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er aber lege das Geld in eine Schieblade, über welche sie und er gingen. Er sähe freilich nun wohl ein, bei den Adeligen sei Alles das anders; er habe oft seinen seligen Vater innerlich angeklagt, dass er die Mutter zu knapp gehalten, und sie habe ihn oft gejammert, aber nun, wenn er's recht überlege, ginge es ja bei den Vornehmen nicht um ein Haar besser zu, die es obendrein nicht einmal brauchten, die das Geld haufenweise zum Fenster hinauswürfen, es verspielten oder zu allerlei liederlichen Streichen anwendeten, und das oft auf noch schlimmere Art, als der Soldat, der doch immer in den Augen der fein Gebildeten für den Aergsten gelten müsse, während jene mit Comödiantinnen und Tänzerinnen Alles vergeudeten.

Das traf einen wunden Fleck in Kronbergs Brust. Der ganz absichtslose Ausdruckdenn Louis hatte ja keine Ahnung vom Dasein der Capacellifachte eine furchtbare Flamme des Zorns in ihm an. Nach wenigen schonungslosen, durch Eiseskälte und Schärfe des Tons gleich vernichtenden Worten verliess der Graf das Zimmer und begab sich wieder zur Gesellschaft.

Dies Alles erfuhr oder vielmehr erriet Anna aus den rhapsodischen Ausbrüchen der Empörung, in welcher sie ihren Bruder fand. Ohne auf ihre Bitten oder mildernden Erörterungen zu hören, ergriff Louis seinen Tschako und rannte hinaus, sie hatte eben noch Besinnung, Duguet ihm nachzuschicken. Duguet, der immer wortlos die Stimmung und den Zustand seiner Gebieterin zu erraten verstand, folgte dem jungen mann, führte ihn höflich in ein anständiges Gastaus, besorgte sein Ränzel hin, bediente ihn und stand am frühesten Morgen mit einem Magazinschneider vor ihm, der einen äusserst anständigen Civilanzug ihm präsentirte.

Wer irgend Wien kennt, muss begreifen, dass Anna ihrem Gatten die möglichste Rücksicht auf Louis, des Unteroffiziers, äussere Erscheinung schuldig war. Sie durfte Kronberg nicht den spottenden fragen und Blicken der Ein- und Ausgehenden preisgeben, und gestern hatte doch auch ihr ein wenig vor der staubbedeckten Montur ihres Bruders, vor dessen sonneverbranntem Angesicht und harten Händen gegraut. Ohnehin mussten die in der kleinen Grenzstadt nicht feiner gewordenen Manieren desselben Kronberg störend sein, das war nicht zu ändern. Sie bewilligte alles, was Duguet für ihn verlangte; als sich aber die Tür hinter ihm schloss, schossen ihr ein Paar sehr bittere Tränen in die Augen.

Man gibt der menschlichen Charakterbildung allgemein klimatische und nationale Färbung zu; Niemand wundert sich, einen Italiener heftig, einen Spanier rachsüchtig, einen Holländer ruhig oder gar phlegmatisch zu finden, das alles ist als traditionell längst in die allgemeine Volksansicht übergegangen; aber an den nicht kleineren Unterschied, den die äussere Stellung, die früheste Umgebung, der Umgang unserer ganzen menschlichen Entwicklung aufdringt, an die Modificirung der Ansichten und Begriffe, die sie erzeugen, denken Wenige, und doch steht diese Einwirkung der klimatischen noch immer wenigstens gleich.

Im grund hatten Beide, der Graf und der Unteroffizier, jeder von seinem Standpunkte aus, Recht, Beide mischten nur ihrer Selbstbeurteilung einen teil Selbsttäuschung zu. Der Cavalier hätte nicht vermocht, einem so hoch über ihm stehenden Verwandten mit solchen Anforderungen sich an den Hals zu werfen, aber Unterstützung, Avancement, Avantagen hätte er ohne Scheu von ihm erwartet und angenommen; seine edlere natur würde vielleicht dabei mehr gelitten haben, aber die Not hätte ihn wie jenen gezwungen.

Der kleine Bürger dagegen ging directer zu Werke, ihm war die reiche Verwandtschaft eine blosse Fundgrube, die Delicatesse drückte ihn durchaus nicht. Als reicher Fabrikant würde er ähnliche zudringliche Ansprüche, wie er selbst sie an Kronberg machte, auf's Gröbste abgewiesen haben, dagegen aber, auch ohne Aufforderung, seiner armen Freundschaft beigesprungen sein in kurzer drängender Verlegenheit; einem reichen Verwandten hätte er vielleicht noch lieber beigestanden und hätte dann die Selbstbefriedigung geschmeichelter Eitelkeit mit in den Kauf genommen. Von welchem Standpunkte aus sollten oder konnten sich nun wohl diese Beiden verstehen? Wem sass das brennende Nessuskleid frühjähriger Gewöhnung fester um Sinn und Seele?

Und auch im zarteren Charakter Anna's hafteten die ersten Erfahrungen des noch kaum in die Aussenwelt blickenden Kinderauges. Sie fühlte sich in ihren Erinnerungen verletzt, zerspalten und weinteum ihren Bruder. Sie gedachte der übersehenden nichtachtenden Gleichgültigkeit, mit welcher Kronberg stets ihre Familie betrachtet; sie schaute weit zurück in ihrer Mutter Herz, die für jeden noch so entfernten Vetter Trost und Teilnahme in sich trug; sie gedachte Otto's und ihres Oheims Ankunft am Neujahrstage, und es kam ihr vor, als ertrage doch Kronberg ihre bürgerliche Abkunft sehr schwer.

sonderbar, dass ihr nicht einen Augenblick beifiel, dass auch Gottard ein Bürgerlicher sei! Es ist aber unleugbar, dass in unseren Tagen dem wirklich eminenten Talent überall Bahn bereitet ist und die Aristokratie des Geistes jede andere weit überflügelt, bei Männern und Frauen. Dass bei den letzteren an den Fühlfäden des Gemüts, wie an den Wurzeln einer schönen Blume, der Heimatsboden fester haftet beim Verpflanzen, liegt an der inneren Poesie, mit welcher sie der Gegenwart überhaupt selten gestatten, der schönen Vergangenheit es gleich zu tun.

Vermöchten wir daher nur in dem jetzigen Ringen befugter und unbefugter Weltverbesserungen, Jeder in sich selbst die grosse Revolution zu bewerkstelligen, die das individuelle Urteil von den Banden aller Gewöhnung und des eigenen Standpunktes erlöste, dann wäre wirklich dem intellectuellen Sein ein schöner Tag erschienen, es feierte dann seine goldne Zeit!

Aber als Louis nun nach vollendeter Umwandlung zu Annen sollte, erklärte er ihr schriftlich, sie müsse irgendwo mit ihm zusammenkommen, zu seinem vornehmen impertinenten