Andern ihre Hand zu reichen.
O, welche Glutwogen der Poesie, des Fanatismus und der sie vergötternden Sinnlichkeit schlugen über des armen Kindes so leicht erregbarem Herzen zusammen!
Wie schal und abgeschmackt erschienen ihr jetzt die früheren Bewerbungen der Männer, die ihr bis dahin von ehrerbietiger Ergebenheit vorgeschwatzt und darin wahrscheinlich nur der Mode oder ihren brillanten Vermögensumständen gehuldigt hatten.
Wenn Jean Carlo spät Abends leise in ihr Stübchen hinüberschlich, Stundenlang vor ihr kniete, ihre kleinen Füsse küsste, ihren heissen Atem trank – dann wieder, in plötzlich erwachendem Zorn gegen sich selbst, fast verzweifelnd sich anklagte: dass sie mit einem Male die Welt ihm geworden, dass er um ihretwillen sein Vaterland vergesse, dass s i e die heilige Jungfrau sei, zu der sein Herz bete – wenn seine heissen wollüstig-schmerzlichen Tränen ihre hände benetzten, oder wenn er, von der eigenen Glut aufgeschreckt, aufsprang und fortlief, um in der wilden Aufregung seines Wesens mit keinem Hauch ihre kindliche Unbefangenheit zu beleidigen, dann aber, wie gebannt, am Türpfosten fest angeklammert stehen blieb und nur von fern mit trunkenem Auge die Wonne ihres Anblickes in sich sog, bis dann zuletzt langsam, allmälig die unbegrenzte herrschaft, die sie über ihn ausübte, die Gewalt seines Gefühls beschwichtigte, ihn zurücklockte und er leise wieder näher trat und mit zitternden Lippen zur "guten Nacht" ihre Fingerspitzen kaum zu berühren wagte, als wäre sie das ihm von Priesterhand geweihte Bild des Allerheiligsten – dann musste ja wohl vor allen diesen unverstandenen und doch so beseligenden Empfindungen die ruhige überlegung weichen, die ihr in einsamen Minuten eine Verbindung mit Jean Carlo als unmöglich erscheinen liess.
Auf den Spaziergängen traf Leontine zuweilen mit dem Dechanten zusammen. Immer machte sein Anblick wieder denselben tiefen, ihr unerklärlichen Eindruck einer höheren Gewalt auf sie. War sie allein, so redete er sie an, und auch er nannte sie Jean Carlo's Stütze, seinen einzigen Trost. Den erhabeneren, an welchen er selbst sein vielleicht einst eben so schmerzlich-bewegtes Herz gewiesen, nannte er ihr nicht; aber dennoch lag in jedem seiner Worte die Glorie der Kirche, welcher er angehörte; immer hob sich aus ihnen, wie in weiter Ferne, eine Friedenshalle empor, die auf goldenen, eine Welt tragenden Säulen ruhte und den Zagenden ein sicherndes Asyl bot. Ach! und Leontinens in solchem Zwiespalt von Angst und Seligkeit bestürmtes Herz hatte eines solchen so nötig!
Josephine ahnte von dem Allen nichts; sie lachte über Geierspergs Spässe, mit denen er gegen die Neapolitaner zu feld zog, sie freute sich über Leontinens blühende Wangen und lobte sie, dass sie nicht tanzte. Dass diese einen Ausbruch von Jean Carlo's wütender Eifersucht scheute, konnte die arme nicht ahnen.
Der Sommer ging zu Ende, mit ihm gar mancher bunte Liebestraum. Plötzlich ward der Tag der Heimreise bestimmt. Jean Carlo's Abschied war herzzerreissend. Er kehrte nach Genf zurück, wo er den Winter zugebracht; nach Berlin traute er sich nicht, er fürchtete erkannt und überliefert zu werden.
In des Dechanten Gegenwart, der einen Augenblick aus Jean Carlo's Zimmer zu ihr hinüberkam, ihr Lebewohl zu sagen, zwang er die Geliebte, ihm das Versprechen zu wiederholen, nie einem Andern, als ihm, anzugehören, und schwur ihr Treue und Anwendung jeder ihm zu Gebot stehenden Kraft, um ihr sobald wie möglich ein ihrer würdiges los zu bieten. Mit dem Versprechen, einander täglich zu schreiben, schieden die Verlobten.
Aber was konnten Briefe einer glühenden Seele, wie die Jean Carlo's war, gewähren? Trotz aller damit verbundenen Gefahr sah er Leontinen mehre Male in Berlin; und als sie im nächsten Frühjahr zu ihren Verwandten nach Schlesien ging, folgte er ihr auch dortin.
Seine Verhältnisse hatten in diesem Jahre eine Art günstiger Gestalt gewonnen. Obschon sein Name noch immer mit dem seines Oheims zusammen auf der Liste der zum tod Verurteilten stand, öffnete sich ihm dennoch durch des Fürsten Medici Vermittlung die Aussicht auf einen künftigen ungeschmälerten Genuss seiner Einkünfte im Auslande, das allerdings nur eine beaufsichtigte Freiheit, zugleich aber die Wahrscheinlichkeit der Milderung des Richterspruchs in den einer längeren Verbannung ihm bot.
Und doch waren es gerade diese Hoffnungen, die während eines Sommeraufentalts Leontinens auf den Gütern ihrer Vettern in Schlesien einen Bruch herbeiführten, dessen Folgen für Beide unberechenbar blieben.
Die Familie des Baron Lersheim, bei welcher Leontine sich aufhielt, sah oft und gern Fremde in ihrem haus. Jean Carlo liess sich ganz unvermutet als einen schweizer Gelehrten, einen Genfer, dort einführen, was er um so eher konnte, da er der Sprache unbedingt mächtig war.
Schön, gewandt, mit dem kräftig pulsirenden Leben in jedem zug des Geistes wie der Gestalt, musste der junge, wirklich liebenswürdige Mann gefallen, und bald hatte er das warme Interesse aller Mitglieder des kleinen Kreises sich gewonnen.
Anfangs genoss das schöne Paar der ganz unerwarteten Blütenzeit ihrer Liebe, im Schutz dieser unschuldigen Mystification, ohne Vornoch Rückblick, in der anmutigen Frische eines jungen Gefühls und jungen Glücks. Ach, nur zu schnell trat die vernichtende Schwüle der leidenschaft in ihr siegend-verheerendes Recht! Bald ekelte Beide das Spiel mit der so ernsten Empfindung ihrer Lage an. Jean Carlo gestand dem Baron, wer er sei, und stellte ihm frei, das ihn gefährdende geheimnis auch den Seinen mitzuteilen.
Lersheim dankte ihm gerührt für das ihn ehrende Zutrauen, zog aber vor, bei der noch immer über des jungen Mannes Haupt