endlich Lutbert, wir haben es Alle nicht besser gemacht!
Es schlug zehn Uhr; Kronberg trat eben mit einigen Herren vom Diplomatencorps in den Saal. Die Teater waren zu Ende, die Gesellschaft vergrösserte sich und wurde lebendig. Es ward Musik gemacht und in einem Nebensaal tanzten die jungen Leute.
Nein, sagte eine schöne blasse Frau mit tief blauumringelten Augen, ich mag dies kalte Feuer nicht; man hat keinen solchen blick ohne innere Empfänglichkeit! Die Gräfin Kronberg spielt Komödie und täuscht uns Alle; ich mag dies Andersscheinen, als man ist, nicht.
Mein Gott! erwiderte ihre Nachbarin, sieht denn Niemand, dass diese arme Frau nur kalt scheint, weil sie an innerer Glut zusammenbricht?
Die Meisten sehen es wirklich nicht; ich möchte aber das Zauberwort kennen, das ihr inneres Leben löst, ich lese es auf keiner dieser Stirnen.
geben Sie Acht, da ist er! bemerkte hinter ihnen eine stimme.
Aus der tür des Nebensaals trat Gottard! sein fragender blick suchte Annen.
Ein interessanter Kopf! sagte die blasse Frau. Wer mag das sein?
Gottard war eine halbe Stunde früher von Berlin zurückgekommen, wo er mehre Monate zugebracht. Kronberg hatte Annen noch gar nicht wieder gesprochen und ihr folglich kein Wort von dessen Ankunft gesagt. Mitten in der ernstesten Unterhaltung mit einigen Koryphäen jener Tage hatte er den Kopf so gewendet, dass er Beide beobachten konnte.
Gottard sah es im Spiegel; aber er hatte s i e drei volle Monate nicht gesehen, seine Züge drückten das Aufjubeln seines Herzens aus. Anna's Gesicht überflog ein brennendes Rot. Beide grüssten sich zugleich und begannen schon nach den ersten Bewillkommnungsformeln ein langes Gespräch, in dem sie eigentlich nichts sagten und dennoch Jedes von ihnen unendlich viel zu verstehen meinte.
D e n liebt sie? fragte die blasse Frau. Aber wer ist es? wiederholte sie.
Ein junger Envoyé des preussischen Hofs, nicht eigentlich der Gesandtschaft attachirt, aber doch mit ihr in Beziehung; er soll bereits im Ministerium als Geheimer- und Cabinetsrat Sitz und stimme haben, erzählte Gräfin Schlichten. Man sagt, er sei ein – sie flüsterte ihrer Freundin einen Namen in's Ohr – und werde eine enorme Carrière machen.
Jetzt sieht er sie – jetzt redet er sie an! Die blasse Frau seufzte und versank in wahrscheinlich düstere Träume und Erinnerungen, denn sie wurde noch starrer und bleicher, und sagte kein Wort mehr.
Da ist der junge Gottard wieder, bemerkte ein ungarischer Offizier seinem Nachbar. Sehen Sie doch, welche plötzliche Veränderung in der Kronberg! E i n solcher blick und ich würfe ihm mein Leben nach, wie eine ausgepresste Orange.
Bah! bah! Seien Sie nicht so excentrisch, mein guter Fritz! Befehlen Sie Ananas-Eis? Die Frau ist bildschön! Nach ihm wird sie accessible werden; warten wir's ab!
Sie vergessen, dass Sie von der Gräfin Kronberg sprechen, sagte fest und scharf St. Luce, der hinter den beiden Herren gestanden.
Der Offizier mass ihn von Kopf zu Fuss und drehte ihm, wie zufällig, den rücken, um dem Tanz im Nebenzimmer zuzusehen. Der alte Narr ist auch in sie verliebt, murmelte er vor sich hin.
Was tut denn hier ein französischer Ehrenlegionist? fragte ein Anderer.
Er sitzt als Niobe neben dem Herzog von Reichstadt. Früher war er eine Creatur Napoleons, aber eine der unschädlichen; als man den Herzog von Reichstadt herbrachte –
Das arme Kind! Ihm sieht der Tod aus den Augen! Schon jetzt fühlt er das Entsetzliche seines Geschicks!
Ich bitte' Ihnen, er ist ganz vergnügt! sagte ein dikker, behaglicher Major.
St. Luce ist dem französischen Kaiser sehr attachirt gewesen, fuhr der Erste fort; nachdem er ihm in den Schlachten von Leipzig und Montmartre seine Gliedmassen geopfert, ist ihm nur das Herz geblieben, das ihn dem Knaben nach, hierher gezogen hat. Man hat ihn anfangs beobachtet, aber – Das Gespräch verschwamm wieder im allgemeinen Stimmengebrause.
Unterdessen standen Anna und Gottard noch mitten im saal; sie hatten die Aussenwelt vergessen.
Wie anders hatten die andertalb Jahre Gottard zur Welt und zu Annen gestellt! Sein ungewöhnliches Talent hatte ihn dem Ministerium nach so kurzer Zeit schon unentbehrlich erscheinen lassen. Noch hatte freilich seine Lage durch die Vielseitigkeit seiner arbeiten, welche wiederholte Reisen zwischen Wien, Berlin und den älteren Provinzen veranlassten, keine äusserlich bestimmte Form erhalten können. Er hatte den Titel als Geheimerrat nur bekommen, weil man ihm einen Rang geben musste; er schien zu jung, um ihn zum wirklichen Cabinetsrat zu machen; was jedoch irgend mit dem gewohnten Hergang verträglich, war für ihn geschehen, und die eiserne Consequenz, die er in den schwierigsten Angelegenheiten der Verwaltung und Gesetzreformen mit der klarsten Auffassung einte, hatten ihn längst mit Kronberg in gleiche Linie gestellt, dem diese Superiorität allmälig immer lästiger zu werden begann.
In der ersten Zeit ihres wiener Aufentalts hatte Anna Gottard öfters im haus gesehen; er hatte es versucht, wenigstens durch gespräche mit ihr der geliebten Kinder Unterricht noch eine Weile fortzuleiten, aber mit der ihm eigenen gewandten Hartnäckigkeit war es Kronberg dennoch gelungen, ohne irgend ein Dehors zu verletzen, ihn nach und nach immer ferner zu stellen. Anna hatte die nicht zu bergende Abneigung ihres Gemahls gegen ihn für gekränkten Ehrgeiz gehalten und schwer, aber geduldig getragen.
In dem Kreise eleganter, aber ihr nicht gefährlicher junger Männer, mit denen Kronberg seine Gemahlin