1845_Schopenhauer_142_51.txt

hübscher.

Betzy wollte den Fall erörtern, Anna winkte ihr, zu schweigen. Alle Gebete, mein Egon, sagte sie liebkosend, die aus dem Herzen kommen, sind gut und schön.

Aber nicht s o schön! meinte kopfschüttelnd Egon. Ich kann es recht gut verstehen und Tante hat es mir auch erklärt. Höre nur! Er faltete, oben auf seiner Lehne sitzend, die hände und betete mit tiefer Inbrunst:

"Dass walte Gott

In Schlaf und Tod,

Wenn Leib und Seele scheiden;

Dass walte Gott

In Glück und Not

Im Finden und im Meiden.

Dass walte Gott

In seiner Treu

Auch über meiner Liebe;

Dass walte Gott,

Bewahr' vor Reu'

Die Tage hell und trübe.

All meines Herzens Bangen,

All meiner Seel' Verlangen

Geb' ich in seine hände,

Es führe mich an's Ende."

Ist das nicht schön, Mutter? Und das letzte hat Tante Vrenely immer gedacht, während sie Onkel Otto im Schnee suchte.

Anna war tief ergriffen. Es gibt Lagen im Leben, in denen man an keinen Z u f a l l glaubt. Sie schloss den Knaben inniger an's Herz und schlichtete den kleinen Streit mit bebenden Lippen. Als aber die Kinder fort waren, fiel die gedankenschwere Last des Augenblicks mit verdoppelter Gewalt auf ihre Seele zurück; sie fühlte nicht den Mut, irgend etwas gegen Gottards Willen zu tun, und eben so wenig die Kraft, untätig ihn einer so drohenden Gefahr entgegentreten zu sehen. Endlich fiel ihr ein, Otto zu benachrichtigen, ihm einen Expressen zu senden. Im Begriff, einige Zeilen aufzusetzen, um ihn nach Bern zu berufen, überfiel sie ein neues Schwanken. Würde er zeitig genug kommen?

Sie stand noch unschlüssig am Schreibtische, als Duguet meldete, dass der alte Herr Professor im Salon sei.

Wer ist noch drüben? fragte sie mechanisch.

Die beiden jungen Damen und Herr Gottard.

Gottlob! Heute gedenkt er also nichts in der unseligen Sache zu unternehmen! sagte sie zu sich selbst.

Drüben war Alles heiter. Der alte Professor erzählte und neckte die Mädchen; Gottard war gesprächig, aufmerksam und freundlich; die vorhergegangene Stunde trat weit zurück und barg sich hinter ihre Schwestern; in der Gegenwart schien Alles behaglich. Im Kamin knisterte die auflodernde Holzflamme, auf dem Tische standen schon Frühlingsblüten. Der Professor machte Vrenely eine emphatische Beschreibung Basels; Paris und London fielen ganz daneben weg. Gottard war zum ersten Male gesellig-liebenswürdig, er entfaltete ein hinreissend komisches Talent, sowohl im Vortrag einiger Reiseabenteuer, als in Darstellung der darin vorkommenden einzelnen Persönlichkeiten. Er und der Professor warfen einander das Gespräch zu, wie einen bunten Spielball; Leontine und Vrenely bildeten ein höchst dankbares Publicum. Zum Glück kam niemand Fremdes; die Zeit verging Allen ungewöhnlich rasch und man trennte sich spät.

Erst auf ihrem einsamen Stübchen fiel Annen die Möglichkeit bei, dass Gottard sie absichtlich sorglos gemacht habe, dass seine Neigung ihr ein Opfer gebracht. Sie flog an's Fenster; drüben brannte, wie allabendlich, seine stille Studirlampe. Aber die sorgende Liebe hat Argusaugen! Anna kannte gewisse Bewegungen am Schatten, wenn Gottard ein Buch vom Schreibtischregal herunterlangte, oder einen beschriebenen Bogen weglegte; sie wusste genau die Zeit, wo der Docht trüber zu brennen begann und er Oel zugiessen musste. Sie erwartete den Schatten seiner Gestalt; es regte sich nichts. Mit immer gespannterer Aufmerksamkeit lauschte sie hinüber, Stunde um Stunde verging in langsam tönenden Vierteln; mit der wachsenden Angst steigerte sich die überzeugung, dass auch die brennende Lampe zurückgelassen worden sei, um sie zu täuschen, zu beruhigen, und dass er nicht mehr da sei. Aber wo war er? grosser Gott! vielleicht war schon Alles verloren! wusste sie es denn?

Leise öffnete sie ihre tür, dichte Finsterniss umhüllte das ganze Haus, sie schlich hinaus über den Flur; sie war sich selbst nicht bewusst, was sie eigentlich wollte. Vor Allem horchen, ob der Fremde fort sei, ob Gottard bei ihm in der Bodenkammer, wo er versteckt sein sollte.

Die tür, welche die von ihr bewohnte Etage von den Uebrigen trennte, war abgeschlossen; ohne Sophien zu klingeln, konnte sie nicht hinaus.

Trostlos kehrte sie zurück, warf sich am Fenster auf einem Fussschemel in die Knie und starrte, die hände krampfhaft gefaltet, wieder hinüber. Die Lampe war düster geworden und jetzt nahe am Verlöschen; kein laut drang durch die öde Nacht, Todesstille überall. Es ward eiskalt im Zimmer, Anna erstarrte nach und nach ganz; alles Leben zog sich in das glühende, wachende, wartende Auge, das ihr wie eine Kohle in der Stirn brannte. Plötzlich flammte drüben eine strahlende Helle auf, die Vorhänge wurden mit gewaltiger Hand auseinander gerissen. E r war's!

Er stand mit dem Lichte in der Hand am Fenster, winkte grüssend, trat einen Schritt zurück, deutete mit der Hand rückwärts, als ob jener fort sei; er sah erhitzt, aber kräftig und glücklich aus. Nur wenige Secunden dauerte das alles, dann sank der Vorhang abermals und tiefes Dunkel verschlang das ganze Bild.

Aber wer vermöchte die blendende Sonne des Glücks in Annens Seele zu beschreiben! Er war gerettetund das Werk vollbracht.

Es war spät am Morgen, als Sophie die Rouleaux aufzog. Anna hatte sich erst niedergelegt, als der Tag sie, immer noch auf ihrem Fauteuil sitzend, überraschte