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eine Art geheimnis, die mir drückend wäre. Doch gestehe ich, nicht geglaubt zu haben, dass dies Wagniss mir Ihren Tadel zuziehen könne; wenigstens nicht, insofern Sie selbst dabei beteiligt sind.

Ich bitte, fahren Sie fort, sagte Kronberg sehr vornehm.

Ich hatte am Morgen die Nachricht bekommen, dass ich die Ehre haben würde, der Gesandtschaft nach Wien vom Ministerium als Commissarius beigegeben zu werden, und dass Sie, Herr Graf, Ihr Diplom bereits erhalten; i c h hatte bis dahin nur unter der Hand diese Nachricht und noch keine übernommene Verpflichtung; Sie, Herr Graf, waren schon Gesandter. – Mich dünkt, setzte er mit einer leichten Verbeugung hinzu, dass Sie selbst fühlen müssen, dass mir ein innerer Zwang bereits gebot, die Interessen der Gesandtschaft, die ich begleiten soll, über die meinen zu stellen. Hier im haus konnte n a c h Ihrer Ankunft der junge Mann weder verborgen bleiben, noch gefänglich eingezogen werden, so musste er vor derselben Bern verlassen. Mir scheint, ich habe sehr einfach gehandelt; inwiefern Ew. Gnaden Familie dabei in's Spiel kommt, kann ich freilich nicht begreifen.

Erstaunt blickte der Graf den Hofmeister an. Woher kommt dem Menschen diese Sicherheit, dieser diplomatische Aplomb? Er biss sich in die Lippen, er war offenbar zu weit gegangen und Gottard im Vorteil. Im Gefühl dieses von ihm verfehlten Schrittes ward er ärgerlichim Aerger unbedacht, denn er setzte hinzu: Wenn, wie Sie sagen, das Interesse des Staates, dem wir nun beide angehörener legte einen verbindlichen Ton auf die letzten WorteIhre Handlungen bedang, wenn Sie eine allerdings mich compromittirende Verhaftung des jungen Mannes mir ersparen wollten, wozu, fuhr er sehr ernst und gebieterisch fort, mussten denn die Damen in's Spiel gezogen werden?

Sie hat ihm alles gestanden! sagte sich Gottard, aber er blieb unerschütterlich, obschon das Herz ihm in den Halsadern schlug und ein heftiger innerer Zorn sein sonst so blasses Gesicht rötete.

Sophie, die Kammerfrau Ihrer Frau Gemahlin, wusste um das geheimnis, erwiderte er kalt, so schien mir es der Anstand zu erfordern.

Weiss er, w e n er uns gerettet oder nicht? fragte sich der Graf. Hat Jean Carlo geschwiegen? –

Uebrigens, fuhr Gottard fort, konnte die ganze Sache mislingen und ich selbst gefänglich eingezogen werden, auf diesen Fall wünschte ich meine Ehre gesichert und meine Papiere, die ich versiegelt der Frau Gräfin übergab, in besserem Gewahrsam, als sie in meinem Zimmer es sein konnten.

Diesen Umstand hat sie mir verschwiegen! dachte Roderich. Und bei meiner Frau, bei einer Dame, glaubten Sie dieselben gesichert?

Sie waren nicht der Art, der Frau Gräfin irgend einen Nachteil bringen zu können

Aber, unterbrach ihn der Graf, mit immer steigendem Aerger, ich werde dennoch nie begreifen, wie Sie hierin irgend ein verhältnis zu meiner Nichte ahnen konnten?

Ahnungen begreift man wohl überhaupt nicht, erwiderte Gottard fast lächelnd, aber in durchaus höflichem Tone.

Der Graf stand auf, ging erst eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte sich dann an's Fenster. Er bemerkte drüben seine Frau, die noch auf Leontinen wartete und in unbeschreiblicher Traurigkeit still vor sich hinblickte. Das verstimmte ihn noch mehr. Ich bitte Sie, Herr Gottard, mir aufrichtig zu sagen, was Sie von dieser unglücklich-unklaren geschichte wissen; die ganze Sache greift so traurig in unser Aller Dasein ein.

In Ihr Dasein? rief Gottard erbleichend. Mein Gott, da liegt vielleicht ein zweites geheimnis vor, dessen Fäden ich unbewusst erfasst! – Ich halte den jungen Mann für geborgen. Durch besonderen Zufall hatte ich den Pass eines verstorbenen Landsmannes, eines Architekten, der am Tage vor seiner Abreise von hier plötzlich erkrankte und verschied, er war mit mir vom Rhein hergezogen. Das Signalement passte ungefähr, es musste auch dem Glücke etwas zu tun übrig bleiben. Geld hatte der Graf. Ich war über des Nachbars Dach zu ihm geklettert, weil er auf mein wiederholtes Pochen an seine Kammertür nicht öffnete und ich nicht Madame Sophiens Losungswort wusste. – Als ich an's Fenster klopfte, entschloss er sich endlich, mich zu hören, liess mich aber nicht sogleich ein, sondern begann unsere nähere Bekanntschaft damit, mir ein Pistol auf die Brust zu setzen.

Den Teufelskerl amusirt die Gefahr! dachte Kronberg und seine Jugend flog ihm wie eine Lichtwolke vorüber.

Gottard erzählte fort: Allmälig überzeugte ich ihn; wir verständigten uns, ich stieg durch's Fenster zu ihm ein; er gab meinen Gründen nach. Einen Hausschlüssel hatte ich, und wir verliessen vor Tagesanbruch zusammen das Haus und erdie Stadt.

Und, fragte Roderich, under sagte Ihnen, wer er sei?

Gottard zögerte einen Augenblick, dann erst antwortete er: Allerdings; es war der Jüngere der beiden Grafen Viatti.

Und wie erfuhr meine Nichte –?

Er schrieb ihr; ich machte die Aufschrift und legte das Blatt in die Stadtpost.

Und Sie wussten, dass ein Preis auf seinem und seines Oheims Kopf steht?

Wenn ich das nicht gewusst, was hätte mich dann vermögen sollen, meine eigne Existenz zu gefährden?

Herr Gottard, sagte der Graf kurz, das Alles hätten Sie für m i c h als Gesandten getan?

Gottard ward todtenblass, die directe Frage überwand ihn, er war nicht darauf gefasst.

Kronberg