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, während eben eine Fremden-Verordnung publicirt wurde, welche unter die strengsten gehörte, die je bekannt gemacht wurden.

Während also alle nur einigermassen in ihr beteiligten Fremden Bern zu verlassen eilten, langte Jean Carlo daselbst an. Das Uebrige ist unsern Lesern bekannt. Josephinens plötzlicher Eintritt, der die so gewaltsam überraschenden Mitteilungen Leontinens unterbrach, brachte den Grafen Roderich augenblicklich zur Besinnung; die gewohnte Gastfreundschaft, die anerzogene Höflichkeit, die im Duell vor dem tödtenden Stoss den Kämpfenden den Gruss auferlegt, siegten auch jetzt, sogar der Schwester gegenüber. Er war der Erste, der auf sie zuging, sie mit wenigen herzlichen Worten bewillkommnete und sie bat, ihm eine unvermutete Störung zu verzeihen, die sie Alle das Rollen ihres Wagens habe überhören machen.

Auch Anna wandte sich rasch der verehrten Frau zu und legte Leontinen aus ihren Armen an das Herz der Mutter, die, völlig arglos, dem ungeheuern Schlage, der sie treffen sollte, die heitere Stirne bot. Die Freude, ihre beiden Kinder wiederzusehen, wie sie die beiden jungen Frauen gern nannte, verblendete sie, der ganze peinliche Zustand ward nicht sogleich von ihr bemerkt, ja sogar dessen unwillkürliche Andeutung in ihres Bruders Worten vermochte nicht, sie aus dem Taumel von Glück aufzuschrecken, der sie beim Anblick der so lang entbehrten Teuern überwältigte. Sie hatte ja die Tochter überraschen wollen, so fiel ihr nicht einmal deren lauter Aufschrei besonders auf, sie mass ihn dem freudigen Erstaunen bei.

Die Gewalt des Augenblicks beherrschte Aller Zungen; Niemand hatte den Mut, den schneidenden Schmerz sogleich in die freudeschlagende Brust Josephinens zu senken, deren hände die nun auch hinzugetretene Sophie mit Tränen und Küssen bedeckte, deren Hals die herbeigestürmten Knaben jauchzend umklammerten und dann von ihr weg und dem eben erblickten Vater zuflogen, den sie bereits unten im Wagen vergeblich gesucht.

Victor Hugo hat so schön gesagt: das Kind sei der E n g e l im haus. Die Freude der Kleinen legte ihren reinen Himmel auf die Gewitterschwüle dieser Stunde; ihr jubel war so hinreissend, ihr fragen nach allen mitgebrachten Schätzen, all ihr überwältigendes Schwatzen, Kosen und Erzählen so lieblich, dass sie den Sieg davontrugen.

Erst als Josephine längst am Frühstücktische sass und plötzlich ganz unbefangen zu Annen sagte: Ich habe dir noch nicht gratulirt, zu Roderichs Avancement! Wenn ihr nach Wien kommt, wirst du gelegenheit haben, deinem Hange zur Musik recht gründlich nachzugebenda fiel das Unvermeidliche einer Erklärung wie ein Meteorstein aus klarer Luft Allen auf's Herz.

Niemand antwortete. Roderichs Züge umwölkten sich, krampfhaft verzogen sich seine Lippen zum Ausdruck eines fast hassenden Zornser gedachte Gottards. Anna erbleichte. Die Zwischenzeit hatte indessen für jeden Einzelnen das Gute gehabt, dass Alle gleich deutlich empfanden: die Entdeckung des unseligen Geheimnisses müsse von Leontinen selbst ausgehen. Sie hatte die sie überkommene Schwäche bereits niedergekämpft; nur den Schmerz, den sie ihrer Mutter geben müsse, fühlte sie in unsäglicher Qual. Auf einen fast gebieterischen Wink liess man sie mit derselben allein.

Keine von Beiden hat je über diese entsetzliche Stunde gesprochen; weder Leontine, noch die Generalin haben je die Art und Weise der Entüllungen berührt, die das schöne klare Leben der Letzteren mit einem nie wieder weichenden Schatten der sorge überdeckten. Umsonst versuchte es Leontine jetzt und später, die Aussicht auf eine wahrscheinliche und baldige Lossprechung Jean Carlo's als tröstendes Licht in das plötzliche Dunkel fallen zu lassen, das sie selbst in der Mutter Seele geworfen, umsonst nannte sie ihr den Rang, erwähnte sie die bedeutenden Vermögensumstände ihres Gemahls. So viel Mühe sich die arme Mutter gab, der Tochter los nicht durch unnütze Vorwürfe noch trüber zu machen, so wenig vermochte sie, die gewohnte Fassung zu erringenihr Mut schien plötzlich gebrochen. Teils war es das noch immer über Jean Carlo schwebende Beil des Henkers, das sie so entsetzte, teils mochten Erinnerungen an ihre früheste Jugend, an die Revolution und Waldau's Geschick ihr Gewicht an den ohnehin so schweren Augenblick hängen und die Elasticität ihres Wesens zerdrücken.

Als Leontine geendet und sie nicht mehr im Zimmer sprechen hörte, schlich Anna herein und mischte ihre Tränen mit denen, die langsam und schwer den starren Augen ihrer mütterlichen Freundin entrollten. Aber auch ihre zärtlichsten Worte vermochten es nicht, die Eisrinde zu schmelzen, die sich ertödtend über deren Züge und Herz gezogen. – Lange sassen alle drei stumm und sinnend neben einander; ach, es ist etwas Furchtbares um dies endlose Herumwälzen eines rätselhaften Gedankens, dem Gott keine Lösung verliehen! Roderich war sogleich zu Gottard hinübergegangen, den er mit den Knaben beschäftigt fand. Vergebung, Herr Graf! rief dieser, rasch aufspringend und Kronberg ehrerbietig entgegentretend, es wäre meine Schuldigkeit gewesen, Ihnen aufzuwarten; ich glaubte Sie aber noch bei den Damen.

Ein Wink des Grafen entfernte die Kinder. Sie wussten im Voraus um meine Ankunft? fragte er streng und kalt.

Ja, aber ich vermutete sie minder bald.

Und konnten dennoch sie nicht erwarten, ohne vorher auf eine Art und Weise in die inneren Angelegenheiten meiner Familie, oder meines Hauses, einzugreifen, die, gestehe ich's Ihnen, so ungewöhnlich ist, dass man sie unbesonnen nennen muss.

Der Graf hatte sich in einen Lehnsessel geworfen, Gottard stand ruhig vor ihm.

Es ist mir lieb, Herr Graf, dass man Ihnen sogleich meinen Anteil an einer Sache ausgesprochen, die zu berühren, ich kein Recht hätte; es erspart mir