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doch geschah das Alles so natürlich; die Kinder, die seinem Herzen so nahe standen, mit deren Interesse jede Faser i h r e s Lebens ihm verwachsen schien, sah er durch ein einziges Wort sich geraubter vermochte keine Erwiderung zu finden.

Möchten Sie, junger Freund! fuhr Kronberg mit fast väterlicher Güte fort, seine schöne Gestalt hoch aufrichtend, indem er jetzt mit jeder Sylbe eine grössere herrschaft über sich errang, möchten Sie jede neue Lebensstellung so zu Ihrem Vorteil einnehmen, jede Forderung so völlig genügend erfüllen, als dies bei uns geschehen ist. Ich dringe nicht in Ihr geheimnis in Bezug auf den Grafen, ich bitte Sie Ihrerseits, nicht erforschen zu wollen, welche Verpflichtung die Meinen hatten, ihn zu retten. Nehmen Sie meinen Dank für das, was Sie, wie ich jetzt einsehe, im Einklang mit unsern Empfindungen, ohne Kenntniss der näheren Umstände getan. Sie haben, obschon unvorsichtig, dennoch edel gehandelt, und ich freue mich, Ihnen dies als Ergebniss unseres langen Gesprächs sagen zu können. Er wandte sich, freundlich mit der Hand grüssend, der tür zu.

Gottard eilte ihm nach und versuchte dem fast an der Schwelle Stehenden auseinanderzusetzen, dass er wenigstens die Oberaufsicht über der Kinder Unterricht und den ferneren gang ihrer Bildung für's Erste sich zu erhalten wünsche, und dass eine Stellung, wei die ihn erwartende, unmöglich seinen ganzen Tag in Anspruch nehmen könne. Er sprach beklommen.

O, bester Herr Gottard, sagte lachend Kronberg, Sie kennen Wien nicht und möchten sich einen Atlas von Unbequemlichkeiten und Untunlichkeiten aufbürden. Nein, nein; seien Sie überzeugt, dass ich und die Gräfin, die natürlich ganz einverstanden mit mir istGottard wurde wieder todtenbleich, der Graf sah es, aber kein Zug des triumphirenden Gesichts verriet ihnNiemanden lieber die Leitung der Erziehung unserer Kinder überlassen möchten; aber Sie werden bald sehen, dass es unmöglich ist.

Apropos, fuhr er fort, indem er die Hand auf den Drücker legte, Sie werden wohl tun, nach Berlin zu eilen, um sich den Herren dort zu präsentiren. eigentlich wollte ich Ihnen das gleich sagen und vergass es; ich wünschte aber, Sie reisten spätestens morgen früh, damit Sie mit uns zugleich in Wien eintreffen, am achten werde ich dort sein.

Als sich die tür hinter ihm schloss, stürzte Gottard mit einem lauten Schmerzensschrei auf das Sopha und barg sein Gesicht tief in die Kissenihm war wie nach einer furchtbaren Operation, oder als sei ihm das Herz aus dem leib gerissen, als dehne sich das lange leere Leben unabsehbar weit aus vor ihm zu einer Ewigkeit der Pein und des Hasses. In diesem Augenblick hätte er kalten Blutes den Grafen zu ermorden vermocht.

Sie sehen! sie sehen, noch einmal sie sprechen! Keine Erdengewalt, kein Gottesfluch, kein Himmel und keine Hölle hätten ihn in dem Vorsatze wanken gemacht.

Er ging entschlossen und fast r u h i g hinüber, denn wenn leidenschaft und ein unerschütterliches Wollen zusammenstossen, entsteht eine wunderbare, dämonisch über dem Leben schwebende Ruhe; er ging geradezu zu Sophien und liess sich bei der Gräfin melden.

Und er sah sie. Welche höhere natur hätte nicht im Leben eine solche Gipfelstunde höchster Qual und höchster Seligkeit gehabt, die ihr den Massstab zu leihen vermöchte für die Minuten dieses wieder einander Gegenüberstehens.

Anna hatte fürchterlich mit sich gerungen, um sich den Vorsatz abzuzwingen, ihm Leontinens Vermählung zu verschweigen. Als sie ihn sah, drang ein solcher Strom der klarsten Lebenswahrheit in ihr Herz, dass sie nicht entfernt daran dachte, ihm irgend etwas zu verbergen. Als er von ihr ging, hatte er ihr ausgesprochen, dass er sein Leben ihrer würdig machen werde. Was Beide einander eigentlich gesagt, wusste keines von ihnen, es tönte kein einzelnes Wort ihnen nach von dieser Unterredung; was sie von einander wussten, war wie ein ursprünglich Angeborenes in die tiefste Tiefe ihrer Seele gesunken.

Als Gottard aufstand, um zu gehen, fiel ein unermesslicher Schreck, wie eine erdrückende Gewalt auf Annens Geist; sie starrte ihn sprachlos an und streckte unbewusst die Hand aus, als wolle sie ihn halten. Er fasste diese weiche Hand und küsste sie sanft. Gräfin, sagte er, die Augen fest in ihr Herz schlagend, als sollten sie auf ewig darin wurzeln, Sie haben einmal gefragt, ob ich ein lebenslanges Verstehen und Festalten des Herzens zu begreifen, zu glauben vermöchte? Was der Mensch in das erwidernde Wort zu legen vermag, ist weniger ist ein Bettler, wenn er spricht, ein Bettler, der sich mit geborgten Lumpen kleidet, die seiner Seele nicht passendennoch habe ich geantwortet, weil Sie fragten. In dieser Stunde, die mich von Ihnen bannt, und doch zum ersten Mal, das fühle ich jetzt mit überraschender Gewalt, mich Ihnen frei gegenüberstellt, lassen Sie mich Sie auf d i e Antwort verweisen, die Ihnen mein Leben geben wird. Er schwieg einige Secunden, um das Beben seiner stimme zu bemeistern, und wie eine plötzliche Jugend überflog die himmlische Schüchternheit der Liebe seine Züge, eine weiche, schmerzliche Zaghaftigkeit verwandelte den festen Mann wie durch Zauber zum Jüngling. Der laut haftete fest auf den zögernden Lippen; endlich entrang sich ihnen ein leises, kaum hörbares: Leben Sie wohl! vergessen Sie nicht, dass ich meines Daseins Blüte und Frucht auf Ihren Weg gelegt, nicht als ein Opfer, o nein,