welchem das schöne Mädchen todtenblass, einer gebrochenen Blume gleich, noch immer in krampfhafter Erstarrung und regungslos lag.
Nach einigen angewandten Hausmitteln erholte sie sich in Leontinens Armen. Der herbeigerufene Arzt fand den Zustand durchaus nicht augenblicklich gefährlich, schien jedoch im Ganzen die Gesundheit der Fremden für sehr schwächlich zu halten. Er verschrieb Arzneien, versprach nach ein paar Stunden wiederzukommen, und empfahl die grösste Ruhe, vorzüglich aber jede Gemütserregung zu meiden.
Traurig schüttelte Trzebinski das schöne Haupt. Mit dem Arzt hatte er, wie mit dem Kellner wieder französisch gesprochen; die Kranke war zu schwach zum Reden. Seltsam, dass er ganz vergessen zu haben schien, dass er Leontinens Hilfe italienisch erbeten. Mit rührender Einfachheit dankte er ihr für die ihm und seiner armen Schwester erwiesene Güte und bat sie, der Leidenden morgen wieder eine Stunde zu gönnen. Jetzt erst bemerkte Leontine, dass, bei aller äusseren Eleganz des Benehmens, wie der äusseren Umgebung der Geschwister, Beide ohne eigne Bedienung waren.
Leontine war durch Zufall diesmal nicht mit ihren Eltern in Baden, sie erwartete die Generalin erst in drei Wochen, welche diese mit Geiersperg in Karlsruhe zubrachte. Josephine hatte gewünscht, die geliebte Tochter nach einem fröhlich durchtanzten, sehr ermüdenden Carneval einen etwas längeren Aufentalt in der stärkenden Luft des schönen Tals geniessen zu lassen. So ward es möglich, dass Leontine, die mit der hingebendsten Liebe ihrer Mutter anhing, allmälig in ein Vertrauen sich gezogen fühlte, das sie vielleicht in deren Gegenwart nicht angenommen, jedenfalls aber nie ihr verheimlicht haben würde.
Am nächsten Morgen benutzte sie die erste gelegenheit des Alleinseins, um ihre Nachbarin zu besuchen, Stanislaus sass an deren Lager. Leontine hatte nicht vergessen, dass Herr von Trzebinski, wie der junge Pole sich nannte, im überraschten Schmerz sie italienisch angeredet und schon im ersten Augenblick dieser unbewussten Annäherung dessen trauriges geheimnis erraten. Das Entbehren aller sie begleitenden Dienerschaft war für Polen von stand ohnedies so auffallend, dass es ihre Vermutung zur Gewissheit erhob. Das Willenlose jenes momentanen Vertrauens störte sie nicht, hatte ja doch in jener beängstigenden Qual das tiefste Gefühl seines Herzens sich ihr ausgesprochen! Gerade in dieser absichtslosen Hingebung lag für sie ein gewisser Reiz. Sie schwieg, bewahrte das geheimnis mit fast religiöser Treue, während der neckische Dämon ihres unbezwinglichen Humors sie dennoch mitunter zu allerlei verfänglichen fragen verleitete, die ihm den Schreck eines plötzlichen Erinnerns an seine eigne Unvorsichtigkeit geben sollten.
Sie fand Rosalien zwar nicht besser, aber bei vollkommener Besinnung, voller Dankbarkeit und rührender, stiller Resignation. Gern weilte sie ein paar Stunden an deren Lager; und da das mit Gästen überfüllte Haus die Dienste einer überall in Anspruch genommenen Hausmagd als ganz unzulänglich erscheinen liessen, sandte sie ihr die sehr zuverlässige Babet.
Trzebinski sah zu Leontinen auf wie zu einem Schutzengel und kleidete seinen glühenden Dank in alle Farben einer durchaus südlichen Nationalität.
Gräfin Werden, in deren Gesellschaft Leontine in Baden war, bemerkte auch heute nicht ihre verspätete Rückkehr. Das fräulein sagte kein Wort, weder von der Krankheit ihrer jungen Nachbarin, noch von der zufällig angeknüpften Bekanntschaft. In dem Augenblicke war das gänzliche Verschweigen blosser Uebermut, aber noch im Laufe des nämlichen Tages fühlte sie vom eigenen Mutwillen sich gefangen und das Besprechen der ganzen Begegnung unmöglich gemacht. Als nämlich die gute Gräfin und deren nächste Bekannten, von der Tarantel der Neugier gestochen, in immer wunderlichkrauseren, immer abenteuerlicheren Vermutungen über die Fremden sich ausliessen, vermochte es Leontine nicht, ruhig zuzuhören, unwillkürlich reizte sie die Damen zu noch tolleren Aeusserungen und Voraussetzungen und hatte sich in ihrer vortrefflichen Laune bald so fest gerannt, dass es ohne gänzlichen Verstoss gegen alle conventionellen Formen nicht mehr ausführbar blieb, die dem Gespräch vorangegangene Bekanntschaft der interessanten Polen einzugestehen.
Zum Glück war Gräfin Werden eines jener bevorzugten Wesen, die nur ihren Tag los sein müssen, gleichviel um welchen Preis und in welcher Gesellschaft. Sie liess Leontinen gewähren. Sie fand in jedem nicht den Curpflichten geweihten Augenblick irgend eine Bekanntschaft zu machen, eine Handarbeit zu besehen, entdeckte einen noch nicht gekannten Laden, einen neuen Spazierweg, eine vorzügliche Kuchensorte, – faute de mieux, sogar eine verarmte Familie, deren Umstände sie sorgfältig erforschen musste, und alle diese vielen Gründe machten ihr das Zuhausebleiben unmöglich. Enfin je ne suis pas sa gouvernante! sagte sie, wenn Leontine ablehnte, sie zu begleiten.
Auf diese Weise machte es sich ganz von selbst, dass Leontine einen teil des Tages bei ihren neuen Freunden zubringen konnte, ohne von der Gräfin vermisst zu werden.
Stanislaus von Trzebinski – so stand sein Name in der Brunnenliste – hatte sich längst auf seine frühere Unvorsichtigkeit besonnen; er erriet aber auch Leontinens zartes Bewahren seines traurigen Geheimnisses und wusste es ihr doppelt Dank, da ihm, allgemeine Aeusserungen und Klagen über den gedrückten Zustand seines Vaterlandes abgerechnet, sehr schwer wurde, über Polen zu reden – das er nicht kannte!
Rosalie war ein schwärmerisch-weiches, kaum noch durch die lockersten Bande der Erde angehörendes Wesen. Im Kloster aufgewachsen, kannte sie die Aussenwelt gar nicht, aber Religion und Vaterlandsliebe waren in ihrer jungen Seele zu einem Brennpunkt vereint, von dem alle Radien ihres Lebens ausgingen, dem alle Kräfte desselben wieder zuströmten: ausser ihnen war das Nichts.
Der Norden, so erschien ihr Baden, die kalte Fremde erweckten eine, sie täglich mehr und mehr aufreibende sehnsucht in ihrer leidenden Brust; das Gefühl einer unvermeidlichen, vielleicht lebenslänglichen Verbannung von Italien senkte sich, ein langsamer Tod,