die Sache hingestellt, wie sie eben war; ja, er hatte sogar den aufgeregten fieberhaften Zustand, während welchem er dem Hazardspieler in die hände gefallen, dem unverantwortlichen Betragen Kronbergs gegen sich und Annen zugeschrieben.
Es lag wenig Liebe und gar keine Hingebung in diesen herben Abschiedsworten an seine Schwester, und dennoch schlossen sie mit der Voraussetzung, dass sie um seinetwillen den Verlust der paar Taler leichter verschmerzen werde, als er, der freilich nur zerstörte oder halberfüllte Hoffnungen seinem armen weib heimzubringen habe.
Anna weinte bittere Tränen, Louis' Egoismus schnitt ihr in's Herz, sie fühlte sich zwischen Gatten und Bruder so fürchterlich allein, so fremd, wie in einer endlosen Wüste. Louis' Anklage ihres Mannes war schonungslos scharf, das Aussprechen seiner Treulosigkeit gegen sie tat ihr aus ihres B r u d e r s mund weher, als in all den Bemerkungen der frivolen Gesellschaft, welche am Ende nur lachte, spöttelte und – vergass.
Auch Gottard, dem ganz unbegüterten Freunde, eine neue Last aufgebürdet zu sehen, schmerzte sie – da hörte sie den ihn meldenden Bedienten. Als er aber nun eintrat mit dem milden freudigen Ausdruck in den geisteshellen Zügen, ward ihr, als senke sich plötzlich die Heimat um sie nieder, aus dem Himmel in ihr Herz.
Gottard setzte sich diesmal neben sie, statt wie sonst ihr gegenüber. Ihm war so unsäglich wohl und leicht; war doch nun diese sorge der teuern Frau entnommen.
Er sprach sogleich von Louis, ging freimütig in dessen Lage und Ansicht ein, erst ihn beklagend, dann heiter ihn verteidigend. Er schilderte ihr Schlesien, Glatz, das er kannte, das gemütliche, etwas beschränkte Bürgerleben des Städtchens; sprach über manche kleine Vorteile und Annehmlichkeiten, die ein längerer Aufentalt Louis und den Seinen dort gewähren müsse. Mit jedem neuen Abschnitt lichtete er die Farbe seiner Darstellung.
Zuletzt erzählte er von sich, dass er selbst früher gern sein Glück auf einen raschen Wurf gesetzt und schwer dem Spiel entsagt. Er lobte Louis' sanftes Hinnehmen seines Eingriffs in eine ihm ganz fremde Angelegenheit; er breitete eine lange bunte Scenenreihe vor dem geliebten Blicke aus, wie man einem kranken kind ein Bilderbuch aufschlägt und mit ihm es durchblättert, und lockte so aus allen Tiefen ihrer Seele die Schmerzen und dunkeln Gedanken hervor, um sie wie mit einem balsamischen Zauber zu umweben. In diesem Augenblicke lag nicht die mindeste leidenschaft in seinem Tun zu Tage; es war die Wundermacht des tief sein ganzes Sein durchdringenden Gefühls eines schonenden tiefen Wohlwollens, das er bewusst und sanft anwendete, wie ein Arzt die ihm inwohnende heilende Kraft.
Anna war, als habe sie noch nie Jemanden zugehört, oder als tauche ihre Kindheit wieder auf, als sässe sie noch auf Sophiens Schoos und lauschte emsig deren Erzählungen. Wie eine Blütendecke legten sich seine Worte auf die unruhige Qual ihres inneren. Mit einem unaussprechlichen Dankgefühl blickte sie zu ihm auf, der Widerschein ihrer Stimmung in seinem Antlitz rührte sie fast noch inniger, als sein Handeln. Wie selten war ihr wohlgetan worden in ihrem so beneideten und brillanten Leben! Und Er war ihr noch dankbar dafür, dass sie es annahm.
Die kleine irländische Ballade, welche Leontine am ersten Abende des Zusammenseins mit ihm gesungen, war Beiden eine Art inneren Palladiums geworden. An jenem Abend hatte Gottard zuerst sich ihr ausgesprochen. Seitdem hatte er die Verse in Musik gesetzt und oft gesungen. Wenn Kronberg Annen ganz unverständlich wurde, spielte sie die Melodie; seltsam genug liegt diese Art Doppelempfindung in der weiblichen natur: sie wollte Roderichs früheres edles Bild sich hervorrufen, es festalten, trotz den entsetzlichen Verzerrungen des Lebens, und dennoch blickten Gottards ernste stetige Augen so tröstlich zwischen den Notenreihen sie an.
Anna sass in der Nähe des Fortepiano, auf demselben lag die Ballade aufgeschlagen; unwillkürlich fiel ihr blick darauf, er umflorte sich, sie ward sehr düster.
Gottard war ihr im Sprechen näher gerückt, sein Stuhl berührte die Sophaecke, in welcher sie ruhte. Sein Auge folgte dem ihren, aber er verstand den Zug ihrer Gedanken nicht sogleich; es trat eine jener gefährlichen Gesprächspausen ein, in denen die Gewalt des sich insgeheim entwickelnden Gefühls verräterisch der Erwiderung im Augenaufschlag des Geliebten begegnet – Beide erröteten. Gottard ergriff ihre Hand und küsste sie unbewusst leise; sie liess sie ihm eben so unwillkürlich.
Zum ersten Mal versagten sich ihnen Wort und Gedanken, die innere Flut der Empfindung und einer plötzlich sie überkommenden namenlosen schmerzlichen Ahnung überwältigte Beide. So sassen sie schweigend neben einander, dicht zu einander gebeugt, lautlos das Glück der Geliebten Nähe fühlend, scheu vor jeder noch näheren Berührung zurückbebend.
Da sprang die kleine Tapetentüre auf, die aus dem Cabinet zu einer obern Zimmerreihe führte, Kronberg trat in dieselbe, er schleuderte den kleinen Joseph vor sich her, den er an der Hand herabgeführt.
Kannst du mir erklären, Anna! – begann er und blieb verstummend, staunend an der Schwelle stehen – er gewahrte Gottard, der aufgesprungen war, der Knabe aber stürzte in des geliebten Freundes arme, der ihn zärtlich an sich zog und liebkoste. – Joseph, fuhr Kronberg nach einem höflich kalten Grusse fort, hat mich soeben gebeten, ihn zu seinem Bruder in's Institut zu tun, weil er dort Herrn Gottard wieder alle Tage sehen würde. Er klagt über seinen Lehrer, dass er ihn geschlagen; wolltest du die Gnade haben, mir diesen Gallimatias zu erklären? In der Tat kann ich