1845_Schopenhauer_142_56.txt

wie mit schweren dunkeln Flügeln auf ihre Sinne, auf ihr in Heimatsbangen vergehendes junges Herz. Mit jedem Tage nahmen ihre wenigen Kräfte ab. Der Arzt sah sich genötigt, ihren Zustand als höchst bedenklich zu erklären, und bald reichte weder Leontinens, noch Babet's Pflege mehr aus. Zum Glück hatte Badens Heilquell eine der in Köln lebenden barmherzigen Schwestern hergezogen; Leontine suchte sie auf und die lange Gewöhnung mitleidiger Selbstverleugnung liess die gute alte Renate ihrer eigenen kaum vollendeten Genesung vergessen, um mit den neu geschenkten Kräften neuen Pflichten sich zu unterziehen. Dass die fromme Alte zwar ein wenig französisch, aber weder italienisch noch polnisch konnte, war ein zufälliger Gewinn, der das geheimnis der freiwillig Verbannten, Geflüchteten sicherte und ihre Gegenwart nur heilbringend erscheinen liess.

Als Leontine die Schwester Renata zu Rosalien führte, ergriff Stanislaus ihre Hand, ihr Gewand, und drückte sie an seine Lippen; er war im Begriff, ihr zu Füssen zu sinken. Alles, alles, jeden Trost meiner verödeten, zerrissenen Existenz danke ich Ihnen! hauchte er bebend.

Leontine war, tief erschüttert, zum ersten Male keines erwidernden Lautes fähig; es gab kein Wort für diese so ganz ungewöhnliche Lage.

Gräfin Werden sprach den ganzen Tag von der bedauernswerten Krankheit der jungen polnischen Dame; für ihr Leben gern wäre sie hinübergegangen. Leontine sah sich durch immer neue, sich häufende Gründe zu immer sorglicherem Schweigen gezwungen. Wie hätte sie der Gräfin Zudringlichkeit von ihren unglückseligen Freunden abzuwenden vermocht, hätte diese ihre Bekanntschaft mit denselben ahnen können!

Doch keine noch so sorgsame Pflege vermochte es, der armen Rosalie Blütenleben zu fristen. An ihrem Sterbelager, an der stillen ganz prunklosen und doch so selig vertrauenden Frömmigkeit des jungen schönen Mädchens und der hingewelkten alten Nonne, die, unermüdlich in Nachtwachen und Dienstleistungen, der eigenen geringeren Leiden gern vergass; an dem inneren Verstehen dieser Beiden durch Alter, Bildung und Vaterland so ganz verschiedenen Naturen lernte Leontine den Wert eines begrenzenden Glaubens, die Gefahr ihrer eigenen Ansichten erkennen. O, wie beneidete sie selbst Jean Carlo, wie er jetzt ohne Scheu vor ihr sich nennen liess, um den Trost seiner Fürbitte, um sein inbrünstiges, den von Heiligen erfüllten Himmel erstürmendes Gebet; denn nach demselben ward er ruhiger, er hörte die fromme Schwester mit stiller Ergebung an, er fasste neue Hoffnung und einte die Palme des Friedens der Dornenkrone, die sein Vaterland ihm als letztes Geschenk hinterlassen. Aber diese Dornen stachen schwer und tief, er litt unsäglich!

Nachdem König Ferdinand des Vierten Reise nach Laibach der Neapel kaum gewährten Constitution den frühen Todesstoss gegeben, nachdem die lange Jahre hindurch heimlich vorbereiteten Pläne des Carbonarismus eigentlich bereits vernichtet waren, hatte dennoch ein Spross des Freiheitsbaumes sich grünend zu erhalten vermocht. Boralli's Schilderung der Lage des Königs in Laibach erweckte eine durchgehende allgemeine Begeisterung und K r i e g ! ward die überall im ganzen land widerhallende Losung.

Jean Carlo hatte sich im Gebirg, wo er die Truppen organisiren half, den festesten Glauben an die Tatkraft seines Volkes bewahrt. über jeden Zweifel hinweg trugen ihn die Flügel seiner jungen Phantasie und der feurigsten Verehrung für Guglielmo Pepe, seines Oheims langjährigen Freund und Waffengenossen. Als aber kurz nach dem so glänzenden Beginnen des Kampfes diese Flügel, gewaltsam geknickt, zur nutzlos mit Bürgerblut befleckten Erde niedersanken, als die regellose, wilde neapolitanische Armee, ohne Disciplin, ohne Kriegsübung, ja sogar ohne hinreichende Waffen, der Uebermacht des sieggewohnten österreichischen Heeres fast ohne Widerstand erlag, als mehr noch als alles dies der durch lange Knechtschaft entartete Charakter der niedern Volksclassen dem Gelingen allzukühner, zu rascher Entwürfe einen inneren, ja den allergefährlichsten Feind entgegenstellte, da focht Jean Carlo unter dem Helden seiner Wahlum die Gunst des T o d e s . Sie ward ihm nicht! Er erlebte es, bei Rieti durch General Walmoden die Ueberbleibsel des unglücklichen Heeres zerstreut zu sehen. Pepe ging nach Neapel zurück und brachte nichts mit sich dahin, als die trostlose Nachricht seiner eigenen Niederlage.

Jean Carlo's Oheim, der ihn an Vaters Statt erzogen, dessen Adjutant er in dem kurzen Feldzuge gewesen, an dessen Seite er den goldnen Freiheitstraum geträumt, ward vermisst; ob er gefallen, ob geflüchtet, war nicht zu ergründen.

Zerbrochen an Leib und Seele, hatte Jean Carlo neben ihm gefochten, bis er selbst bewusstlos niedersank. Ihn weckte die Nachricht der neuen Schmach, die Carascosa's Heeresabteilung getroffen.

Als er in einem kleinen dorf von seiner Wunde insofern genesen war, dass er aufstehen und sich bewegen konnte, zog er Erkundigungen ein. Die vom König eingesetzte provisorische Regierung hatte einen Preis auf seines Oheims Kopf gesetzt.

Monato, Hiacint de Passe fielen, unzählige Bekannte, Freunde und Verwandte des unglückseligen Jünglings büssten Leben oder Freiheit ein, ihn selbst retteten günstige Zufälligkeiten und die Zuneigung eines mit seinem haus befreundeten Fürsten, Medici, der sein Pate war. Ihm ward die Flucht erleichtert.

Längst ruhten seine Eltern im grab, ihm blieb eine einzige Schwester, die in einem unfern Neapel gelegenen Kloster in Pension war.

Als er in der Nacht, verkleidet, sich hinüberschlich, um Rosalien ein vielleicht letztes Lebewohl zu sagen, fand er die äbtissin desselben, eine Base seiner Mutter, von all den Sorgen um die Ihren schwer erkrankt und schon im Todeskampf. Der Einzug des Königs war nahe, die Amnestie für Alle, die bis zum vierundzwanzigsten März an geheimen Gesellschaften teil genommen, noch nicht ausgesprochen, über Jean