– er schlug die Augen aufwärts, aber ohne den Mut, sie anzusehen, blickte er nur vor sich hin, in die Weite des blauen himmels – nur als Ihr Eigentum!
Was wollte denn Herr Gottard? fragte eintretend der Graf.
Seine Papiere holen und mir Lebewohl sagen.
Kronberg bemerkte das convulsivische Zittern ihrer stimme sehr genau. Er schwieg, setzte sich aber zu ihr auf's Sopha und blieb den ganzen Abend bei ihr. Sie sprachen von gleichgültigen Dingen; selbst Leontinens schwer bedrohtes Geschick wagte keines zu berühren. Josephine und ihre Tochter schrieben an Geiersperg.
Kronberg war entsetzlich aufgeregt, er litt tausendfache Qualen; mit angespannter Kraft beherrschte er jeden blick, jedes Wort. Seine frühere Liebe für Anna war momentan erwacht in all ihrer Stärke; das Recht auf ihren Besitz, die Willenlosigkeit, mit welcher sie jeden Ausdruck desselben ertrug, und der ihm ganz fremde Anblick der leidenschaft in diesen Augen, die für ihn stets nur Wohlwollen, Güte, einen freundlichen blick gehabt, in jahrelangem Beisammensein, in jahrelanger Hingebung, drangen wie ein zweischneidiges Schwert in sein Herz. Roderich war eine heftig sinnliche natur, aber poetisch dabei, poetisch und verfeinert bis zur Selbsttäuschung, umkränzte er den Becher des Genusses mit den Rosen der Phantasie. Wo keine Liebe ihm entgegenlachte, nahm er den Schein derselben in willkürlicher Uebertreibung dafür hin, aber er war dennoch viel zu klug, um die gewaltige, durchleuchtende Wahrheit des Daseins einer solchen Liebe, wie er sie empfunden zu haben wähnte und vergeblich in seiner Frau gesucht, in ihrer strahlenden Gegenwärtigkeit, in der ihn marternden Realität, die seine Eifersucht so peinlich stachelte, zu übersehen.
Es wird vorübergehen! sagte sich seine Eitelkeit. Aber was ist's? Sein Aeusseres? – er hatte das Gefühl, schöner zu sein, als Gottard – also seine Jugend! – In dieses Analysiren ihres Gefühls mischten sich ihm die heterogensten Empfindungen des Stolzes, einer misachtenden Erinnerung an Annens frühere, denen Gottards ähnliche Verhältnisse und ihrer anhänglichkeit an dieselben mit der ihn vernichtenden Angst vor einem möglichen Ridicule.
Gegen Abend stürzte Egon, in Tränen gebadet, in's Zimmer und an Anna's Brust. Mutter! Mutter! lass mich mit Herrn Gottard gehen, bei ihm bleiben!
Herr Gottard kommt wieder, sagte Anna weich.
Ja, aber er wird in einem andern haus wohnen, fuhr der Knabe fort, und uns keine Stunden mehr geben. Ich mag keinen andern Lehrer, wir wollen Beide mit zu Herrn Gottard gehen.
Und Vater und Mutter verlassen? fragte Kronberg streng, indem er den Arm des Knaben ziemlich hart ergriff.
Du tust mir weh, Papa! schluchzte das Kind, ich will dich und Mama alle Tage besuchen; aber ich kann nichts lernen ohne Herrn. Gottard; und wer soll mit uns gehen und uns alles zeigen? Lass mich mit ihm, Vater!
Kronberg schleuderte zornig den weinenden Knaben von sich, der wieder hinüberlief.
Herr Gottard scheint eine Art Hexenmeister, sagte er scharf und kalt; ich hasse dergleichen Uebertreibungen. Hast du dich denn gar nicht um die Kinder bekümmert, dass diese Albernheit so tiefe Wurzeln schlagen konnte?
Herr Gottard ist dieser Liebe völlig wert, erwiderte Anna stolz; er hat unsäglich viel für die Kinder getan.
Roderich lächelte verächtlich. Diese MagnetiseursEindrücke sind de mauvais goût. Ich bin ganz froh, den Menschen los zu sein, obwol er ein vortrefflicher Arbeiter scheint und mir in Wien von bedeutendem Nutzen sein wird. Mit grosser Anstrengung hatte er dem Anfang seiner Phrase das Ende angeknüpft. Er verliess das Zimmer. "Ich vermag es kaum mehr, an die Wirklichkeit meines Glückes zu glauben, lieber Otto!" schrieb Vrenely. "Seit Anna und Leontine und Alle fort sind, ist mir, als habe mir nur wunderschön von dir geträumt, wie in den ersten Wochen unserer Bekanntschaft, wo ich kein Auge schloss, ohne dein liebes Gesicht sogleich vor mir zu sehen. Es kam Alles so entsetzlich schnell. Die Generalin und meine Leontine schien ein mir unverständlicher, tiefer Gram zu beugen; auch Anna hat grausam gelitten. Ich ahne wohl einen teil, doch nicht den ganzen Umfang ihrer Schmerzen; aber wenn ich die edle Frau und ihre Verhältnisse betrachte, muss ich die Augen niederschlagen, sie steht so einsam mitten unter den Ihren; – wie ist mir doch das Glück, einem vollen Blütenkranz gleich vom Himmel auf die Stirn gefallen!
Du könntest Annen noch in einem der Nachtquartiere sehen, da sie der Pferde wegen so gar kurze Tagereisen machen; jedoch das Alles schreibt sie dir selbst – ich möchte dich nur leise bitten, dir die Freude nicht zu versagen, meint' ich nicht, dein liebes Herz sei der beste Berater. Ach, mein Otto! ich möchte um die Welt nicht, dass du Annen jemals vergässest, kann ich gleich nicht recht ausdrücken, warum.
Lass uns vereint unsre Kraft anwenden, ihr den dornenreichen Weg zu erleichtern – diese Wege über die sogenannten Höhen des Lebens sind so öde, so traurig! Man verarmt im Steigen und verliert alle Kleinode und Blütenschätze, die man in den stillen Tälern errungen; sie haben den Glanz und das Eis unserer Alpenpfade, aber sie scheinen mir gefährlicher und grausamer, als unsere Gletscher mit all ihren drohenden Schrecken."
Es war ein trüber, kalter Samstagsmorgen, als Otto dies und Annens Abschiedszeilen erhielt. Er hätte hin gekonnt; er liess sich ein Pferd satteln und ritt