mass ihn von Kopf zu Fuss; in den Triumph des mühsam errungenen Sieges mischte sich das Gefühl einer undeutlichen Qual und eines sich steigernden stolzen Widerwillens, er sprach nun sehr besonnen: Und wenn die Sache mislang, junger Mann? Und wenn Ihr unbedachtsam rascher Schritt den Grafen Viatti, dessen Verhältnisse nicht zu kennen Sie vorgeben, auf's Schaffot gebracht hätte, was dann? – Mit ihm sterben? Davon konnte keine Rede sein, ich m u ss t e Sie retten, und hätte ich Sie für wahnsinnig ausgeben müssen, und hätte Sie gerettet; aber – brachte Sie das Ihrem phantastischen Ziel auch nur um eine Linie näher? Welche fabelhafte brücke hofften Sie aus diesem Wagstück sich zu erbauen? Von der Sonderbarkeit des Mittels, sich bemerklich, ausgezeichnet oder gar vorgezogen zu machen, wollen wir gar nicht reden!
Jetzt verstand Gottard wirklich nicht. Langsam wiederholte er: Bemerkt? vorgezogen? – Hatte denn der Graf eine Ahnung, einen Verdacht? Ihn überschlich eine schneidende Eiseskälte, die sein Blut erstarren machte. Er schwieg.
Es sollte mir unsäglich lieb sein, nahm Kronberg das Wort, wenn Sie mich wirklich nicht verständen!
Und doch, erwiderte der junge Mann, muss i c h n u n um eine Erklärung Sie ersuchen. Vor etwa vier Wochen begegnete Professor Schulz zuerst auf der Treppe Ihrer Etage dem Grafen; dasselbe geschah mir wenige Tage darauf bei einem Auflauf in der Gasse, den die Arrestation einiger Carbonaris veranlasste; es ward mir nun die Gewissheit, dass mehre Mitglieder Ihres Hauses um seinen Aufentalt in Bern wussten und vielleicht auf unvorsichtige Art denselben zu verbergen suchten. Eine Woche später, im Augenblicke der wiederholten Bekanntmachung einer sehr geschärften Fremdenordnung, die ihm die Flucht abschnitt, entdeckte ich sein Versteck. Gestern erfuhr ich Ihre Rückkehr und Ernennung zum Gesandten in Wien; es war leicht, die Unannehmlichkeiten zu erraten, welche Ihnen aus dieser Angelegenheit entstehen mussten. Die Verhältnisse, in denen Graf Viatti hier im haus stand – oder mir zu stehen schien.
Also wussten Sie es doch?
Ich erwähnte ja wohl schon, dass ich Sophiens Worte: ce n'est pas lui! zufällig gehört. Mir schien die einzige Lösung aus einem Gespräch mit ihm erwachsen zu können; ich bat ihn um Offenheit und gestand ihm, dass ich selbst –
Wie? Sie wagten? – Doch freilich, Sie wollten ihn retten! Aber um welchen Preis? (Also weiss er's nicht! setzte er innerlich hinzu.)
Um welchen Preis, Herr Graf? Jetzt verstehe ich in der Tat gar nicht – was wollen Sie sagen? Darf ich bitten –
Mein Gott, Sie sagen ja selbst, dass Sie ihm Ihre unsinnige Schwäche bekannt, und ich sehe, dass er diesen Wahnsinn benutzt hat. Es begreift sich allenfalls, was konnte ihm am Ende eine solche Rivalität schaden!
In diesem Augenblick verwirrten sich Gottards Ideen wie vorhin die des Grafen, er hielt den Uebergang für eine Falle; dass Kronberg während des ganzen Gesprächs vorausgesetzt, Gottard habe eine Neigung zu Leontinen gefasst und deshalb ihn mit allem Stolze seines Ranges und seiner bisherigen Stellung behandelt, fiel ihm nicht entfernt ein. Er wurde verlegen und fand nicht sogleich eine Antwort.
Da es jetzt auf die Möglichkeit unseres Beisammenseins ankommt, da ich nur höchst ungern die Carrière eines talentvollen jungen Mannes störend unterbrechen möchte, so erlauben Sie mir schliesslich noch eine Frage. Haben Sie je gewagt, sich auszusprechen? – irgend Jemanden eine Torheit einzugestehen – die – weiss Leontine?
Das fräulein? Wie kann i c h das wissen, Herr Graf!
Nun, jedermann weiss doch, ob er sein Gefühl verrät. Haben Sie irgend Gründe zu glauben, dass das fräulein Ihre leidenschaft erraten hat?
Ich? eine leidenschaft für das fräulein? – Gottards Augen wurden starr, er sah blaue und rote Funken und keinen äusseren Gegenstand mehr.
Und für wen denn sonst? fragte der Graf.
Beide Männer schwiegen; sie standen plötzlich als Todfeinde einander gegenüber. Hier konnte kein Wort mehr ausgesprochen werden.
Wie bei vielen Männern, deren Eitelkeit an die Stelle einer Herzensforderung tritt, war in Kronbergs Seele ein wunder Fleck: das instinctmässig erratende Gefühl, von seiner Frau nicht eigentlich geliebt zu sein. Der Quell dieser schmerzenden Empfindung war zugleich der eines stolzen Verbergens seiner geheimen, nagenden Eifersucht; lieber würde er Annen einem Abgrund von Schuld und Reue zugeschleudert haben, als dass er jemals diese Schwäche einer leidenschaft eingestanden hätte, deren Aeusserung er auf's Tiefste verachtete.
Nach diesen Andeutungen wird man begreifen, wie er nach kaum minutenlangem Schweigen, ohne weiteren Uebergang, sogleich mit Gottard von den Kindern zu reden begann, deren so höchst vorteilhafte Entwicklung er dankbar pries und zugleich sein höchstes Bedauern darüber aussprach, dass die neue Lebenswendung Gottard natürlich nicht mehr erlauben werde, sich ferner mit der Erziehung derselben zu befassen, da ernstere und höhere Pflichten es ihm von jetzt an unmöglich machen müssten. Glauben Sie mir, schloss er im wohlwollendsten Tone, dass ich die Grösse dieses Verlustes für meine Knaben schmerzlichst zu schätzen weiss. Indessen wäre es Torheit, daran auch nur zu denken.
Gottard stiegen die Tränen in die Augen. Er fühlte sich mit einem Male aus jedem Zusammenhange mit der Geliebten losgerissen, er empfand den trennenden Schnitt, der die Bande des heiligsten Vertrauens zwischen ihnen löste, er sah sich auf eine ganz einfach herbeigeführte Weise gewaltsam aus dem haus in's Weite hinausgestossen, verbannt; und