Schwager setze er keinen Fuss mehr. Anna traf ihn auf der Promenade, fuhr mit ihm um ganz Wien herum, stieg am Glacis aus und ging mit ihm spazieren. Die gestrige Scene erneute sich. Anna versprach, die Pension ferner zu zahlen, zu Abtretung des Erbteils verstand sie sich aber nicht – ein dunkles Gefühl warnte sie. Als sie ihn verlassen musste, um sich zum Diner zu kleiden, bat sie ihn, mit ihr den Abend in's Burgteater zu gehen, sie wolle ihn abholen.
Mochte ihn ihre abschlägige Antwort verdrossen oder er vergessen haben, dass er selbst am Morgen sich geweigert, Kronbergs wohnung zu betreten, er ward abermals heftig und meinte, vermutlich dürfe sie ihn nicht in's Haus bringen, ihr Mann wolle den geringen Soldaten gar nicht einmal sehen, er werde ihn wohl durch seine Lakaien zur Tür hinauswerfen lassen? Anna litt unsäglich. Im nämlichen augenblicke rollte Kronbergs Equipage heran. Die Spanierin kannte Annen, sah sie mit einem stattlichen, sogar schönen jungen mann gehen und lorgnettirte das Paar aufmerksam und dreist. Auch Kronberg sah schärfer hin, trotz seiner Verwandlung erkannte er Louis; natürlich grüsste keines von Beiden.
Wer war das? Wer ist die? fragte Louis?
Ich weiss nicht, stotterte Anna verlegen und wurde abwechselnd bleich und rot.
Aber ich weiss es! Kreuz, Bomben und Granaten! Armes, armes Weib! – Er drohte ihnen mit der Faust nach. Ohne ein Wort weiter zu reden, führte er Annen an ihren Wagen, hob sie hinein, warf den Schlag zu und war verschwunden. Anna zitterte heftig, sie konnte kein Auge aufschlagen.
wild wogte das Blut in Louis' kochender Brust, er glaubte, den Wagen einholen zu können, um zu erfahren, wohin der Graf mit seiner Geliebten fahre, aber die Pferde entschwanden ihm nach wenig Secunden. Betäubt, nach Entschluss ringend, trat er in ein Weinhaus. Er trank hastig, er wusste nicht wie viel, noch was. Am Morgen hatte er in seinem Hotel allerlei Erkundigungen eingezogen und die widersinnigsten Uebertreibungen hatten ihn gegen den Grafen aufgehetzt; in seinem halben Rausch hielt er Kronberg für einen Schlemmer und niedrig schlechten Menschen, seine Schwester für eine arme verlassene Frau. Seine eignen Nodomantaden befeuerten ihn mehr und mehr, und ehe er selbst sich dessen klar bewusst worden, hatte der Portier, der ihn erkannte, ihm geöffnet und er war ungesehen in's Haus bis zu Kronbergs Zimmer vorgedrungen, woselbst er Posto fasste und ihn zu erwarten beschloss.
Unterdessen war Anna im Nachhausefahren St. Luce begegnet, den sie sogleich in ihren Wagen zu steigen und mit ihr nach haus zu fahren bat. Der alte Freund erschrak, als er ihre heftige Erregung gewahrte. Halb verwirrt vor Angst, erzählte sie ihm den gestrigen Vorfall und dass Louis mit Kronberg hart an einander geraten; sie bat ihn, einen von Beiden zu bewachen, um ein noch schlimmeres Zusammentreffen zu verhindern. Wir haben Kronberg eben auf der Promenade begegnet, schloss sie verlegen, er fuhr an uns vorüber.
Das eine Wort war dem gewandten Franzosen genug, er wusste sogleich mit wem, und erriet das Uebrige. Nach wenigen Minuten verliess er seine schöne Freundin, um Louis zu besuchen, ging aber statt dessen zu Kronberg, drückte dem Bedienten, der ihn melden wollte, einen Gulden in die Hand und trat in dem Augenblicke in's Zimmer, als Kronberg eben seinen Schwager bei der Schulter ergriff und heftig auf ihn eindringend, wiederholend ausrief: Wer ist der Elende? Wer hat es gesagt?
Pardon, cher Comte! sagte der alte General und liess im Eintreten seinen Stock fallen, den er, mit dem rücken jenen zugewendet, äusserst mühsam aufhob. Auf diese Art gehindert, irgend etwas von dem zu sehen, was vorging, fuhr er fort: Ich kam, Sie zu bitten, mich meinem jungen Freunde Müller vorzustellen, der freilich den brillanten Offizier von Anno 8 schwerlich in mir erkennen wird.
Kronberg hatte im Augenblick seines Eintritts die Hand von Louis' Schulter zurückgezogen, ihm standen die Schweisstropfen glühender Beschämung auf der Stirn, er hatte ja seinen Schwager beinahe wie einen Bedienten behandelt!
Louis fasste sich schneller, weil das erkennen des Generals seine Aufmerksamkeit gewaltsamer in Anspruch nahm. St. Luce liess sich innerlich von Beiden zu allen tausend Teufeln wünschen, hielt aber Stich und ruhte nicht eher, bis er Louis' Stimmung beschwichtigt hatte. Die ausserordentliche Freundlichkeit des alten Mannes, der ihn wie einen Sohn an's Herz drückte, überwältigte ihn. Mit Bitten bestürmt, den General zu begleiten, der ihm durchaus Wien zeigen wollte, wandte sich der junge Krieger etwas verlegen, doch jetzt in durchaus würdiger Weise, zu Kronberg: Ich stehe Ihnen morgen zu Dienst, sagte er kalt.
Auf Kronberg, der augenblicklich des schlauen Invaliden Spiel durchschaute, machte die Sache einen allmälig fast komischen Eindruck. Der alte Fuchs, dachte er innerlich, er hat ganz Recht! Mit einem Unteroffizier kann ich mich doch nicht schlagen! Und wegen der Capacelli! ich! Er reichte, plötzlich entschlossen, seinem Schwager die Hand. Vergeben Sie mir, ich bin zu rasch gewesen! sagte er mit anmutiger Höflichkeit; Sie sind im Recht! Ist's aber irgend möglich, so nennen Sie mir nun endlich den Namen des Verleumders, ich bitte Sie dringend darum! Der Graf sah vollkommen beruhigt aus, und doch wogte das Blut noch in ihm