1845_Schopenhauer_142_68.txt

es auf halb ungebahnten Wegen todtmüde, übernachtete in einer Dorfschenke im Gebirg und kehrte erst am Sonntag, Abends, spät nach Basel zurück, als ihn die Montags-Collegien zwangen, jeden Gedanken an ein nochmaliges Wiedersehenwieder Scheiden Anna's aufzugeben.

Nach vierundzwanzig Stunden lag er an einem nervös-rheumatischen Fieber darnieder; doch seine kräftige natur überwand es bald. Er stand auf, ermannte sich gewaltsam, las seine Collegien, arbeitete im Laboratorium und lebte so von einem zum andern Tage.

Vrenely hatte entsetzlich gelitten durch sein Schweigen, aber nicht zum zweiten Male geschrieben. Endlich schrieb er ihr auch, dass er krank gewesen, Annen aber erwähnte er mit keinem Worte.

"Ich d a n k e dir", schloss sein Brief, "damit begann mein verhältnis zu dir, damit lass mich fortfahren bis zum Ende. Ich d a n k e dir, dass du bist, wie du bist, dass du mich kennst und mich verstehst. Vertraue mir ferner und lass mich gewähren, reden, schweigen, wie es das Herz in mir verlangt; auch ohne laut, Teuerste, wird es dem deinen immer antworten." Balsamisch weich legte sich das Frühjahr auf die ermüdete, aus manchen Wunden noch blutende Erdenwelt; im grösseren Teile Europa's war eine momentane politische Ruhe eingetreten; in Wien bereitete sich König Johanns Uebergabe des brasilianischen Trons unter den Diplomaten vor; in der Gesellschaft wogte das gewohnte Kunst-, liebes- und Intriguenwesen wie immer. Es war noch früh im Jahr, im Salon war es noch Winter, draussen jubelten die Lerchen auf, die goldnen Sonnenstrahlen küssten die Blütenknospen der Veilchen, Marien- und Sternblümchen wach. Seit den auf den vorigen Seiten erzählten Ereignissen war über Jahr und Tag vergangen. Die Einzelnen des früher in Bern versammelten Kreises waren auseinandergerissen, andere neue Glieder an deren Stelle in der Kette jener scheinbar so eng verbundenen Existenzen eingefügt, das Wechselspiel des Lebens hatte in mancher Beziehung sein Recht geltend gemacht.

Anna's Herz war nicht heiterer geworden; gleichgültigen Auges sah sie auf die belebten Strassen und glänzenden Equipagen, auf das anmutig-laute wohlhäbige wiener Volksleben nieder, das durch dieselben hinwogte und an welchem ihr leichter Wagen sie vorübertrug. Sie hatte nach beendeten Ferien ihren Egon in sein Institut zurückgebrachtnun war es wieder leer um sie, wohin sie auch blickte.

Jetzt fuhr eine glänzende Stadtequipage heran. Anna schreckte zusammen und entfärbte sich, ihr blick ruhte eine Secunde lang fast ängstlich auf den spiegelhellen Scheiben des Wagenfensters, es ward rasch niedergelassen. Kronberg grüsste sie freundlichverbindlich, fast wie ein Fremderund sie flogen einander vorüber.

Als sie in ihr Cabinet trat, um vor der Soirée noch ein Stündchen zu ruhen, sass ihr alter invalider Freund St. Luce bereits in demselben. Sie schon hier, lieber General? Das ist freundlich von Ihnen, dass Sie mich erwarteten, sagte sie leichtin.

Sie wissen, verehrte Freundin, dass ich mich gar nicht gern so rottenweise mit dem ganzen Trosse Ihrer Anbeter zugleich begrüssen lasse, erwiderte er, indem er ihr seine einzige Hand botihm fehlte ein Armauch habe ich auf ein Plauderstündchen in Ihrem Boudoir gerechnet, wenn Sie nicht noch Toilette machen.

Nur eine fertige Coiffure drücke ich mir auf den Kopf; ich bin sogleich wieder bei Ihnen. Sie verschwand durch eine Seitentür und kehrte nach wenigen Minuten im schwarzen eleganten Gesellschaftskleide und dem zierlichen, ebenfalls schwarzen, Aufsatz zurück. Nun, General! was haben Sie mir Neues mitgebracht?

Une pensée, erwiderte lachend der Gefragte, und zwar in Stiefeln und Sporn. (Das Gespräch wurde französisch geführt.) Ich sagte besser noch auf deutsch: "ein Vergissmeinnicht!" ich habe den ehemaligen Besitzer Ihres Postörnchens, Ihren Monsieur August, aufgefunden.

Ach! Sie sind wahrhaftig eine Art Hexen-Schatzgräber und höchst glücklich im Finden.

Dies Mal nicht ganz. Raten Sie einmal, wer es ist?

Wie kann ich, lieber General!

Mein alter Bediente und ehemaliger Reitknecht August, der mich seit zwölf Jahren nicht verlassen hat, und dem unzählige Mal die Gnade geworden, Ihnen in oder aus dem Wagen zu helfen!

Ist's möglich? das freut mich ungemein. Aber dass mir das nie geahnt!

zwölf Jahre ist der alte Kerl in meinem Dienst, ihm fehlt glücklicherweise nur der Gebrauch des linken Armes; aber das Ding bammelt ihm noch zur Seite, er hat nicht, wie ich, bloss einen armen Stummel aufzuweisenkurz, wir helfen einander eben aus; das Schicksal hat uns ja Beide auf e i n e m feld in e i n e r Stunde getroffen. zwölf Jahre schweigt der Narr, und heute, erst heute, erzählt er mir, dass er die Frau Gräfin, wie er Sie par excellence nennt

Das ist eine Artigkeit für Sie, General! weil Sie mir die Cour machen!

Es war eine bis heute, wo er mir sein älteres Recht, Sie zu verehren, bewiesen.

O, schicken Sie mir ihn, lieber Freund! sagte Anna innig und weich, ich bin ihm noch ein Gegengeschenk schuldig. Sie zeigte auf eine kleine Uhr über ihrem Schreibtische, an welcher die ihr von August geschenkte Berlocke hing. Leider ist Monsieur August ein Prophet gewesen, und das Postorn bläst die obligate Begleitung zu allen Hauptmelodien meines Lebens.

Wissen Sie auch warum?

Vermutlich, weil ich nicht mehr gern reise