mehr vor dem Unpassenden seines Betragens und dem möglichen aufsehen, als vor dem Gedanken seiner Untreue, vor dem Vergessensein da, wo sie so sehr geliebt gewesen. Ein unsäglich betrübtes Gefühl des Irrens im menschlichen Gemüt, eine bange Scheu vor der Vergänglichkeit seiner Empfindungen paarte sich der mildesten Anerkennung, dass sie ihn ja nicht durch Liebe an sich gefesselt. Und wiederum mischte sich dieser edleren Empfindung ein erleichterndes Aufatmen; sie fühlte sich im inneren minder schuldig, wohl aber sich und ihn tief beklagenswert! – Denn ein ernsteres Nachdenken rief das Bild ihrer Knaben ihr in die Seele, eine solche Liaison musste die Kinder ihr und Kronberg entfremden und sie zwischen die Eltern stellen. Sie beschloss, sich von Egon loszureissen und ihn in eine Pensionsanstalt zu tun, und trug Gottard auf, ihr eine passende zu finden.
Aus diesem Hinzuziehen des Freundes entwickelte sich die notwendigkeit, ihrem Gemahl zu verbergen, dass jener ihr noch in Rat und Tat beistehe, und somit hatte Kronberg abermals selbst den ersten ihm verheimlichten Schritt des erneueten Einverständnisses herbeigeführt.
Gottards Klugheit verstand ihn zu decken. Kronberg ahnte nicht, wer ihm das Erziehungshaus empfohlen, in dem er seinen Knaben untergebracht. Gottard aber sah nun das Kind täglich. Josephs Nähe glaubte Anna sich noch eine Weile gönnen zu dürfen, der Kleine war jünger und schwächer als Egon.
St. Luce hatte den jungen Geheimrat kaum zweioder dreimal in Kronbergs haus getroffen, so war er im geheimnis, obschon keines von ihnen eine Sylbe ihm anvertraute. Er sah sehr bald ein, dass Anna zum ersten Male liebe, und trotz des unleugbaren neidischen Verdrusses darüber überflog ihn eine stille wehmütige Rührung und ein fernes Erinnern der eigenen Jugend.
St. Luce war von guten bürgerlichen Eltern in der Normandie geboren. Die blutigere Revolutionsepoche fiel noch in seine Kindheit, sie hatte ihn nicht verhärtet; ihm war etwas von dem geblieben, was die Franzosen in der Provinz enfant de famille nennen, das ihn, trotz manchem leichtsinnigen Streich seiner eigenen früheren Jahre, an ein einfaches rechtliches Gefühl, auch in Männern Frauen gegenüber glauben liess.
Es ist traurig, dass in einer Menge an Erfahrung reichen Männern der höheren Stände ein Unglaube entsteht, der sie ihr eigenes Geschlecht in Bezug auf das unsere fast unbedingt des Egoismus und der Unwahrheit anklagen macht, noch trauriger aber, dass unzählige Beispiele dies Urteil rechtfertigen, und zwar gerade da rechtfertigen, wo eine Menge höchst ehrenwerter Eigenschaften die Beschuldigung fast unbegreiflich erscheinen lässt.
St. Luce traute also Gottard zu, dass ihn keine unlautere Absicht zu Annen zog, aber ihr Ruf, ihr Glück, ja selbst ihre Frauenehre schienen ihm deshalb nicht um ein Haar breit weniger gefährdet.
Kronbergs verhältnis zur hübschen Spanierin war eben bekannt geworden, es war dem alten Freund höchst widerwärtig. In einem andern Augenblicke würde er es leichter genommen haben, jetzt aber erklärte er es für eine franche bêtise, welche Annen einem Abgrund zustosse. Und dann il n'y avait pas regardé de près! denn die Spanierin war dem Grafen untreu, das schien nun St. Luce nicht des Spektakels wert, den die alberne geschichte machte, und gar unwert der kleinsten Träne seines Lieblings.
Kronberg fühlte sein Unrecht auch, aber um so mehr trieb ihn die innere dämonische Gewalt, darin zu beharren. Was hätte er dagegen nicht um eine einzige Träne Annens gegeben, wie teuer wäre ihm der Ausdruck der erwachenden Eifersucht, des Schmerzes in ihren Zügen gewesen! Ihre sanfte, würdige Haltung empörte ihn – gerade weil er sie billigen musste. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, als während Gottards Abwesenheit ein unangenehmer Vorfall ihn Annen gegenüber in Vorteil setzte und ihm eine ganz neue, mit jenen Empfindungen durchaus nicht in Verbindung stehende Ursache zur Misbilligung und Unzufriedenheit mit ihr gab.
Anna trug die Trauer um ihren Vater, der sanft und ohne alle Leiden seiner Frau in's Grab gefolgt war.
Ihre beiden Brüder, von denen der eine vier Jahre, der andere um eines älter war, als sie, hatten, nachdem sie mit der Generalin Geiersperg ihre Heimat verlassen, die schon früher gewählten Lebenseinrichtungen festgehalten: der ältere war Militär, der jüngere Kaufmann geblieben. Unglücklicherweise aber war der erste, durch Verwendung und Rat eines jungen Verwandten verleitet, in ein preussisches Regiment eingetreten, und als es später zum Offiziersexamen kam, fand man ihn unfähig, dasselbe zu machen. Das Nachstudiren, zu welchem ihn Vater und Freunde mit wohlmeinendem Rat anhielten, wollte dem bereits über die eigentliche Lernzeit hinaus Gewachsenen nicht schmecken, im Ueberdrusse des Mislingens wandte er sich dem praktischeren Artilleriedienst zu und ward endlich Unteroffizier und Feuerwerker.
In einer kleinen schlesischen Grenzstadt vergingen ihm nun mehrere Jahre, ohne irgend eine Spur in Herz oder Gemüt zu hinterlassen
Bei gelegenheit einer ernstlichen Krankheit, die ihm eine Unvorsichtigkeit beim Manoeuvre zugezogen, lernte er die Tochter seines Hauswirts, eines ehrsamen Bäckermeisters, näher kennen. Er gewann das frische, hübsche Mädchen lieb und sie erwiderte seine Liebe. Die im jetzigen Bürgerstande leider etwas leichter gewordenen Sitten begünstigten ein verhältnis, dessen allzugrosse Vertraulichkeit den jungen, durchaus nicht unredlichen Mann zu einer Verlobung zwang. Das Mädchen war nicht ganz arm, auch Louis hatte etwas Vermögen zu hoffen, die Einwilligung der Militärbehörde fand mitin keine Schwierigkeit; der alte Bürgermeister dagegen verweigerte die seine aufs Bestimmteste und Hartnäckigste. Er erklärte sehr ruhig seinem Sohne, dass seiner überzeugung nach kein Mann eher heiraten solle und dürfe, als bis er eine Frau unabhängig zu ernähren im stand sei,