was es auch sein mochte, so trug sie es hinüber zu Leontinen. Nie fiel ihr ein, dass sie irgend etwas besitzen könne, das nicht eigentlich jener angehörte, und mit stillem Entzücken weidete sie sich an der Freude, die sie der kleinen Freundin bereitete. Man sagt den glücklichen Stunden nach, dass sie Flügel haben; mir scheinen die unglücklichen in noch rascherem Flug zu entschwinden, nur ist eben ihr Vorüberziehen ein unmerklicheres, es gleicht dem lautlosen Schweben des Nachtvogels oder der Fledermaus, deren Bewegung man nicht hört. Jahre des Elends, die im Entstehen unerträglich schienen, liegen plötzlich in langer Reihe hinter uns. – Hast du das wirklich ertragen? fragt rückschauend das vor der eignen Leidensfähigkeit zusammenschreckende Herz – all das Entsetzliche erduldet – all die Schmach überdauert? Und vor Allem fragt so der Deutsche, der vor und nach dem Handeln so viel, ach, oft so nutzlos spricht! – aber im Augenblick des Leidens stille hält und Unermessliches sich aufbürden lässt, eben weil er die Kraft des Ertragens und Hebens an sich kennt, und so erging es in jener kummervollen Zeit dem Einzelnen wie den Nationen. Es reihten Tage sich an Tage, sie wurden mond, wurden Jahre der Erniedrigung, bis wir das Joch, das uns zu erdrücken schien, zu dem Ziele hinzutragen gelernt, das uns mit dem Bewusstsein unzerstörbarer Stärke den Vollgewinn der Freiheit wiedergeben sollte.
Nach und nach hatte man die Offiziere mit der Anwesenheit eines kranken Gemahls der Frau vom haus bekannt werden lassen; als endlich Waldau unter sie trat, waren sie längst an ihn gewöhnt, hatten von ihren Vorgängern ihn erwähnen hören; Niemand spürte bei seinem erscheinen seiner Vergangenheit nach, der Feuerbrände des Tartarus ward in jener kaleidoskopartig die Gegenwart stets umgestaltenden Zeit kaum mehr gedacht. Man erzählte, dass der Kaiser bei Waldau's Namennennung gefragt: Est-il auteur? aber die ihn zunächst Umgebenden gehörten insgesammt zu den immer brillanter werdenden Abendzirkeln des Waldauschen Hauses; ihnen war der Herr desselben so unschuldig, unbedeutend erschienen, dass die Antwort, verneinend oder ausbeugend, den Fall unerörtert liess.
Und wer hätte denn auch in diesem schweigsamen, fast teilnahmlosen Mann den kaum vor wenig Jahren erst einer glänzenden Laufbahn entrückten Staatsmann und Politiker zu erkennen vermocht?
Waldau zeigte sich mit einem Male gänzlich umgewandelt: denn er war zurückgetreten in lautlose Stille und liess das unselige Geschick seines Vaterlandes an sich vorüberziehen, wie einen verheerenden Lavastrom, ohne irgend ein äusseres Zeichen des Schmerzes. Er hatte sogar Stunden, in denen das ihm eigne grosse Combinationsvermögen ihn schon damals zu der festen überzeugung trieb, dass nur ein allgemeines, grenzenloses Elend sein Volk allmälig wieder zu einem siegverheissenden Widerstande kräftigen werde. Waldau war ein gelehrter, tiefer Denker; der Glanz, der damals Preussens Jugend, besonders aber das Militair, bis zum Uebermut gesteigert hatte, musste seinen strengen blick ungeblendet lassen. Jahre lang hatte er die bunten Erscheinungen seiner Zeit, wie eine rückwärts spiegelnde Fata Morgana betrachtet, die das Untere zu oberst kehrt. Noch vor kurzem hatte er es versucht, seine stimme warnend zu erheben, jetzt war er verstummt; in dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach eng zugemessenen Kreis der Tage konnte er nun nichts Grosses zu erleben erwarten!
Josephine hatte ihren Gatten sehr lieb; sie hatte den viel älteren Mann aus Entusiasmus geheiratet. Wenn man jetzt die anmutig gelassene Erscheinung in der Färbung sah, die ihr mannichfaches Erfahren, Zeitenwechsel und ganz aristokratische Gewöhnungen gegeben, konnte man sich gerade in ihr keine solche Aufregung möglich denken. Auch war sie deren nur noch im tiefsten Herzen fähig, und diese sehr seltenen inneren Erschütterungen der Seele nahmen immer eine so bestimmte äussere Form des Handelns an, dass man kaum umhin konnte, sie für Früchte einer grossen Besonnenheit zu halten. Und eine solche Frucht der ihr ganzes Wesen durchzitternden Angst um Waldau war die Art und Weise, mit der die noch an der Jugendgrenze stehende Frau es möglich machte, sich dem allgemein lastenden Druck zu entziehen und um sich und ihren Gatten eine Gesellschaftsoase zu bilden, die ihm äussere Sicherheit und das geistige Lebenselement bot, von dem die Erhaltung körper- und gemütskranker Menschen weit öfterer abhängt, als wir es uns eingestehen mögen.
Umsonst umgibt uns der weite Wesenkreis der auf unsere Geistesfragen ringsum antwortenden natur mit analogen äussern, die inneren Erscheinungen unsers Lebens rückspiegelnden Erfahrungen; wir beachten sie nicht. Die Lösung so mancher quälenden Verworrenheit liegt in Riesenhieroglyphenschrift um uns her gebreitet; aber wir wenden unser Auge ab.
Der Cappflanze geben wir mit stets erneuter Fürsorge die ihr zusagende Erde; wir stellen sogar die Gewächse zu einander, deren Odem eine verwandte Atmosphäre um sie her bildet, ängstlich entfernen wir die fremdartigen, denen vielleicht gerade diese Ausströmung gefährlich werden könnte – nur den Menschen, die edelste Blüte der Schöpfung, stossen wir kalt in eine ihn erdrückende, seinen besten Eigenschaften fremde Umgebung! Wir knicken die zarten Keime seines angebornen Empfindens und dann fodern wir eine entwicklung von ihm, die kaum das günstigste verhältnis zu sichern vermocht hätte.
Zum Glück gibt es Frauen, die allentalben instinctmässig das Amt der Pflegerinnen übernehmen. Wie man zuweilen Kinder eine Blume an die Lippen drücken und gleich darauf ein runzliches, altes Muhmengesicht mit gleicher Inbrunst herzen sieht, als leuchte dem frischen jungen blick das Göttliche durch jede Hülle zu; eben so unbewusst verleihen jene edlen weiblichen Naturen der schwankenden Ranke den Stab, dem wankenden Schritt den Arm, dem zagenden wie dem erstarrenden Herzen die Umgebung, deren es zum Genesen bedarf