schwebenden Gefahr, die es schützende Hülle nicht zu heben. Den jungen fräulein lag die Politik zu fern, als dass sie überhaupt etwas Anderes in der Erscheinung des Fremden bemerkt hätten, als dass er augenscheinlich ihrer Cousine Waldau den Hof mache! Die Baronin mochte eine dunkle Ahnung eines traurigen Geschicks ihres Gastes haben, aber zu sehr gewöhnt, ihr Urteil immer auf das ihres Gemahls zu stützen, suchte sie nicht eigenmächtig nach der Lösung des von ihm nie berührten Rätsels. So vergingen mehre Monate.
Jean Carlo hätte indessen kein Mann und kein verliebter Italiener sein müssen, wenn ihn dies tägliche, öffentliche und doch so geheimnissreiche Zusammensein mit der von Bewerbern umringten Geliebten nicht gesteigert und zu immer heftigeren Wünschen entflammt hätte. fräulein von Waldau war nicht nur eine sehr glänzende Partie mit einem ganz unabhängigen Vermögen, sie gehörte auch zu jenen fast dämonisch die Phantasie entzündenden Gestalten, deren Gegenwart berauschend auf die verschiedenartigsten Männer wirkt, ihre Sinne reizt und quält; sie war eine der Frauen, die der leidenschaft den Wahnsinn zugesellen. Eine ihr angeborene, durch Erziehung und Umgebung ganz unberührt erhaltene Art Unbefangenheit, eine Unschuld der Unkenntniss, die sie noch gefährlicher machte, liess sie dem Gemeinen wie dem Unrecht lachend und unbefleckt vorübergehen.
Jean Carlo's heftiges Gemüt, die ihn beherrschende Glut seines Gefühls machten ihm seine Lage bald unerträglich. Er konnte es nicht aushalten, sie andern Männern gegenüber zu sehen, ohne sein Anrecht auf ihr Herz geltend zu machen, er vermochte es nicht, die ihr angeborene Koketterie zu ertragen und machte ihr oft ungerechte Vorwürfe, ja heftige Scenen um unbedeutender Kleinigkeiten willen.
Vergebens bezeigte ihm Leontine die innigste Neigung; vergebens machte sie ihn auf die notwendigkeit aufmerksam, der Welt kein ernsteres Einverständniss mit ihr ahnen zu lassen; vergebens stellte sie ihm vor, dass des baron Teilnahme am Geschick eines politischen Verbrechers sich in Abneigung verwandeln werde, sobald dessen Einfluss auf das Leben seiner nächsten Verwandten ihm klar werde; dass ihre Familie eine Verbindung mit einem Ausländer, auf dessen Kopf noch immer ein Preis stehe, nicht zugeben könne; dass bei einer blossen Andeutung derselben ihr Vetter sie ihren Eltern augenblicklich zurückschicken müsse – Jean Carlo hörte nichts, begriff nichts, als die Unmöglichkeit, diese ewig sich erneuende Gefahr ihres Verlustes auszuhalten.
Alle solche Erklärungen unter den Liebenden führten nur zu erneuten Klagen und der Versicherung: dass er ruhig sein und ihr ganz gewiss unbedingt folgen würde, wenn er wisse, dass keine Ueberredung noch Gewalt sie ihm zu rauben vermöge, dass er aber ohne diese Sicherung nicht nach der italienischen Grenze gehen könne, wohin ihn Fürst Medici und sein, wie er, geretteter Oheim beschieden hatten, um Rücksprache der Milderung des Urteils und der sie bedingenden Umstände wegen mit ihm zu nehmen.
Leontine trieb ihn seinem eigenen Interesse nach zu dieser Reise; ihn selbst hatte der Wahnwitz der Eifersucht zu tief erfasst; er vermochte weder den Gedanken los zu werden, dass einem Glücklichern gelingen könne, in seiner Abwesenheit die Braut zu bewegen, das ihm gegebene Wort zu brechen, noch sich zu der Trennung zu entschliessen, von welcher eine spätere Verbindung mit ihr abhing.
Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen in dieser sich immer neu gestaltenden Selbstqual. Am Ende führte eine unbedeutende Auszeichnung, die Leontine einem Andern zu teil werden liess, einen förmlichen Bruch herbei. Der verzweifelnde Zorn, mit welchem Jean Carlo sie mit einer alle Rücksicht verachtenden Heftigkeit der Lieblosigkeit beschuldigte, sie in starrer Mutlosigkeit freigab, ihr sogar ganz entsagte, reizte sie übermässig; in zornigen Tränen wandte auch sie sich von ihm ab.
Im raschesten Uebergange der Klage über sie zur Selbstanklage, wiederholte er ihr nun, dass er unter all diesen Bedingungen und Einschränkungen nicht mehr zu leben vermöge, dass er auf ewig von ihr scheide, dass er den Wink des himmels, sie freizulassen, sie nicht auch noch dem Fluch seines Schicksals preiszugeben, nicht mehr widerstehe. Noch einmal zog er sie an seine Brust, noch einmal bedeckten seine glühenden Küsse ihre Augen, ihren Mund, ihre glänzende Stirn, dann riss er sich gewaltsam los und stürmte fort. Vergebens suchte sie ihn zu halten, vergebens schrieb sie ihm, beschwor ihn, wieder zurückzukehren; er war fort nach Breslau; mehrere Tage hörte sie nichts von ihm.
Eine unnennbare Angst erfasste nun ihr Herz. Seit Jahr und Tag hatte sie ihn, trotz aller Koketterie, als ihren Verlobten, fast als ihren Gatten betrachtet. In Tränen zerfliessend, malte sie sich ihr eigenes Unrecht aus, ihren Leichtsinn, ihre Gefallsucht, die Geiersperg so unzählige Male ihr vorgeworfen – ihr dämonisches Anlocken und Aufregen der Männer, die ihr den Hof machten, bis sie die Gequälten, Gereizten zu irgend einer allzuheftigen Aeusserung ihrer leidenschaft veranlasst und sie ihr nun plötzlich ganz grenzenlos misfielen, oder ihr gar lächerlich wurden – sie klagte sich auf's Unbarmherzigste an, auch gegen Jean Carlo nicht geduldiger gewesen zu sein, um seine Eifersucht zu schonen. Mit jeder fliehenden Minute steigerte sich ihre sorge, unwiederbringlich ihn erzürnt, ihn auf immer verloren zu haben. Sie schrieb ihm nochmals nach Breslau, erhielt aber keine Antwort.
Es liess ihr keine Ruhe, unter einem Vorwande fuhr sie hinüber. Sie kannte die Hausleute, bei welchen er wohnte, es waren Handwerker; sie bestellte etwas und fragte nach ihm. Noch war er da – morgen wollte er reisen – da lag sein Pass – grosser Gott, nach Neapel! Sie verstand ihn gleich: ohne sie