1845_Schopenhauer_142_59.txt

, zog seine Jagdhunde auf und bewunderte mit wirklich aufrichtiger Freude die von Geiersperg geschossenen Auerhähne und Schnepfen. Sie war eigentlich nicht minder glücklich als sonst, denn bei ihr war das Glücklichsein fast eine Eigenschaft des Charakters geworden.

Leontinens Erziehung war ihr nicht ganz gelungen, das fühlte sie selbst, doch, wie viele Mütter, blieb sie dabei blind für deren Mängel; und dann hatte ja Leontine ihres V a t e r s Fehler! Geiersperg tadelte sie strenger, schon deshalb musste Josephine die Tochter entschuldigen. Vor allem war ihm nicht recht, dass sie kein Junge war; er hätte so gern einen Sohn gehabt. Darum hatte er die Verbindung mit seinem Neffen Albert fast leidenschaftlich gewünscht; sie sollte seiner väterlichen Liebe Enkel geben. Im Ganzen konnte er die excentrischen Weiber nicht leiden; – und hast mich doch geheiratet? sagte Josephine.

Aber Geiersperg nahm ihren Kopf zwischen seine beiden grossen hände und küsste sie herzlich. Von dir, liebes Kind, kann ja hier gar nicht die Rede sein, du bist mein lieber, närrischer excentrischer Engel! Aber im Häuslichen bemerke ich, Gott sei Dank! nur, wie du mir alles leicht und lieb machst. Wenn die Leontine excentrisch sein wollte, wie du, so hätte ich nichts dagegen.

Geierspergs schönste Jahre waren die gefahrreichen des krieges und seiner geheimen Vorbereitungen gewesen; auch nachdem er den Dienst verlassen, blieb er innerlich Soldat. Alles, was auf das Militär sich bezog, interessirte ihn lebhaft; in seinem haus herrschte die strengste Disciplin, in seinem Herzen blieb er der alte loyale, seinem Könige unbedingt ergebene Kriegskamerad. Selbst wo sein klarer Verstand tadelte, liess sein Gefühl dem Tadel selten Raum zum Wort, und Leontine hatte ganz recht, ihn einen Ritter aus dem Mittelalter zu nennen. Hätte der König seiner innersten, heiligsten überzeugung zuwider gehandelt, hätte er ihn oder die Seinen durch irgend eine Ungerechtigkeit noch so unheilbar schwer verletzt, Geiersperg war der Mann dazu, in solchem Falle sich lieber eine Kugel vor den Kopf zu schiessen, als den Grundsatz der tiefsten Anerkennung und Verehrung der Legitimität seines angebornen Herrschers aufzugeben, mit dem sein ganzes Wesen verwachsen war.

Sehr natürlich hatten ihn die politischen Ereignisse des Jahres Zwanzig in Neapel oft und ernstlich beschäftigt; so lange die Volkssache nicht von der des Königs getrennt war, hatte er wahrhaften Anteil an ihr genommen. Seine langjährige Freundschaft für einige der Hauptagenten des bewaffneten Interventionssystems hatte ihn nicht gehindert, sich an dem begeisterten Aufflammen der italienischen Jugend von Grund aus zu erfreuen, es weckte in ihm ja tausend und aber tausend Erinnerungen! Später tadelte er das seiner Meinung nach in unklugem Eifer zu weit gehende Parlament und fühlte sich in seinen Ansichten etwas gestört; dennoch machte es ihm sichtlich Vergnügen, wenn Leontine ihm triumphirend die Zeitungen vorlas, in denen die F a b i e r und B r u t t i e r der Abruzzen eine so glänzende Rolle spielten.

Als sich aber der Aufstand immer bestimmter gestaltete und er das ganze Unternehmen an der Mutund Kraftlosigkeit des eigentlilichen Volkskernes scheitern sah, ergriff ihn eine echt soldatische Ungeduld, er warf die Zeitungen in einen Winkel und ging eine ganze Weile, von unreifem Zeuge, Kinderstreichen und dummen Jungen murmelnd, im haus umher. In Baden hatte die ganze geschichte vergleichsweise längst einen komischen Anstrich für ihn bekommen, den er mit seinen alten Waffenfreunden im besten Humor ausbeutete, und deren derbe und körnige Spässe der armen Leontine in's Herz schnitten. Es war rein unmöglich, in dieser Stimmung über Jean Carlo's Lage mit ihm zu reden.

Vielleicht war es diese im Kreise ihrer Lieben zum ersten Mal empfundene Entfremdung ihres innigsten Gefühls, welche Leontinen in den Abgrund eines hoffnungslosen, in tiefes geheimnis gehüllten Verhältnisses fast widerstandlos hineinriss.

Jean Carlo begnügte sich eine Weile mit Schreiben; aber sein junges Leben war so plötzlich leer geworden, jedes Interesse darin schien erloschen, Vaterland und Schwester waren ihm entrissen. In Baden von jeder Verbindung mit den ihm nach und nach in Frankreich und der Schweiz bekannt gewordenen italienischen Flüchtlingen abgeschnitten, verstand er nicht einmal die Sprache, die er um sich reden hörte; war es ein Wunder, wenn in dieser gänzlichen Abgeschiedenheit, im kochenden Blut des Jünglings die leidenschaft für Leontinen eine Höhe erreichte, die ihn jeder Rücksicht nicht nur vergessen liess, nein, die sie ihm geradezu unmöglich machte?

Sein Zimmer war dem der so Heissgeliebten gegenüber; er hörte sie kommen, gehen. Trotz Josephinens Anwesenheit fand er bald Mittel, ihr zu nahen, sie zu sehen, zu sprechen, sie mit all dem tiefen Zauber seiner poetischen Liebesglut zu umstricken, deren Anblick ihr völlig neu war, die sie nie zuvor gekannt, nie früher geahnt. Denn bei uns wird ja ein wirklich vornehmes Mädchen so sorgsam gehütet, kein laut, kein Hauch der rohen Heftigkeit der leidenschaft oder auch nur menschlich-sinnlicher Schwäche berührt jemals ihr Ohr; sie weiss nicht einmal um die Existenz derselben. Und wenn nun auf diese äterreinen Sinne, auf diese schneeigklare Gedankenfläche die Liebe in Gestalt der heissen leidenschaft ihr Siegel drücktwer darf es wagen, sie mit gemeinem Mass zu messen, oder eine Klugheit von ihr zu fordern, die in ihrer Lage eine Erniedrigung, eine Entwürdigung wäre?

Jean Carlo liess nicht ab, bis sie an seinem Herzen, in seinen Armen ihm bebend Gegenliebe gestanden und zuletzt, vom Uebermass seiner sich immer steigernden Wünsche und Qualen unwiderstehlich fortgerissen, ihm geschworen hatte, nie einem