Namen nach, das freundliche vom Schwarzwald umfriedete Tal mit seinem stillen Reiz, seiner milden Luft und seinen in weiter Ferne verblauenden Vogesen! Schon hier zu atmen, ist der kranken Brust eine Wohltat.
Die jungen, in der Einsiedelei versammelten Plauderinnen aber waren alle gesund; sie schalten die Stille der Saison, die Einsamkeit der Gassen, den Mangel an einem wahrhaft geselligen Verkehr und wollten die Schönheit der Umgebung nicht als Ersatz dafür anerkennen.
Und allerdings hat in Baden-Baden die natur eine so verlockend-süsse Sirenenstimme, dass es schwer fällt, ihr zu widerstehen, und sie das eigentliche Salontreiben Tages hindurch fast unmöglich macht, es hat sich in das Dunkel der hier schon früh und schnell einbrechenden Nacht geflüchtet, in welcher aber leider der grüne Tisch nicht nur die grüne Aue, sondern sogar die blumen- oder schmetterlingsartigen Tänzerinnen verdrängt und das Spiel nicht selten allen Zauber der Jugend und Schönheit überbietet.
Du hast gar nicht zu klagen, Leontine, sagte eine kleine niedliche Majorsfrau, du hast den interessantesten Brunnengast der ganzen Saison auf deinem Hausflur.
Bis jetzt sind wir aber in dieser Bekanntschaft noch nicht weiter als zum ehrfurchtsvollen Gruss, lachte diese.
Ist denn die schöne, schwermütige Dame, mit welcher er immer geht, seine Gemahlin?
Meint ihr den Polen mit dem unaussprechlichen Namen? fragte eine Dritte.
Leontine, so rede doch! Du musst doch etwas von deinen mysteriösen Nachbarn wissen! riefen die Andern.
Ich weiss gar nichts. Alle Morgen begegne ich Beiden auf dem Wege zur Promenade, wo es eben bei besagter ehrerbietiger und meinerseits höflicher Verbeugung bleibt.
C'est tout? fragte die hübsche Fürstin L....
C'est tout! erwiderte gravitätisch beteuernd Leontine. Mais non, pardon! die junge schwarze Dame ist nicht seine Frau, sondern seine Schwester.
Mein Onkel, fuhr die Fürstin fort, behauptet, der Curliste zum Trotz, der junge Mann sei gar kein Pole.
O! sagte Gräfin Hohenheim, er hat doch so ganz den polnischen Gesichtsschnitt, und dann den wehmütig-stolzen Ausdruck um den Mund –
Haben Sie ihn einmal polnisch reden hören, Comtesse? fragte die Zweiflerin.
Nein; er spricht immer französisch mit den Damen, die er am Brunnen kennt, auch mit seiner Schwester.
Nun sehen Sie! Am Ende hat mein Onkel doch recht?
Aber er hat ja einen ganz polnischen Namen –
Die kleine Prinzessin sah ungemein welterfahren aus und versicherte: Man kann sich aber auch einen falschen Namen geben!
O ja, wenn man ein Barbiergeselle ist; aber ein Mann von stand!
Ich habe ihn einmal gesprochen, meinte fräulein von Herchenteim; er machte mir und meiner Cousine Platz, als der König hier durchkam und plötzlich auf der Allee ein grosses Gedränge entstand. Er benahm sich sehr höflich und zeigte den besten Ton und Anstand. In der Nähe ist er wirklich sehr schön. – Freilich fällt mir eben ein, dass er auch damals mit seiner Schwester nur französisch sprach.
Das musste er jedenfalls aus Artigkeit Ihretwegen, liebes fräulein! sagte die Prinzessin etwas ungeduldig. Ihr Urteil ist nicht contemporain Ihres Gefallens.
Eben schritt der junge Mann, wie gewöhnlich, ernst und schwermütig vor sich hinstarrend, quer über den lichtensteiner Weg; die junge Dame an seinem arme war heute noch bleicher als sonst, sie schien sehr leidend. Er stützte sie auf's Sorgsamste und als sich in der Allee ein leichter Abendwind erhob, suchte er erst die Schwester noch dichter in ihren Mantel zu hüllen, und bewog sie dann endlich, und wie man an den lebhaft bittenden Geberden deutlich wahrnehmen konnte, nicht ohne Mühe, mit ihm umzukehren. Er zeigte übrigens dabei eben so viel heftige Ungeduld als Liebe. Es ist kein Pole! sagte die Prinzessin, und zerpflückte gedankenvoll eine Sternblume.
Leontine aber beschloss, noch diesen Abend das Rätsel gelöst zu sehen.
Der Zufall verwirklichte den Scherz, doch auf trübere Art, als sie es erwarten konnte.
Sie mochte, ihrer Reisegefährtin harrend, die noch auf der Promenade war, ein Stündchen auf ihrem Zimmer zugebracht haben, als sie plötzlich die Klingel ihres Nachbarn drei-, viermal heftig anziehen hörte; fast in demselben Augenblicke ward drüben eine Stubentür aufgerissen und sie erkannte seine stimme, die laut und dringend nach dem Hausmädchen rief. Es lag etwas so Beängstigendes, Heftiges in diesem Ton, dass Leontine, von der ihr eigenen Herzensgüte unwiderstehlich fortgerissen, aufsprang und ihrerseits die Tür nach dem Flur öffnete, um zu sehen, ob ein Unglück geschehen und ob man ihres Beistandes bedürfe.
Ein Bild fast wahnsinniger Verzweiflung stand der junge Pole vor ihr; kaum aber gewahrte er sie, so stürzte er auf sie zu und beschwor sie im reinsten Italienisch, mit den rührendsten Worten; um Beistand für seine unglückliche Schwester, die nach einem ganz unerwarteten Blutsturz ohnmächtig geworden, und, von dem heftigen Anfall erschöpft, noch bewusstlos, starr, o Gott! vielleicht sterbend, daliege. Er wolle zum Arzt laufen, die Leidende aber nicht allein zurücklassen. Auf sein Rufen und Klingeln sei Niemand gekommen.
Ohne einen Augenblick sich zu besinnen, antwortete ihm Leontine, ebenfalls italienisch, in wenigen tröstenden Worten und eilte zu der Kranken in das offen stehende Zimmer. Eben kamen der Kellner und das Dienstmädchen die Treppe herauf, das heftige Klingeln hatte sie endlich herbeigezogen. Es ward nach dem Arzt geschickt und der junge Mann folgte Leontinen. Fast zugleich näherten sich Beide dem Sopha, auf