1845_Schopenhauer_142_57.txt

Carlo's mögliche Rückkehr in sein Vaterland nichts vorauszusehen, und kein einziger Verwandter, dem er die Schwester übergeben konnte, ungefährdet oder frei, die meisten heimlich verborgen oder geflüchtet. Noch vor Anbruch des nächsten Tages stand die Auflösung der äbtissin zu erwarten, die wortlos des armen jungen Mädchens zarte Hand in die seine legte. Rosalien blieb nur die Wahl des schützenden Schleiers, das Kreuz des Heilands, oder das Schwere der herben Teilnahme am ungewissen Geschick ihres Bruders.

Sie wählte das letzte. In fast wahnsinniger Verzweiflung umklammerte sie den einzigen Beschützer, der ihr geblieben, und beschwor ihn unter heissen Tränen, sie nicht zu verstossen, sie nicht allein in dem der Knechtschaft geweihten land zurückzulassen, sie mit sich zu nehmen in die Fremdeach! die Aermste kannte ja diese Fremde nicht, die sie um seinetwillen lieben zu können hoffte, in welcher sie nur für ihre toten und für die einstige Auferstehung ihres Volkes zu beten gedachte und in der sie unbewusst sich selbst den frühen Tod erbeten hatte.

Die dringende Eile der Stunden und die Tränen des armen Kindes siegten. Vereint flohen die Geschwister.

Eine Weile lebten sie unbemerkt in Frankreich und gingen dann nach der Schweiz. Von dort aus ward Jean Carlo nach Baden geschickt, weil seine schlecht geheilte Wunde aufgebrochen. Ach, eine unendlich tiefere öffnete sich ihm dort, als die Hoffnung schwand, Rosaliens Gesundheit herzustellen, deren Schwäche der junge Mann früher bei seinen sie immer momentan neu belebenden Klosterbesuchen nicht wahrgenommen hatte.

Die ärzte schrieben ihr Uebel einer Erkältung beim Uebergang der Alpen zuder Tod will ja eine Ursache haben. Leontine, Schwester Renate und Jean Carlo sassen in stummem Schmerz am Bett der plötzlich, nach einem neuen heftigen Blutauswurf sanft wie ein Kind Entschlafenen; die Nonne betete still für die durch den unerwarteten Tod ohne die Gnadenmittel der Kirche Hinübergegangene; Leontinens Hand ruhte zum ersten Mal lange in der ihres armen Freundes; Keines versuchte ein lautes Wort.

Im haus ahnete noch Niemand die Gegenwart des Todes. Renate hatte selbst die geweihten Kerzen zu Haupt und Füssen des Sterbelagers angezündet, den Priester hatte man nicht mehr rufen können, so schnell hatte der Scheidekuss des Lebens die bleichen Lippen des schönen Mädchens berührt.

Die Badegäste und Wirtsleute schliefen, auf den Strassen hatte sich ringsum Ruhe verbreitet, nur ein überwachter Orgelmann drehte auch schon halb schlafend unter einem fernen Fenster sein letztes Ständchen ab, es war ein veraltetes volkes- und Liebeslied; unwillkürlich musste Leontine darauf hören. "Keine Nessel, kein Feuer kann brennen so heiss als heimliche Liebe, die Niemand nicht weiss."

Lange sassen sie so schweigend; endlich begann Carlo zu reden. Er blickte nach dem noch nicht ergrauenden Tage; sein unruhiges Blut trug die Untätigkeit des Schmerzes nicht, und es lastete der Gedanke auf ihm, die geliebte Leiche hier im fremden land zurückzulassen. Sollte Rosalie als P o l i n mit einer Lüge in's dunkle Grab gelegt werden? Welche Hoffnung blieb dann dem Trauernden, in möglich besseren Tagen wenigstens die schöne Hülle der Schwester dem Geburtslande wieder heim zu bringen, dem die Lebende entrissen zu haben er so tief bejammerte? Ach, Schmerz und Glück zogen ja ihn wie sie in jedem Atemzug hinüber! – Mit heftig erwachender Leidenschaftlichkeit erneuten sich seine Klagen. Trostlos stand Leontine neben ihm, sie litt unaussprechlich und ach! sie wusste keinen Rat für diese neue Form der Qual. Vergebens bot sie ihm ihres in wenig Tagen erwarteten Stiefvaters hülfe. Jede Mitteilung des Geheimnisses an einen Dritten lehnte er bestimmt ab.

In diesem Augenblicke hatte die fromme Schwester, die in stillen Fürbitten am Fussende des Lagers kniete und in tiefster Sammlung das Gespräch nicht beachtete, ihre Gebete beendet. Sie schritt der tür zu und, schon an der Schwelle, sagte sie leise: Ich gehe zum Dechanten; man wird nun bald zur Frühmesse läuten, er wird schon aufsein.

Wie ein Lichtstrahl durchzuckten die einfachen Worte Jean Carlo's verdüstertes Gemüt. Ja! rief er aufspringend, im Schoos der Kirche, in der Hingebung an ihre beseligenden Wahrheiten finde ich die Gewährung einer Versicherung, die nichts Irdisches mir zu geben vermag. Die gefalteten hände fest auf die Brust gedrückt, blickte er aufwärts und ein Ausdruck der schwärmerischsten, inbrünstigsten Frömmigkeit überflog den Schmerz seiner Züge.

Ja, fuhr er fort, von dir, mein reiner Engel! kam mir der Gedanke. Die B e i c h t e sichert mein geheimnis und bürgt mir für die Erfüllung deines letzten Erdenwunsches!

Er hob den Schleier, der das Antlitz der Gestorbenen deckte; sie war unaussprechlich schön. Leise küsste er ihre weisse Stirn, dann fuhr er, zu Leontinen gewendet, fort: Ach, Signora! könnten Sie fühlen, was in diesem Augenblicke meine arme zerrissene Seele wie ein Friedensbote durchzieht und das wilde Tier in mir bändigt. O, könnten Sie mit mir glauben, so wie Sie mit mir gelitten haben; wie Sie oft mitten in der Verzweiflung mir einen Sonnenstrahl des Glücks in die Lebensöde gesandt! Er küsste heftig ihre hände und wandte sich dann wieder der Leiche zu, die er mit immer steigendem aber stillerem Schmerz betrachtete.

Könnte ich mit ihm glauben! wiederholte sich leise Leontine. Kann ich's denn nicht? Sie legte den Kopf zurück in die Lehne des Sessels und einzelne grosse Tränen rollten über ihre hochroten Wangen.

Da öffnete sich leise die Tür, lautlosen Schrittes trat der Dechant ein, hinter ihm ein Chorknabe, der