und allzugern gereist habe. Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.
Geht noch, das Alter zu ertragen, wenn man sechsundzwanzig Jahre zählt.
Sie müssen nun nicht mehr so bestimmt von meinem Alter sprechen, General! nicht eher, als bis mein ältester Sohn erwachsen ist, dann bin ich nach Ihren französischen grundsätzen der Galanterie stets e i n Jahr älter als er, also positiv jünger, als jetzt. Aber was meinen Sie wegen der Prophezeiung?
Dass Sie uns schwankenden, unsicheren Naturen das Bild der Stabilität in der ewig wechselnden Umgebung zu geben bestimmt sind – Sie bleiben ü b e r a l l Sie selbst. Er sah sie mit tiefem Wohlwollen an, es überflorte eine Art Wehmut seine heitere, mit Narben verzierte Stirn.
Sophie brachte auf einem silbernen Präsentirteller ein Paar weisse Handschuhe, ein Batisttaschentuch und Trauer-Armbänder von Lava. Anna reichte ihr den wunderschön geformten Arm, um dieselben zu befestigen; St. Luce sah mit heimlich vergnügter Bewunderung zu, aber er wagte kein Wort. Noch immer in Trauer? fragte er endlich.
Kronberg fürchtet die toten nicht, erwiderte Anna schwermütig, nur die Lebenden sind ihm – unbequem.
Ist Ihr Bruder noch in Wien?
Leider!
Kann ich etwas für Sie tun?
Sie schüttelte traurig das Haupt. Morgen, lieber Freund! jetzt muss ich mir die Augen hell erhalten. Sophie hat das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Ihren Arm, General!
Sie traten in den Gesellschaftssaal und fanden dort bereits einige Herren versammelt, die der Gräfin Ankunft erwarteten. Bald vergrösserte sich der Kreis; Duguet machte den Maître d'hôtel und führte die Aufsicht über eine glänzende zahlreiche Dienerschaft. Es war eine Reihe Zimmer geöffnet, in der eine sehr verschiedenartige Menge sich hin und her bewegte, denn die Gesellschaft war keine besonders für diesen Abend eingeladene, sondern einer der gewöhnlichen Empfangstage der Kronbergs hatte den bunten Kreis gebildet. Anna machte unvergleichlich die Honneurs, sie vergass Keinen, hatte für Alle Blicke, Worte, Aufmerksamkeit; sie störte keine einzige Coterie, keine partie carrée, keine Unterhaltung Zweier, die unter funfzig Menschen allein zu sein glaubten; sie übersah keinen von Langeweile Bedrohten, kein erstes Auftreten, keine schüchterne Unsicherheit, und tat das Alles so leicht, so ganz ungezwungen natürlich, dass jedem Einzelnen war, als bescheine gerade ihn die Sonne ihres Wohlwollens. Die jungen Männer umdrängten sie mit ungeheuchelter Bewunderung, die hübschesten Frauen vergaben es ihr; nur konnte Niemand von ihnen begreifen, dass sie, die so allgemein Ausgezeichnete, kein einziges der ihr von allen Seiten gebotenen Herzen annahm, dass man nirgends die Anknüpffäden eines werdenden Verhältnisses gewahrte, obschon ihr aus manchem Auge mehr als gewöhnliche Teilnahme entgegenleuchtete, obschon unter dieser Männerschar mehre einer mühsam gezügelten Glut der leidenschaft für sie beschuldigt wurden; die anmutige Frau nahm das Alles hin, als müsse es so sein, es überraschte sie nicht, – vielleicht war ihr darum auch gar nichts gefährlich.
St. Luce schien in ihre Nähe gebannt, er hing an ihrem Auge, am flüchtigsten Ausdruck ihrer Züge; er bewachte sie wie ein geliebtes Kind und suchte den kleinsten ihrer Wünsche zu erraten. Es hatte etwas seltsam Rührendes dies stille um sie Hergehen ohne allen Anspruch. Er stand noch im kräftigen Mannesalter, aber die schweren, schlecht geheilten Wunden, der bei Montmartre zurückgelassene Arm, das steif gewordene, gelähmte Bein hatten ihn fast zum Greise gemacht, sie liessen ihn um zehn bis zwölf Jahre älter erscheinen, als er war. Dass ihn ein sehr warmes Freundschaftsgefühl zur schönen Deutschen hinzog und ihn an ihre Schritte fesselte, liess sich leicht bemerken, doch lag in der sonderbar verlassenen Stellung der jungen Gräfin eine wunderliche Entschuldigung; dass sie eines führenden Arms, eines freundlichen Beachtens bedürfe, sah Jedermann, und somit schien die Wahl des ältesten ihrer Verehrer zum steten Begleiter ihr nur den allgemeinen Beifall sichern zu können.
Seit vielen Monaten schon stand Anna wirklich allein in der Gesellschaft, wie im Leben. Ohne das Gefühl einer ihn peinlich nagenden Eifersucht verloren zu haben, hatte Roderich damit begonnen, ihr eine volle, ja vielleicht übertriebene äussere Freiheit aller Handlungen gewaltsam aufzudringen. Nach und nach hatten sich dem heimlichen Ingrimm dieser sorgfältig verhehlten leidenschaft noch andere Gründe zugesellt, seine Frau auf eine Weise zu vernachlässigen, die weder mit seiner öffentlichen Stellung, noch mit den damaligen wiener Gewohnheiten und Sitten der grossen Welt im Einklange stand, so leicht dieselben auch waren.
Daran tut er indessen nicht besonders Unrecht, sagte Baron Lutbert; man kann doch wahrhaftig nicht Zeitlebens in seine eigene Frau verliebt bleiben! Und übrigens ist ihr alter Verehrer St. Luce auch nur – eine Uebergangsperiode.
Die kleine Capacelli ist allerliebst! Man sagt, Kronberg wird sie gar nicht wieder auftreten lassen.
Ganz gut, erwiderte Herr von Feldenau, aber man muss die Dehors beobachten! Dass er die Sängerin in seiner eigenen Equipage fährt, ist unverantwortlich, er kann ihr ja ihren besonderen Wagen halten!
Sie meinen, weil sie keine Frau von stand ist?
Ja, schauen's, mein bester Baron, Verhältnisse der Art wird es geben, so lange die Welt steht. Aber jede Dame aus unserem Kreise kann uns die Gnade erzeigen, unserer Equipage sich zu bedienen, das fällt nicht auf, da ist nichts dagegen zu sagen; aber so ein hübsches Weibchen sie ist, die Capacelli – Das Gespräch ging in leises Flüstern über. Ach, was, sagte