umgab und aus welchem er Gottard möglichst auszuschliessen suchte, begann deren Schönheit ein immer grösseres aufsehen zu erregen. Unter den eigentlichen Diplomaten hatten Gottards meisterhaft in die seinen eingreifenden arbeiten dem Grafen längst den Ruf eines ausgezeichneten Staatsmannes erworben, die ausgesuchte, elegante Bewirtung seiner zahlreichen Gäste hatte ihm den Namen eines Millionärs verschafft, und seiner stets unruhigen Eitelkeit war demnach für den Augenblick eine äusserst seltene, volle Befriedigung geboten.
Nur im tiefsten inneren seines Herzens nagte unausgesetzt der Wurm der sich stets erneuenden qualvollen überzeugung: dass diese schöne, geistreiche, von der ganzen sie umflatternden Männerwelt ihm beneidete Frau ihn nicht liebe, nie ihn geliebt habe, und dass ein Mensch ohne Rang und Namen den kostbaren Schatz erhoben, zu dessen Hüter ihn das Geschick, wie zum Hohne, eingesetzt.
In diese Periode fiel des Generals Bekanntschaft. St. Luce gehörte zu den alten Anhängern Napoleons, die ohne Eingriffe in den von ihnen als unvermeidlich erkannten gang der Ereignisse, in stiller Trauer überall am grab ihres Kaisers zu stehen scheinen: ein wandelndes Mausoleum seiner einstigen Grösse, das noch lange ihn überdauern wird.
St. Luce war ein Arm abgenommen, ein Fuss gelähmt; an unbefugte Einmischung in die durch Bonaparte's Tod ihm gleichgültig gewordene Politik des Tages war nicht zu denken. So liess man ihn, da er ohnehin mehren fürstlichen Familien Oesterreichs als unverdächtig bekannt war, ruhig sein kleines Erbteil in Wien verzehren, wo seine Seele aus dem Anblick des geliebten Kaiserkindes eine Art innerer Lebenskraft einzusaugen schien.
Anfangs hoffte er viel für dessen Zukunft; Blüte um Blüte streiften die Jahre diesen geheimen Hoffnungen ab! St. Luce musste den Keim des Todes langsam das junge Leben überwachsen sehen, doch hoffte er immer, selbst noch früher als der geliebte Knabe zu sterben, und konnte sich nicht entschliessen, die Stätte des sich langsam öffnenden Grabes vor dem gefürchteten Augenblick zu verlassen. Da kamen Kronbergs nach Wien. Die Episode in Frau von Waldau's haus, die dem jungen mann eine so freundliche Erinnerung hinterlassen, tauchte mit erneuter Lebendigkeit vor seinem halb erstarrten müden geist auf – er sah Annen wieder und das ganze Herz ward ihm wach.
Der alte Krieger liebte die schöne Frau mit aller Kraft, die ihm geblieben, aber er hätte selbst den Saum ihres Gewandes vor jedem Flecken hüten mögen; er ward ihr treuester Freund, folgte ihr wie ihr Schatten, war ihr Cavalier sans consequence – helas! wie er selbst zu sagen pflegte, und Kronberg tat alles Mögliche, diese ihm sehr bequeme Anhängligkeit des alten Verehrers zu beschützen und zu proniren.
Als Gottard sich mit der feinsten Berechnung aus dem haus, ja so viel wie möglich sogar aus dem Gesellschaftskreise verwiesen fühlte, der Annen umgab, erwachte ein furchtbarer Zorn in seiner Seele. Anfangs kochte und tobte nur der wilde Wunsch nach Rache in ihm; er war entschlossen, den ihm an Talent weit untergeordneten Kronberg sinken zu lassen, ihn zu grund zu richten, ihn fühlen zu machen, welche Gewalt er über Anna's Herz habe, was er tun k ö n n e ; ihn brannte das Bewusstsein des so ganz unverdienten Mistrauens, das ihn getroffen, wie eine glühende Kohle fortglimmend in immer wachsender Glut. Bald aber siegte seine edlere natur. Mit erneuten Kräften begann er auch in der ihm aufgedrungenen Ferne Anna's Geschick in Kronbergs Händen zu bewachen und, wo irgend die Umstände es gestatteten, zu erleichtern. Und leider bot gar bald von zwei Seiten zugleich sich hierzu die gelegenheit.
Kronberg hatte sich, durch die immerwährende Anstrengung, seine Eifersucht zu verbergen und sich anders zu geben, als er in diesem Augenblicke wirklich war, in eine so grimmig Alles negirende Stimmung versetzt, dass ihm jedes längere Zusammensein mit Annen unerträglich ward. Sah sie ernst oder traurig aus, so schien sie ihm in Liebesgram sich zu verzehren; war sie heiter, so glaubte er sich betrogen und sein klarer Geist ertappte sich selbst auf den abenteuerlich-lächerlichsten Vermutungen. – Als ihm gelungen war, Gottard fast ganz aus ihrer Nähe zu verdrängen, ward jedes unnötige Gespräch mit ihr ihm doppelt peinlich, denn zu seinen übrigen Qualen gesellten sich die eines unreinen Gewissens und der erkenntnis eines durchaus verfehlten Schrittes. Sehr bald bemerkte er den inneren Kampf seiner Frau und die aus einer unnötigen Beschränkung erwachsende gesteigerte leidenschaftliche Stimmung derselben; er fühlte, dass er das Feuer nur heller angeschürt, und in einer plötzlich ihn befallenden Art Mutlosigkeit versuchte er sich gewaltsam zu zerstreuen.
Unglücklicherweise reizten ihn gerade in diesem Augenblicke einige Neckereien seiner Bekannten; Baron Rutberg klagte ihn der Eifersucht an, die ihn zu haus festalte. Kronberg begann, Annen zu vernachlässigen, sie seltener zu begleiten und an Rutbergs Seite eine Menge etwas zweifelhafter Vergnügungsorte und Arten aufzusuchen.
Er spielte, obgleich nur in guter Gesellschaft, hatte abwechselnd Glück und Unglück und schadete sich nicht bedeutend; er unternahm eine Art Touristenronde durch alle Teater und Volksgesellschaften, blieb aber insgeheim gelangweilt. Endlich machte er bei Rutbergs Geliebter die Bekanntschaft einer spanischen Sängerin, die ihn anzog und amusirte. Dies verhältnis, dessen lockere Fäden der innere Ueberdruss geknüpft, ward bald ein ihn fesselndes, was trotz momentanem Selbstvergessen bisher seit seiner Heirat nie der Fall gewesen. Und dennoch blieb er – eifersüchtig.
Anfangs erfuhr Anna nichts von dem Allen; erst als sie Kronberg im Teater einer Dame in eine grillirte Loge folgen sah, als sie derselben Dame in seinem mit dem Wappen seiner Familie gezierten Wagen begegnete, erschrak sie, weit