durch meinen Leichtsinn bedingt, wie Sie zu sagen belieben, sondern durch eine alles Andere überwiegende Pflicht. Ueberdem konnte ich nicht ahnen, dass Sie so schnell zurückkehren würden, und da ich ausser Sophien keinen andern Vertrauten hatte, blieben Sie, auch im schlimmsten Falle, ausser Verdacht.
Verdacht? fuhr Kronberg, an allen Gliedern bebend, auf. Ein Kronberg in Verdacht? Bist du rasend, Mädchen?
Desto besser, wenn mich die sorge um Sie übertreiben macht; so ist aber diese Scene um so überflüssiger. Auf welche Weise Sie zum Mitwisser dieser traurigen Angelegenheit geworden –
Verdacht! wiederholte, noch innerlich das Wort anstarrend, der Graf. Leontine, du wirst die Güte haben, mir den Namen des Elenden zu nennen, der, wie ich zu ahnen beginne, deine Unerfahrenheit auf eine furchtbare Weise misbraucht hat. Wer ist's? Er war ganz nahe an sie herangetreten und hatte ihren Arm fest, aber nicht heftig ergriffen, indem er sie mit durchbohrenden Blicken mass. Wer kann durch einen Schimmer von Verdacht meine Ehre beflecken? Sprich! – Oder ziehst du vor, dass ich Sophien, deine einzige Vertraute, um die wir vielleicht nicht ganz verdient, wie sie an uns gehandelt – dass ich Sophien zwinge, mir den Namen zu nennen?
Sophie stand leichenblass im Fenster; grosse dicke Tränen rollten über ihr Gesicht; sie liess den Angriff schweigend über sich ergehen. Nur nach Annen wandte sich zuweilen ihr bittender, trauriger blick.
Onkel! rief Leontine, zornig erglühend, höchstens hat meine Mutter ein Recht zu dieser Frage, Sie haben es nicht! Er hat – durch welche grossmütige hülfe, ist mir selbst noch ein Rätsel – in der vorigen Nacht Ihr Haus und die Stadt verlassen.
In der Nacht? Mein Haus? grosser Gott! so weit hast du dich vergessen! Nein, nein! das ist nicht möglich! Die Tochter einer Kronberg kann ja nicht handeln wie eine Dirne! Den Namen, Unglückselige! den Namen! –
Und wenn Sie ihn wissen werden, Oheim! sagte sie, indem sie fest und äusserlich ruhig die arme kreuzte, sind Sie darum in irgend etwas gebessert? Im Gegenteil, der Klang, der blosse Klang desselben macht Sie zum Mitschuldigen.
Also doch! ächzte Anna, die bisher vergebens versucht hatte, den Grafen durch leise Worte und bittende Geberden in etwas zu beschwichtigen.
Der Name! wiederholte Kronberg, zitternd vor Wut und in convulsivischer Bewegung kaum noch des Tons seiner stimme mächtig, und hingen Leben und Ehre daran –
Jean Carlo di Viatti, sagte sie ernst, fast leise.
grosser Gott! schrie Kronberg auf, der berüchtigte Carbonari, den die Cabinete verfolgen lassen, den Adjutanten des Marchese Viatti? Der Graf sank auf einen Stuhl, seine Kraft war gebrochen.
O, mein Freund, fasse dich! Teurer Roderich! sagte Anna, ihn liebevoll umschlingend, das geheimnis ist ja treu bewahrt, er ist in der letzt verwichenen Nacht entflohen und hat Bern bereits verlassen!
Wie, Anna? Anna, du wusstest es? Also ist's Gottard, der ihn gerettet! rief Leontine.
Gottard? wiederholte der Graf, in höchster Entrüstung von seinem Sessel aufspringend. Gottard? Er stiess Annen wütend von sich. Weiber! Weiber! – Mein Gott, mein Kopf! Ihr macht mich verrückt! – Was ist denn das wieder? Ist es denn möglich? denkbar? – Anna, d u , d u wusstest darum, und gabst mich und meine Ehre in die hände eines Hofmeisters – eines Dieners unseres Hauses?
Nein, nein – Onkel! schrie Leontine, mit ungeheurer Gewalt alle ihre Kräfte zusammenraffend – bei Allem, was mir heilig ist, schwöre ich Ihnen, sie wusste es n i c h t ! – Die Hauptsache weiss sie noch nicht – – und auch Ihre Diplomatenehre ist unbefleckt. Dass ich aber jetzt – o könnte ich's noch in dieser Stunde! – Ihr Haus verlassen muss, ist klar. Wahrscheinlich haben Sie einen Gesandtenposten, vielleicht wäre sogar jetzt Ihre Pflicht, Jean Carlo zu verfolgen. Ich sehe die notwendigkeit ein, sogleich zu meiner Mutter zurückzukehren.
Eben fuhr Josephinens Wagen in den Hof; Niemand achtete auf das laute Blasen des Postillons; Niemand gedachte ihrer Ankunft. Kronberg war wie vernichtet. Aber, wiederholte er in trostloser Niedergeschlagenheit, ist es denn denkbar? Was ist dir denn der Unglückliche, dass du ihm – i h m uns Alle opferst? – dass du deine und meiner Familie Ehre vergisst, um eines Abenteurers willen, dem du am Ende von acht Tagen vielleicht um einen neuen Liebhaber vergessen haben wirst! Um eines Geächteten willen, der keines besseren Geschicks wert, eine niedrige Intrigue ausgesponnen, um – –
Halt! halt! Kronberg! rief erbleichend Leontine. Kein Wort, keinen Hauch gegen seine Ehre! Er ist –
Um Gottes willen! was denn, liebe, liebe Leontine! fragte Anna, unter tausend Tränen.
M e i n M a n n ! sagte tonlos Leontine und fiel halb ohnmächtig ihr in die arme.
Eben trat Josephine, von Duguet geleitet, in's Zimmer.
Zweiter teil
1822
Ungefähr andertalb Jahre vor den eben mitgeteilten Ereignissen, sassen einige junge Damen in der Eremitage auf dem Wege, der nach dem alten schloss von Baden-Baden führt, und sahen von weitem die im Grünen umherwandelnden Brunnengäste vorüberziehen.
Wer kennt nicht, wenigstens dem Ruf und