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am Eingange stehen blieb. Er kannte die Geschwister wohl, obschon nur unter polnischem Namen; es tat ihm weh, dass sein Beichtkind ohne die letzten Tröstungen der Kirche geschieden war. Nun kam er, von der alten Schwester herbeigerufen, den Rest der Nachtwache mit dem unglücklichen Bruder der Verstorbenen zu teilen und den Ritus der Kirche zu vollziehen.

Der Dechant war noch ein junger Mann mit fast durchsichtig bleichem Gesicht; auch ihm schien die Verheissung eines frühzeitigen Todes auf die gedankenklare Stirn gedrückt. Eine grosse Milde und Sanftmut sprach sich in seinem ganzen Wesen aus; so war auch sein Ruf von makelloser Reinheit.

Leontine hatte nie einen andern katolischen Geistlichen gekannt, oder auch nur ausser der Kirche gesehen, als den alten Domine, dem sie so übel mitzuspielen pflegte. Sie kannte die sanfte Suade, die Gewalt der Einwirkung katolischer Formen, dieses weiche Herrschen, dieses feste Ergreifen und Tragen der Seele nicht, das in dem Riesenbau jener Kirche, in der Gestaltung jener höchsten Manifestation des menschlichen Geistes sich ausspricht, und nun in der vollendetsten Ausübung überwältigend ihr entgegentrat.

War der Dechant mit den Verhältnissen der polnischen Familie unbekannt, die er vor sich zu sehen wähnte, hatte der Anblick der jugendlichen Leiche ihn dieselben vergessen machen? Genug, er hielt Leontine vielleicht der heissen Tränen wegen, die während seiner Worte ihr Gesicht überströmten, für Trzebinski's Gemahlin und sprach in diesem Sinne auch zu ihr, ermahnte sie, dem schwer Geprüften nun auch die Verlorene zu ersetzen, sich wo möglich noch enger ihm anzuschliessen, und wie aus der Tiefe der Verwesung die Kraft eines erhöhten Lebens der leiblichen und geistigen natur sich entringe, so auch diesem so früh geöffneten grab ein Gott geheiligtes Leben der Liebe entspriessen zu lassen.

Jean Carlo weinte so heftig, dass er nicht sogleich die Kraft hatte, die Anrede des Geistlichen zu unterbrechen, der im Begriff war, in einem kurzen Uebergange dem Formular der Kirche sich zuzuwenden und deren Ceremonien zu vollziehen, als endlich Leontinens furchtbare Erschütterung und ihr Zittern des jungen Mannes Aufmerksamkeit gewaltsam auf sie zurücklenkten. Er ergriff mit dem Ausdruck der tiefsten Verehrung ihre Hand und geleitete sie der tür und Babet zu, die schluchzend in derselben stand, dann wandte er sich wieder zum Dechanten; in demselben Augenblick schloss sich die tür hinter Leontinen, und halb bewusstlos folgte sie Babeten in ihr Zimmer.

Es war Mittag und die Trauerkunde hatte sich bereits durch das ganze Baden verbreitet, als die todtmatte Leontine die Augen aufschlug; die gewandte Babet hatte der Gräfin eine unruhige, durch die Nachbarschaft der Kranken schlaflose Nacht des Fräuleins vorgelogen.

Aber mit dieser Nacht hatte ja nun auch das Zusammenleben mit dem neugewonnenen Freunde aufgehört! Der lange Tag verging, ohne dass Leontine mehr von dem hörte, was sich drüben begab, als was auch die andern Hausgenossen erfuhren. Sie sandte, wie die meisten Bewohnerinnen des Hotels, einen Blumenkranz, der schönen jungen toten auf den Sarg zu legen. Dass er aus Orangenblüten und Granaten bestand, liess man für einen Zufall gelten; die Tränen, die als Tau ihn benetzten, bemerkte Niemand. Kaum war die Begräbnissstunde bestimmt, so vereinten sich die Gräfin und ihre Freundinnen, um der Ceremonie zuzusehen. Es war ein Drängen und Treiben um die offene Grabhöhle, als hätten Alle das schöne Mädchen gekannt, oder als gälte es eine Lustpartie. Leontine warf sich weinend auf ihr Bett und schützte Kopfweh vor.

Noch am nämlichen Abend überbrachte man ihr einige Zeilen von Jean Carlo's Hand. Sie hielt das Blatt noch in der ihren, als draussen Babets aufjubelnde stimme die Ankunft Geierspergs und Josephinens verkündete; kaum blieb Leontinen Zeit, das Papier zu verbergen, so lag sie schon in ihrer Mutter Armen.

Von nun an begann ein ganz neuer Lebensabschnitt. Geiersperg liebte joviale Geselligkeit, war gern in Baden und fand eine Menge alter Bekannte, Kriegsgefährten und Jugendgenossen daselbst. Auch Josephine ward von einem kleinen Kreise freudig begrüsst, eine Landpartie, eine Ausfahrt jagte die andere.

Die Generalin ging freundlich auf jeden Vorschlag der Art ein, ihre Lebensstellung war in der zweiten Ehe eine ganz andere geworden, als sie in der ersten, im Jugendrausch der Begeisterung geschlossene Verbindung mit Waldau gewesen. Die Zeit war ja so ganz verändert, es war Friede, und hatte auch dieser Friede nicht alle Träume und Verheissungen des ihm vorangegangenen Kampfes erfüllt, so waren doch materielles Behagen oder industrielles Wirken überall an die Stelle der früheren Romantik getreten, die Josephinens Blütenzeit belebte und deren mitunter sehr dunkle Schatten die letzten Jahre Waldau's vor Erschlaffung bewahrt hatten. Denn selbst als ihn Krankheit und der schwere Druck der Ereignisse zur Untätigkeit verdammten, hatte sich das Wechselspiel von sorge, Angst und Freude, das man L e b e n nennt, immer noch in weit höheren Potenzen um ihn her entwickelt, als es nun im freundlichen Beisammensein mit Geiersperg der Fall war.

Waldau war ein Idealist, im Alltäglichen ganz unerfahren; man musste unaufhörlich für ihn sorgen. Geiersperg sorgte lieber noch für Andere, als dass er ihrer Leitung sich hingab; er fürchtete beständig, gehandhabt zu werden, wie er es nannte, und wollte alles selbst machen. Hatte Josephine in ihren ehemaligen Verhältnissen zerrissene Herzen, kränkelndes Leben und die Keime nationaler Hoffnungen gepflegt, hatte sie damals oft jede Seelenkraft bis zur höchsten Spannung anstrengen müssen, so pflegte sie jetzt, ohne jedoch an Elasticität des Geistes einzubüssen, mit nicht geringerer Anmut die Blumen und Bäume, die ihres Gemahls Lieblinge waren