, die nächste Vergangenheit ihrem Gedächtniss zurückrufen zu dürfen. Er erinnerte sie an Otto's unerwartete Rückkehr und an den Fremden, dem jener auf der Treppe begegnet, dann an den letzten Abend, an den Volksauflauf, an Leontinens Ohnmacht und an das vor dem haus gepfiffene Lied; er bekannte ihr, die dem fräulein zugeflüsterten Worte Sophiens: "ce n'est pas lui" gehört zu haben; er erinnerte endlich an Leontinens Beleuchten ihrer eigenen Gestalt, als sie mit Lady Frederic an das Fenster getreten. Sprachlos starrte ihn Anna mit immer wachsender Angst an; sie dachte, er werde ihr etwas über sich selbst entdecken, er aber schloss mit wiedererrungener Besonnenheit: Unbezweifelbar gewiss scheint mir, dass eines jener unglücklichen Opfer der Politik und eigener Ueberspannung hier im haus verborgen ist, und dass fräulein Leontinens Güte und Milde auf eine Weise misbraucht werden, die leider den Grafen Kronberg in seiner Stellung auf's Empfindlichste compromittiren, ja seiner Ehre gefährlich werden kann.
Anna blieb einige Secunden sprachlos. Nein! rief sie aus, wie könnte Sophie – –
Das ist mir selbst ein Rätsel; indessen wurden doch gerade ihre Worte der Leitfaden in meiner Hand. Ich vermute, dass im dritten Stockwerke eine über meinem Zimmer gelegene Bodenkammer dem Unglückseligen zum Versteck dient. Unter einem Vorwande habe ich von des Nachbars haus herüberzusehen versucht, die kleinen Fenster sind verhangen, die kammer gilt für eine Garderobe Sophiens.
Weiss Duguet? unterbrach ihn Anna.
Ich glaube, nein! Und gerade, um mit Ihnen zu besprechen, ob ich meine Vermutungen Ihrem alten Diener mitteilen, mit ihm oder allein den Versuch wagen soll, dem Verborgenen zur Flucht behilflich zu werden, kam ich hierher. Wenn Sie es mir gestatten, Gräfin, so bekenne ich Ihnen, dass ich letzteres vorziehe. In der Hoffnung, dass Sie mir Ihre erlaubnis nicht versagen, um die ich Sie herzlich bitte, habe ich – er legte ein versiegeltes Paquet auf den Tisch – hier ein paar Verfügungen getroffen, einige Andenken und vollendete arbeiten zusammengerafft, die ich Ihrer Gunst empfehle. Im Fall eines Mislingens, das mich vielleicht in Unannehmlichkeiten verwickelt, oder auch zur Flucht mit dem Unbekannten zwingt, entalten diese Papiere vielleicht meine Verteidigung, jedenfalls aber nichts, was Ihnen oder den Ihren irgend Nachteil bringen kann.
Gottard! schrie Anna auf – Leichenblässe bedeckte ihre Züge – keine Uebertreibung, die mir – sie wollte sagen, das Leben kosten würde – aber sie streckte nur bittend die Hand aus und der Ton ihrer stimme versagte, er brach an der Erinnerung ihrer Lage.
Gottard ergriff die bebende Hand und hielt sie einige Secunden in der seinen, mit abgewandtem blick sagte er leise: fühlen Sie denn nicht, dass i c h – gerade i c h I h n (er nannte Kronberg nicht) um keinen Preis einer solchen Entdeckung aussetzen darf? In meinen heutigen Briefen ist von seiner Rückkehr die Rede, er ist Gesandter in Wien geworden – und ich – bin ihm als Regierungscommissarius für alles Juristische beigegeben –"
Anna schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf, sie faltete die hände bittend wie ein Kind: Ist's unvermeidlich?
Gottard ging in tiefer Bewegung auf und nieder. Ich finde keinen Ausweg.
Auch nicht Duguet's hülfe?
Nein, im haus könnte er mir nützlich sein, die Flucht wird er vielleicht sogar gefährden.
Und Leontine?
Nein, o nein! – Was auch geschehen mag, welchen Preis es auch koste, es muss unter uns bleiben! Er hatte im Auf- und Niedergehen sich ihr zugewandt, seine Züge hatten das seltsame, ihm eigentümlich Durchleuchtende bekommen.
Was kann im schlimmsten Fall dem Grafen drohen? fragte Anna etwas gefasster.
Eine entehrende Anklage der Duplicität.
Und Ihnen, Gottard?
Der Verdacht der Teilnahme an der Freimaurerloge, am Carbonarismus – –
grosser Gott! also F e s t u n g , auf lange vielleicht, im Augenblicke, da Sie dem Höhepunkt Ihres Strebens sich nähern! – Nein, rief sie plötzlich im wildesten Schmerz, keine Pflicht auf der Welt kann mir das gebieten!
Gottard stand wieder still vor ihr, das Leuchten seiner Züge war jetzt wie eine strahlende Verklärung über sein ganzes Wesen ausgegossen – ein bebendes Gefühl unsäglichen Glücks flutete in jeder Ader, jeder Fiber; er sprach kein Wort, er sah sie kaum eine Secunde lang an, er berührte nicht einmal ihre Hand. Aber plötzlich floss der Glutstrom des Glückes auch durch ihr Herz und auch ihrer Seele wuchsen Riesenflügel: Beide wussten in diesem Augenblicke, dass sie grenzenlos geliebt wurden, grenzenlos liebten.
Als sie wieder aufsah, war er fort.
Indem öffneten die Knaben an Betzys Hand die Tür, sie waren schon in ihren weissen Nachtkleidchen und kamen, der Mutter gute Nacht zu sagen, um, wie sie es nannten, ihr Dämmerviertelstündchen durch bei ihr zu bleiben.
Anna legte die hände unbewusst auf's Herz, als habe sie Gott für eine grosse Gnade zu danken: ein schwerer Lebensaugenblick war schuldrein wie mit Engelsfittigen über sie hinweggeschwebt. – –
Mutter! sagte Egon, indem er rasch die Lehne ihres Fauteuils erkletterte und darauf rücklings seinen gewöhnlichen Platz einnahm, Betzy ist garstig, sie will nicht, dass ich das schöne Gebet spreche, das Vrenely die Tante Leontine gelehrt –
Ich sage das vom kleinen, kleinen Englein, flüsterte schon halb im Schlaf sein Bruder Joseph, der seinen Kopf auf Annens Schoos gelegt hatte, das ist viel