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, als wolle es seine Adern sprengen. Ich habe vor meinem Freunde St. Luce kein geheimnis! fuhr er bittend fort.

Louis schwieg immer noch. Er schämte sich, die Namen des Wirtes und einiger untergeordneten Personen zu nennen, ein inneres Zartgefühl hielt ihn zurück; er wusste, der reiche Graf würde solche Stimmen nicht gelten lassen. Morgen! wiederholte er entschlossen.

Nach secundenlangem Nachsinnen liess ihn Roderich ruhig mit St. Luce sich entfernen.

Ein ungeheurer Schmerz hatte ihn ergriffen, es war ihm klar, Anna, Anna hatte über ihn geklagt! Anna hatte Geheimnisse vor ihm. Ein fressendes Mistrauen drängte sich in seine Seele und zwischen ihn und sie. Er ward rauh, unfreundlich, höhnisch gegen seine Frau, die diese neue Wendung seiner Laune nicht begriff und in der die sehnsucht nach Gottard mit jedem Tage fürchterlicher arbeitete und bohrte, wie das tödtende Eisen, das man langsam in die verwundete Brust senkt.

Louis aber war wenige Stunden, nachdem er den Grafen verlassen, plötzlich heftig erkrankt; der klimatische Wechsel oder die ungeheure innere Aufregung, die das Gespräch mit demselben erzeugen musste und die der nur an körperliche Strapazen Gewöhnte nicht in sich zu verarbeiten vermochte, zogen ihm ein Wechselfieber zu. Anna und St. Luce besuchten ihn täglich; Letzterem gelang es, ihm allmälig etwas ruhigere Ansichten einzuflössen und sein Betragen gegen den Grafen zu regeln. Kronberg liess sich alle Morgen nach ihm erkundigen, ging aber nicht hin. Schweigend verdoppelte er Annens Nadelgeld. Sie muss doch anständig erscheinen können, sagte er bitter; aber sein Benehmen blieb folternd ungleich, hart und voller Mistrauen. Jedes Gefühl seines eigenen Unrechts gegen sie war plötzlich aus seiner Seele geschwunden.

So standen die Dinge, als unerwartet, wie ein Trost des himmels, Gottard von Berlin zurückkehrte.

Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem Gefühl: Er ist da, du wirst ihn sehen! Und in den Vormittagsstunden kam er. Sie durchsprachen in hieroglyphenartigen Worten Alles, was während jener tödtenden Trennungszeit an Beiden vorübergezogen; sie berührten es kaum und nur andeutend, denn bei solchem Ineinanderwachsen der Seelen bedarf es keiner langen Rede; jeder blick, jeder Hauch, jedes Schweigen wird verstanden. Das eben ist ja das eigentliche Glück der höheren Liebe, dass sie zwei Menschen frei macht von all den kleinen Qualen und Fesseln des Nichtverstehens und der Seeleneinsamkeit.

Sie erzählte ihm auch von Louis, von seinem Betragen und seiner Krankheit und dass er nun heimzureisen gedenke, doch seltsam mit dem Entschlusse dazu zögere von Tag zu Tag, ohne eigentlichen Grund. Als er sie verliess, begegnete ihm im Hinausgehen St. Luce.

sonderbar, sagte dieser, ich bringe den jungen Müller durchaus nicht fort. Der Arzt findet ihn genesen; sein auf unser Schreiben verlängerter Urlaub ist fast abgelaufen; seine Rechnungen sind in unsern Händen, der Wirt, der Arzt, der Schneider – –

Und alles das muss die Gräfin zahlen? fragte Gottard.

Leider! Sie besucht ihn alle Vormittage, er nimmt jedesmal halb und halb von ihr Abschied, versichert, ein förmliches Lebewohl sei ihm unerträglich, und am nächsten Morgen findet sie ihn wieder. Was kann das sein, er kann uns doch nicht immer so in Wien auf dem Halse bleiben wollen! Sollte er verliebt sein oder heimliche Schulden gemacht haben?

Er hat gespielt, erwiderte Gottard, wie durch plötzliche Eingebung. Ich will sogleich zu ihm.

Gottard hatte die Fessel richtig erkannt, welche den Unglücklichen von seinem Krankenlager nicht sich lösen liess. Louis war einem stube an stube mit ihm wohnenden Glücksjäger in die hände gefallen und alles Geld, das er von Anna erhalten, jenem bereits zur Beute geworden.

Die Art und Weise, durch welche es Gottard gelang, den Unbesonnenen zum geständnis zu bringen, kann für uns kein sonderliches Interesse haben. Als die Summen berechnet waren, reichte Alles, was Louis an baarem Gelde besass, nicht hin, die Hälfte der Schuld zu decken. Des ganz Unbemittelten Aufentalt in einem Hotel, seine Krankheit, seine verschiedenen Bedürfnisse hatten Annens Hilfsquellen erschöpft; sie hatte es nicht geradezu gesagt, Gottard hatte es im Gespräch mit ihr durchfühlt, er übernahm sogleich einen teil der Zahlung, für den andern sagte er gut und verliess Louis erst, nachdem er eine lange Unterredung mit dem Spieler gehabt und jenen zum Postofe begleitet hatte.

In den letzten Momenten seines Aufentalts, während Gottard zu seinem Nachbar hinüberging, nahm Louis in einigen Zeilen Abschied von seiner Schwester und übergab den Brief dem Lohnbedienten des Hotels.

Nachdem auf diese Weise alles geordnet und Louis abgereist war, glaubte Gottard Annen beruhigen zu müssen, ohne ihr jedoch von der sich auf einige und fünfhundert Gulden belaufenden Summe etwas zu sagen, die zu zahlen er übernommen, und von welcher er hoffte, sie solle ganz unerwähnt bleiben, um der teuern Frau nicht auf's Neue eine Ursache zu geben, über ihren Bruder zu klagen.

Als er Annens Zimmer betrat, fand er sie in Tränen, sie hatte ihn angenommen, weil sie sich's nicht zu versagen vermochte. Es war die erste Unbesonnenheit ihrer Liebe, der erste Fehltritt. Louis hatte ihr alles geschrieben.

Zu redlich, einen ihm ganz Fremden um eine ihm bedeutend erscheinende Summe zu bringen, zu leichtsinnig, um die möglichen Folgen der Uebertragung seiner Anleihe zu bedenken, schien ihm der natürlichste Ausweg der, seine Schwester zu Gottard's Schuldnerin zu machen. Kahl und nackt, ohne alle Selbstentschuldigung, hatte er ihr