schloss er dumpf.
Ich weiss es! sagte sie fest. Er liess sie los und ging nach seiner alten Art einige Male hin und wieder, um sich zu sammeln.
Es bleibt keine Zeit mehr, Wort und Ausdruck zu messen, wir haben kaum noch nach Minuten zu zählen; also meine Bitte.
Anna weinte, Gottard trocknete leise ihre Tränen; aber er berührte ihre Augen nur mit dem Tuche. hören Sie mich, fuhr er immer trauriger fort, jede kleinliche Rücksicht einer engherzigen Delicatesse muss in diesem Augenblicke schwinden! Ihr Gemahl darf n i e , unter keiner Bedingung, auf keine Weise erfahren, was zwischen mir und Louis vorgefallen; die Verpflichtungen, die er und ich als Männer gegeneinander übernommen, müssen unberührt zwischen ihm und mir allein bleiben – d a s , Gräfin, versprechen Sie mir! Es ist wichtiger, als Sie ahnen.
Louis hat mir alles geschrieben –
Unmöglich!
Ich weiss, welche Summe Sie für ihn übernommen. Er hat m i r das Geld zu zahlen –
O Anna! rief Gottard, schmerzlich ergriffen, indem er ihre hände einen Augenblick an seine Brust zog, mussten Sie es aussprechen? Mussten Sie das elendeste Wort in dieser Stunde sich eindrängen lassen, die wahrscheinlich für uns keine Schwestern auf Erden hat? – Doch wie Sie wollen! Gleichviel; meine Bitte bleibt fest: kein Vorwurf, keine Scene, kein Misverstehen darf Ihnen das geheimnis entlocken; Kronberg darf n i e erfahren, was zwischen mir und Louis abgehandelt! O Freundin! versprechen Sie mir, was Sie nicht begreifen, ich bitte, ich beschwöre Sie darum!
Ich verspreche es! sagte Anna; und glauben Sie mir, es ist kein Kleines, was ich tue, dass ich verspreche, was ich nicht übersehen kann!
Mutter! Gottard! schrie das Kind im Schlaf. Beide eilten zu ihm. Gottard küsste seine blonden Locken, die über die Sophalehne herabhingen – er sah traurig aus, wie van Eiks richtende Engel. Gott erhalte Ihnen den Knaben! rief er gepresst, dann wandte er sich, um zu scheiden. In Beiden wogte der Kampf einer mit jedem Moment sich steigernden verzweifelnden leidenschaft und seine schmerzliche Gewalt riss Herz an Herz. Gottard drückte die zitternden hände auf seine Augen. Nein! nein