könne mitin Louis nicht ohne den teil seines Vermögens auskommen, den er, der Alte, noch selbst zum Weiterleben bedürfe, so könne von dieser Verbindung vorläufig keine Rede sein; wenn jedoch der Soldatensold und die Mitgabe der Braut ausreiche, werde er ihm sein Jawort nicht versagen; freiwillig dazu beitragen, dass ein Paar unvorsichtige Menschen sich in's Elend stürzten, wolle er nicht. Im Hintergrunde der Weigerung lag freilich noch der Umstand, dass der Katolicismus der in Schlesien wohnenden Braut dem alten Luteraner zuwider war.
In dieser peinlichen Verlegenheit – denn er hatte das Mädchen wirklich lieb – wandte sich Louis an seine Schwester. Als auch ihre Fürbitten beim Vater nichts fruchteten und Brief auf Brief ihr die traurige Lage des Mädchens schilderten, bei deren Eltern der junge Mann bereits angehalten, versprach sie ihm ohne Kronbergs Vorwissen bis zum tod des Vaters einen bestimmten Beitrag zu seiner Wirtschaft, den sie ihrem sehr reichen Nadelgelde entnahm.
So weit war Alles gut. Die jungen Leute heirateten und der Vater gab, obschon widerstrebend, seine Einwilligung, weil kein gerichtsgültiger Grund vorlag, sie zu versagen; auch würde die ihm eigene Art Aengstlichkeit den öffentlichen Widerspruch immer gemieden haben.
Einige Jahre gingen ungetrübt, ohne besondere Ereignisse den Eheleuten vorüber; Annen führten sie nach Wien. – Louis' Erstgeborenem hatte sich ein Schwesterchen zugesellt; er lebte zufrieden mit seiner jungen Frau, ihre Verhältnisse blieben kleinbürgerlich, was bei seiner Stellung und der Unbedeutendheit des Städtchens nichts auf sich hatte.
Da ward plötzlich das Regiment nach Glatz verlegt und nun reichte das Einkommen nicht mehr. Die Schwiegereltern taten das Möglichste, denn die Tochter wollte ihren Mann nicht verlassen, sie kehrten jeden Pfennig um, sparten sich's am mund ab, vergebens! In der grösseren Stadt, ohne den Beistand der Mutter, unter den ihr wildfremden Leuten, verstand das arme junge Weib die kleine Wirtschaft nicht so vorteilhaft zu führen, als daheim. Louis ärgerte sich, schalt sie, wenn sie weinte und lamentirte, wurde heftig, grob; auch in ihr traten die Mängel der Erziehung ihres niedern Standes vor: es ward ganz ernstlich schlimm und musste d o c h getragen werden, denn die ärmeren Classen denken nicht so leicht an Scheidung, Katoliken nun gar nicht.
Da starb der Bürgermeister. Louis erhielt Urlaub, seine Angelegenheiten zu ordnen, und eilte nach Türingen, die ihm zugefallene Erbschaft in Empfang zu nehmen. Aber, ach! des Alten kleines Vermögen, in drei Teile geteilt, zeigte sich an Ort und Stelle weit geringer, als er vermutet. Der zweite Bruder, der unterdessen in der kleinen Stadt, in welcher er in Condition gestanden, auch geheiratet hatte, bedurfte der ihm hinterlassenen Summe, um sein Geschäft zu vergrössern und Compagnon seines Schwiegervaters zu werden, mitin konnte ihm gar nicht einfallen, an Unterstützung seiner Verwandten zu denken.
Louis beschloss, seinen noch nicht abgelaufenen Urlaub zu einer Reise nach Wien anzuwenden, um Annen nicht nur zur Fortdauer seiner Pension und zur Entsagung ihres Anteils von der Erbschaft zu seinen Gunsten zu vermögen, sondern auch, um, wie er sich ausdrückte, seinen vornehmen Schwager zur Anleihe einer namhaften Summe "breitzuschlagen". Er hielt sich zu all diesen Anforderungen vollkommen berechtigt: je enger die Gemüter, je grösser die Ansprüche, das fehlt nie!
Anna sass nach einem ganz kleinen Diner mit Kronberg, St. Luce und noch ein Paar Herren am Kaffeetische, den sich ersterer en petit comité nicht gern nehmen liess. Geheimnissvoll neigte sich Duguet, indem er die silbernen Kannen auf den Tisch stellte, wie zufällig etwas tiefer als nötig, und flüsterte ihr zu, wo möglich auf einige Minuten in das Nebenzimmer zu treten. Das war noch nie geschehen; sie erschrak und eilte unter einem Vorwande hinüber. Hier fand sie den soeben den Händen der Maut entronnenen, mit dikkem Staub bedeckten Reisenden, dem sie in ihrer Herzensfreude laut aufjauchzend in die arme flog.
Ach! nach wenigen Minuten schon ward diese reine Freude der Schwester getrübt! Louis war zu sehr mit dem Drange seiner eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um andern Gedanken Raum geben zu können. Die durchaus eigennützige Absicht seines Besuchs trat sogleich in das grellste Licht. Des Vaters Tod schien als Verlust gar keinen Eindruck ihm hinterlassen zu haben, die Enttäuschung in Hinsicht auf das geerbte Vermögen sprach sich scharf aus; Klagen über sein Geschick und die sehr bestimmte Bitte, ihm nicht nur die Pension zu lassen, sondern zu seinem Vorteil der Erbschaft ganz und gar zu entsagen, folgten einander so schnell, dass Annen kaum Zeit blieb, eine Frage oder ein erwiderndes Wort einzuschalten. Die kleine Summe, meinte Louis, sei ihr ganz gewiss entbehrlich, er sähe jetzt recht ein, wie sie mitten im Golde sitze, und auf der Post habe ihm auch schon Jemand mitgeteilt, dass sein Schwager, den er übrigens noch nie gesehen, Millionär sei.
Anna fühlte sich wie betäubt von dem Allen, sie war durchaus noch zu keiner klaren Auffassung der Umstände gekommen, als unglücklicherweise Kronberg, dessen unsinniger Argwohn durch ihr ungewohntes Verlassen der Gesellschaft geweckt worden, in's Zimmer trat.
Es folgte eine für Anna sehr schwere halbe Stunde. Der junge Unteroffizier, seit Jahren an ganz untergeordnete Kreise gewöhnt, verletzte mit jedem Worte des Grafen Eitelkeit.
Abwechselnd verlegen durch die vornehme Haltung und sichtliche Ueberlegenheit desselben, und familiär mit dem mann seiner Schwester, trug er seine geschichte augenblicklich, ohne weitere Einleitung, auch ihm vor.
Kronberg