wandte sich, ihn unterbrechend, zu Annen, die ihm leid tat, und bat sie an seiner Statt auf ein Paar Minuten zu den Herren hinüberzugehen, um ihre längere Abwesenheit zu entschuldigen, zugleich aber Erfrischungen für ihren Bruder zu senden, der gewiss nach der Reise derselben bedürfe. Er winkte ihr freundlich mit den Augen und versprach, dass er sie gleich wieder ablösen werde.
Anna hätte natürlich lieber gesehen, dass Kronberg drüben den Wirt gemacht hätte; es lag aber nach langer Zeit wieder einmal die edle, milde Güte in seinen Zügen, die ihn immer ihr gegenüber den Sieg davontragen liess; und da dem vollströmenden Redefluss des jungen Kriegers ohnehin kein Einhalt zu tun möglich schien, ergab sie sich in das Unvermeidliche und ging. Sehr anmutig sagte sie den noch um den Kaffeetisch versammelten Freunden, dass ein lieber unerwarteter Besuch aus der Heimat sie heute um die Freude ihrer Gesellschaft bringe und sie Kronberg allein das Vergnügen, sie zu unterhalten, überlassen müsse. Sie hatte kaum den Glückwünschen und Bedauern ihrer Gäste Genüge getan, indem sie auf einen der nächsten Tage sie wieder einlud, um sich zu entschädigen, als Kronberg wirklich schon kam, um sie zu befreien. Aber, ach! der schöne Strahl des Wohlwollens in seinen Zügen war erloschen, und sein convulsivisch zusammengekniffener Mund, sein ganz verändertes Aussehen erschreckten sie bis in das tiefste Herz.
Drüben fand sie ihren Bruder in der Aufregung des heftigsten Verdrusses. Er war im Sprechen mit Roderich immer vertraulicher geworden, hatte nicht nur die von Annen ihm zugestandene Summe jährlicher Rente erwähnt, sondern auch geäussert, er habe ihr das eigentlich viel zu hoch angeschlagen; wenn er gewusst hätte, wie reich sie sei, wie kostbar sie wohne und wie alles um sie her von Gold strotze, so würde ihm doch sehr schwer geworden sein, sich nicht mit grösseren Ansprüchen an seine Schwester zu wenden. Es sei freilich einmal die schlimme Einrichtung in dieser Welt, dass der Eine in Sammt und Seide einhergehe, während der Andere barfuss laufe; aber Geschwister sollten doch immer an einander halten, und was ihn beträfe, er sei nur ein armer Schlucker, würde aber, wenn Not an den Mann gekommen, nie einen Augenblick angestanden haben, mit Schwester und Schwager sein bischen Salz und Brod zu teilen.
Statt Salz und Brod verzehrte er im Eifer eine kalte Rebhühnerpastete und trank starken Ungarwein und Burgunder durcheinander, die ihm Duguet zur Auswahl hingesetzt. Der ungewohnte Wein stieg ihm zu kopf und raubte ihm die Besinnung.
So, fuhr er fort zu peroriren, sollte Anna auch denken, und wenn sie ein rechtschaffenes Herz im leib habe, könne sie ihre Geschwister nicht in Schulden und Mangel versinken lassen; und dasselbe Vertrauen habe er auch zu seinem Herrn Schwager, darum rede er so offen, frischweg von der Leber. Er und seine Frau wären freilich nur arme, geringe Leute und ihre Freundschaft keine gräfliche, sie gehöre aber zu einem ehrsamen, achtbaren Handwerk, das seinen Mann redlich und notdürftig nähre. Dass ihn und seine Marie das Unglück betroffen, sei nicht ihre Schuld, sein Weib sei brav; aber der Herr Schwager könnten sich's ja leicht selber denken, denn er habe solchen Wohnortswechsel ja auch durchgemacht. Seine Frau verstehe in Glatz die Wirtschaft nicht so knapp und vorteilhaft zu führen; Annen werde es anfangs wohl auch sauer geworden sein an fremden Orten.
Kronberg lächelte; in seinem ganzen Leben hatte er noch nicht mit Annen von der Wirtschaft gesprochen.
Louis trank ein Glas nach dem andern, wurde immer verworrener und steigerte sich in's Absurde. Allmälig siegte, trotz der feinen und gewandten Weise, auch in Kronberg die rohere natur, er ward ärgerlich; ihn verdross Annens Heimlichkeit, ihn verdrossen die auf nichts basirten Ansprüche des Schwagers, der nichts gelernt hatte, und nichts getan, als heiraten und Kinder in die Welt setzen, die er nicht ernähren konnte, und der nun herkam, um sein, Kronbergs, von seinen Ahnen und ihm selbst wohlerworbenes Gut mit ihm zu teilen, und zwar bloss, weil er der Bruder einer Frau war – wieder hob die innere Schlange ihr Haupt – einer Frau, die ihren Mann nicht einmal l i e b t e !
Der eine Gedanke war in Kronberg zur fixen idee geworden, vielleicht gerade, weil er ihn nicht eingestand.
Sehr gemessen und ernst erklärte er Louis, dass er von dem ihm von Annen gewährten Zuschuss nichts gewusst, dass Niemand seinen Geldbeutel zu taxiren habe und er auf keinen Fall zugeben werde, dass Anna zu seinen Gunsten ihres Erbrechts sich begebe, weil es gegen sie selbst, dann aber auch gegen ihren jüngeren Bruder Franz unrecht sein würde. Ob er ihr ferner überhaupt noch gestatten werde – er erschrak über das Wort, was ging denn ihn ihr Nadelgeld an? – oder r a t h e n könne, fügte er sanfter hinzu, die mit so wenig Dank anerkannte Zahlung der Pension fortzusetzen, könne er für den Augenblick nicht bestimmen.
Nun brach der Ingrimm des vom ungewohnten Wein Erhitzten mit doppelter Gewalt los; er sprach von einem goldenen Bauer, in den freilich nicht immer Glück zu finden sei, äusserte, dass, wenn seine Schwester, die recht wohl wisse, welchem ihrer Brüder ihre hülfe nötig, nicht einmal den freien Gebrauch ihres Reichtums haben sollte, dann freilich sei die reiche vornehme Dame nicht besser daran, als seine eigne Frau; sie wären Beide arm, das sei wahr,