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; sie war wie nach einem langen Schlafe frisch und klar. Mon Dieu, qu'elle est belle! dachte still Sophie, indem sie ihr beim Anziehen behilflich war; eine laute Bemerkung wagte sie nicht.

Nun war sie fertig. Annens Schritt hatte die Elasticität der frühesten Jugend wieder, Augen und Wangen glänzten wie nie zuvor; es sprach sich ein Gefühl einer so ganz überwältigenden Freude in jeder Bewegung aus, dass man sie fast fragen m u ss t e , was ihr denn Glückliches begegnet? Madame müssen etwas recht Schönes geträumt haben, sagte endlich lächelnd die alte Sophie.

Etwas Wunderschönes, ma bonne, erwiderte Anna. Sie weiss noch nicht, dass er glücklich fort ist, dachte sie mit heimlichem jubel.

Nach beendigter Morgentoilette begann sie nachzusinnen, wie sie die Details der Flucht des Fremden erhalten könne. Sie hatte eine ernste Scheu vor Gottard, die aus der tiefen achtung entsprang, die sie für ihn hegte. Er wird nicht kommen, sagte sie zu sich, denn n ö t h i g ist es nicht. Da lag das Paquet mit seinen Schriften noch auf ihrem Schreibtische; sie verschloss es sorgsam, umnur etwas zu tun. Leontine kam immer noch nicht; ihr musste doch anzumerken sein, welcher Stein vom Herzen ihr die Flucht des Fremden sei. Fast eine Stunde über die gewöhnliche Zeit war vergangen und noch immer war sie nicht da.

Jetzt hörte Anna einen leisen Schritt auf dem Corridor, unwillkürlich lief sie Leontinen entgegen, öffnete ihre Zimmertür undKronberg schloss sie herzlich und leise lachend in die arme. Wie bestellt, sagte er. Still! ich wollte dich überraschen und zuerst allein sehen. Ich habe mir einen schändlichen Klepper gemietet, den i c h n i c h t zugeritten, Kind! und bin vom letzten Städtchen aus geritten. Josephine folgt mir in ein paar Stunden mit dem Wagen und der Dienerschaft; du wirst sie schon Alle unterbringen. Aber erst muss ich dich sprechen. Er zog sie auf's Sopha. Wie schön du bist, Anna! Wie gut dir dieser Aufentalt bekommen ist, bei Gott! schöner als vor unserer Hochzeit! Sie errötete. O, Kind! es ist kein Kompliment, und wir kommen auch wohl nicht mit einander in's Gerede. – Aber die Zeit drängt! Er stand auf und schloss die Tür ab.

Liebe Anna! es sind hier im haus entsetzliche Dinge geschehen; Leontine hat in ihrem überschwenglichen Leichtsinn wieder eine unglücklich überspannte Liaison angeknüpft.

Leontine? Eine Liaison? Unmöglich!

Doch, doch! erwiderte er, und zwar mit einem Abenteurer, der ihr hieher gefolgt ist, ja sogar gewagt hat, ihr zu schreiben und bis zu ihr in unser Haus zu dringen.

Roderich! lass mich

Ich fürchte, das wilde Mädchen macht irgend eine irreparable Sottise. Ich habe noch nicht einmal ergründen können, ob der junge Herr von stand ist. Jedenfalls kann ich die Last nicht übernehmen, sie zu hüten, und habe die Mutter überredet, mich nach Bern zu begleiten, um sie wieder mitzunehmen. Ohnedies werden wir jetzt die Schweiz verlassen, j'accepte vos félicitations, Madame! wir sind Gesandter in Wien geworden!

Bis jetzt hatte Anna ihre Fassung behalten, sie war durch jedes Wort, das die Möglichkeit einer noch weit verwickelteren Angelegenheit, als Kronberg zu ahnen schien, andeutete, zu überrascht, um eine Unvorsichtigkeit zu begehen.

Noch mehr, fuhr Kronberg fort, während ihn die wirklich in dieser Aufregung strahlende Schönheit seiner Frau immer wärmer für sie stimmte, du wirst dich darum kränken! Er zog sie näher zu sich und küsste sie im Weitersprechen. Du bist so arglos, – deine närrische alte Madame Sophie hat auch mit debauchirt und will sich ihren Pelz verdienen.

grosser Gott! d a s trifft wieder zu, dachte Anna, eine sich steigernde Angst begann in ihren Zügen sich zu malen.

Ich glaube, sprach Kronberg weiter, ohne es zu beachten, es war auf eine Entführung abgesehen.

Aber um's himmels willen, Kronberg! wie kommst du dazu, alle diese Details zu wissen? brach endlich Anna ihr Schweigen, während ich hier

Duguet hat mir geschrieben.

Und seine eigne Frau angeklagt?

Anna, sagte Kronberg stolz, er hat die Ehre der Tochter seines verstorbenen Herrn gerettet. Willst du das gütigst nicht so ganz aus den Augen verlieren! Die Welt lebt nicht von Romantik! Doch, nun muss ich Leontinen sprechen; am sichersten gleich hier, ehe ihre Mutter ankommt. bleibe ruhig, auch wenn ich etwas ernst mit ihr rede!

Er ging an die tür, schob den Riegel zurück und war im Begriff, zu klingeln, als Leontine und hinter ihr Sophie eintraten.

Leontine sah sehr übel aus, sie schien geweint zu haben und vermochte ihrer Ueberraschung, Kronberg zu sehen, keinen warmen Anstrich der Freude zu geben.

Leontine! sprach Kronberg streng, du hast uns, mich und Anna, auf eine höchst schmerzliche und leichtsinnige Weise verletzt!

Onkel! – erwiderte sie, wo möglich noch stolzer als er, indem sie sich hoch aufrichtete und eine kalt gemessene Haltung annahm, die, eben so fern von Trotz als Demut, nur die anerzogene Sicherheit ihres Standes verrietda Sie sich unaufgefordert in ein geheimnis gedrängt haben, das Sie nicht betrifft, ist es nicht meine Schuld, wenn Sie durch diesen Schritt sich compromittiren. Meine Handlungsweise war keineswegs