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mochte er nicht leben! Noch einmal wollte er unter erborgtem Namen sein Vaterland aufsuchen, dessen sonnengoldene Schönheit begrüssen, dann sein Haupt den Rächern ausliefern; das Dasein war ihm plötzlich zu schwer, um es noch weiter zu schleppen.

Anstatt zur Haustür hinauszugehen, versteckte sie sich; in einem Augenblicke, da alles still war, schlich sie wieder die Treppen hinaufsie wusste die Nummer seines Zimmers. Atemlos langte sie oben an; der Finger versagte das Anklopfen, der Fuss das Tragen der bebenden, fliegenden Glieder. Gewaltsam riss sie die tür auf und stürzte bewusstlos auf die Dielen des Vorplatzes vor ihm nieder

Jean Carlo empfand den für ein Mädchen, wie Leontine, ungeheuern Entschluss, zu ihm auf seine stube zu kommen, mit so beseligender, alle Einwendungen seines früheren Gefühls niederschlagenden Gewalt, dass er, wie berauscht von diesem Glück, zu ihren Füssen sank und, fester als je ihr verbunden, lange nur in wortlosem Entzücken ihr zu danken im stand war. Aber allmälig kehrte den Glücklichen die Besinnung zurück. Vor allen Dingen musste die Geliebte das Haus verlassen, aber vorher sollte er ihr versprechen, bloss bis zur italienischen Grenze zu reisen, dort seinen Oheim aufzusuchen und alle Schritte zur Erreichung der Milderung des gesprochenen Urteils zu tun. Und abermals fiel die entsetzliche Last auf seine Seele; zum ersten Male wagte er in dieser grenzenlosen Hingebung Beider Herzen an einander das Wort: Heimliche Vermählung!

Leontine erschrak; aber sei es, dass der schon allzu ungewöhnliche, bei einer Dame ihres Standes unerhörte Schritt, dem Geliebten in die Stadt, in seine stube gefolgt zu sein, sie verwirrte; sei es Abspannung nach der ungeheuern Angst, die sie während der letzten vierundzwanzig Stunden erduldetsie widerstrebte nicht so bestimmt, als Jean Carlo gefürchtet.

Sein Mut wuchs durch diese unverhofft mildere Stimmung; in immer bewegteren, immer eindringlicheren Worten schilderte er ihr von Neuem seine sorge, sie durch Zwang oder Ueberredung während seiner Abwesenheit zu verlieren; er beschrieb ihr den unendlichen Trost des Gefühls, mit ihr unauflöslich fest verbunden zu sein und die Gewissheit mitzunehmen, in der Verbannung wenigstens sicher des ihm nicht mehr zu weigernden Glückes zu bleibenbis endlich halb verlockt, halb ermüdet, das unbesonnene Mädchen ihm unter der Bedingung nachgab, gleich nach der Trauung seine Reise anzutreten. Welche Feder vermöchte den Wonnetaumel seines Dankes wiederzugeben! Die Erinnerung daran hat oft Leontinens späteres Leben durchleuchtet wie ein Meteor des Glücks.

Nun aber ging zu ihrer Verwunderung alles in fliegender Schnelle. Kaum hatte der Geliebte ihr Ja, kaum hatte er sie wohlbehalten und unbemerkt den Ihren wieder zugeführt, so war auch der alte Domine gewonnen, die Trauung zu vollziehen, durch welche er die Seele seiner "lieben Frölen" dem einzig beseligenden Glauben zu sichern wähnte. Die zu dem italienischen Geschäft bereits früher ihm verschafften Papiere, welche Jean Carlo's Geburt, Rang, Vermögen und Identität bewiesen, waren zur Hand. Ehe Leontine zu klarer Besinnung kam, war der sie auf ewig fesselnde Schritt getan.

Derselbe Freund, der Viatti im haus eingeführt, ein geachteter Mailänder, der seit Jahren schon in Deutschland lebte und mit der Familie des Baron Lersheim verkehrte, ward unvermutet, nebst noch einem unter dem Domine stehenden Geistlichen, zum Zeugen der Trauung gemacht; auch Babet wohnte ihr bei, sie war leicht zu bereden, denn Leontine war, wie wir wissen, einundzwanzig Jahre alt, folglich mündig.

Wenige Tage nach der Vermählung reiste Jean Carlo wirklich seinem gegebenen Worte gemäss ab; er schied zwar mit blutendem, aber auch mit hoffnungsreichem Herzen.

Leider aber scheiterten alle die ihn so beglückenden Hoffnungen beim Wiedersehen seines Oheims an beider Männer leidenschaftlich ihren früheren Projecten anhangendem Charakter. Jean Carlo und sein Oheim fanden es in dem so unglücklich gewählten Zeitpunkte unmöglich, sich der jetzt abermals schwer bedrohten Gemeinschaft ihrer ehemaligen Verbündeten zu entziehen. Die umsichgreifende Carbonaria hatte abermals unvorsichtige Schritte getan, deren unselige Folgen nun auch Jean Carlo's Leben erfassten.

Ein ganzes Jahr verging Leontinen in namenloser Angst, sie sah ihn nicht wieder! –

Ab und zu schrieb er ihr unter Babets Adresse, aber, ach! die nötige Vorsicht machte seine Briefe unklar. Monate lang entbehrte sie jeder Nachricht, oft wusste sie sogar nicht, wo er war. Leontine litt; sie hätte weit mehr gelitten, hätte ihr leichter Sinn sie nicht über manchen Abgrund schauderhafter Möglichkeit hinweggetragen. Der Schritt war einmal geschehen, es lag nicht in ihrer natur, mit sich selber darüber zu rechten.

Wenn sie dann und wann über jene Zeit nachdachte, mischte sich ein höchst peinlicher Vorwurf für ihren Gemahl in dies Nachdenken; er hatte sie einer unabsehbaren Reihe von Schmerzen preisgegeben, wenn ihre Eltern die unglückliche Uebereilung entdeckten; er hatte ihre Ehre sogar gefährdet, und leise, leise flüsterte sie sich's zu: er hatte leichtsinnig gehandelt, sie preisgegebenaus nicht ganz edlen Gründen.

Leontinens liebenswürdige aber vielgestaltig bewegte natur konnte vom Augenblick zu leidenschaftlichen Ergüssen sich hinreissen lassen, die eigentliche Macht einer Geist, Sinn und Willen überwältigenden L e i d e n s c h a f t begriff Leontine nicht.

Die Herbstreise des Jahres zweiundzwanzig brachte sie wieder nach Baden, und die ferneren bereits mitgeteilten Ereignisse nach Bern, wo sie hoffte, Annen ihr geheimnis entschleiern zu können, als ein Brief Jean Carlo's seine Rückkehr von der italienischen Grenze und seine nahe Ankunft in Bern meldete, wohin ihn der Wahnsinn der heftigsten sehnsucht nach Leontinen zog