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die ich, als einzige Dame meines Bereichs, nicht missen kann, mich nur nicht den ganzen Tag von dem unterhalten möchte, was die Soldaten bei ihr geplündert haben! – Die Langeweile ist auch keine kleine Qual, sagte, ablenkend, Josephine.

Ist ihr denn so viel weggekommen? fragte Waldau.

Keine Stecknadel! In unserm haus ist gar nicht geplündert worden, und nur teilweise drüben bei Bürgermeisters, wo unter andern der saubre Major, den mir St. Luce noch zu guterletzt präsentirte, eine Kommode ausgeräumt hat. Glaube mir, Sophiens Kochen und Backen während der Schlacht, die Vorräte, die wir aufgekauft hatten, und der überraschende Empfang, der den Plünderern ward, haben Wunder getan. Nach einem Tage voll Blut und Kampf einen für sie gedeckten Tisch finden, das ist eine Verlokkung, der es wahrhaftig schwer ist, bösen Willen entgegenzusetzen. Diese Frau ist unser guter Engel.

Aber du? du hattest bis gestern nur Kartoffeln?

Bewahre, lieber Freund, ich hatte auch eine Tafel Chokolade zum Nachtisch. –

Und heute? – fuhr er fort, in zärtlicher Bewunderung ihres heitern Mutes ihre hände an sein Herz drückendund heute?

Nun, heute musst du Sophien fragen; du weisst, dass ich mich nicht um die Details der Wirtschaft bekümmern darf!

Ich habe aber gestern von Duguet gehört, dass sogar für unsre Herzogin

Uebertreibung! Die Menge, denen die edle Frau den Schutz ihrer fürstlichen Nähe gewährte, hatte vielleicht die Vorräte aufgezehrt; die Franzosen hatten die Bäckerläden geplündert und zerstört, die vorrätigen Mehlsäcke auf den Gassen ausgeleertwo sollten die Leute sogleich das Brot hernehmen, oder den Mut, es zu backen? Bei uns hat man am ersten Tage für sie nach einer Flasche alten Wein gefragt; schade dass ihn die Kerls schon allen ausgesoffen!

Josephine! den ganzen Keller?

Oui, mon ami! Bis auf ein Fässchen Malvasier und weissen Burgunder, den Sophie irgendwo, in ihrer tasche glaube ich, versteckt hat.

Fünf hundert Flaschen!

Haben uns gerettet, Waldau! Das sind Nebendinge. Als ich dich glücklich überredet hatte, in dies Dachstübchen zu ziehen, da war alles gut! Nur einen Augenblick, als die Kanonenkugeln wie Scheeren die Bäume unter unsern Fenstern beschnitten und die Zweige gegen die Scheiben anschlugen, war mir bange!

Armes Kind! sagte Waldau bewegt, hätte ich dich nicht in mein Leben gerissen!

So würde ich auf andre Weise gelitten haben! Lieber Freund, wer darf in unsrer Zeit auf ruhige Tage hoffen? Dass du durch frühere Begünstigung der Emigrationen, durch deine Freundschaft mit Turgot und Chateaubriand die Augen auf dich gezogen, ist halb vergessen; das Schlimmste, glaube mir, sind deine Artikel im Tartarus. Indessen geht Mancher, dem das Herz ängstlich schlug, jetzt sorgenlos umher und spielt den Vermittler zwischen den Feinden und den der Sprache nicht mächtigen Stadtbehörden. Warum sollten wir mehr zu fürchten haben als sie?

Weil ich nicht so handeln werde.

Tut nichts, dafür hast du eine gar gescheite Frau! Habe nur noch ein klein wenig Geduld, ich habe dir bei allen Bekannten ein wunderschönes Podagra angelogen!

Und die Offiziere?

Halten mich für eine reiche Witwe. Sophie benimmt sich vortrefflich, sie ist abwechselnd die Hausfrau, wenn Gemeine kommen und Duguet gerufen wird, oder meine Gesellschafterin, meine Haushälterin, ich glaube sogar meine Duegna. Sie singt mit ihren Landsleuten Nationallieder in lüttich'schem Dialekt, die Gott verstehen mag.

Es klopfte wieder leise und Madame Sophie erschien mit der Hälfte eines gekochten Huhns, hinter ihr die beiden Kinder.

Eh! Sophie, wo hast du das her? riefen wie aus einem mund beide Gatten.

Dame! erwiderte Sophie, mit grosser Gewandteit den Tisch mit Silber deckend, man ist nicht umsonst eine Lütticherin. Man hat seinen Landsmann.

Siehst du! sagte lachend Frau von Waldau, so macht sie es den ganzen Tag. Die gute Seele ist eine wahre Perle in dieser Zeit.

Ich glaube, sie fühlt sich im gewohnten Element, sie die Revolution erzeugte.

Die Kinder unterbrechen das Gespräch. Mitten in Kriegesnot und allgemeiner sorge breiteten Bildung und Anmut eine Art Friedensasyl um die Leidenden. Aber auch das angenehme a n g e w ö h n t e Gefühl der Wohlhabenheit hatte teil an der Gestalt des Augenblicks.

Daheim traf die von Waldaus rückkehrende Anna die Mutter oft in Tränen. Seit dem Eindringen der feindlichen Truppen wollte das Wirtschaftgeld nirgend mehr zureichen. Manches war, in den ersten Tagen der Drangsale vernachlässigt, weggekommen, durch die Plünderer fortgeschleppt; nun zeigten sich von allen Seiten Bedürfnisse, es musste Vieles neu angeschafft werden; alle Ausgaben hatten sich vergrössert und das Einkommen sich nirgend gemehrt.

Der Bürgermeister war ein ängstlicher Mann, rechtlich in hohem Grade, dagegen um den Pfennig handelnd und sorgend. Die Mutter war dadurch gewohnt, das Geld zu manchem kleinen Putz- oder Kleidungsstück von ihrem Wirtschaftsümmchen abzusparen, jetzt musste es einzeln dem Vater für alles Fehlende abgefordert werden; es ward ihr ungern, oft mit Vorwürfen gegeben. Anna war erst acht Jahre alt, aber sie fühlte mit der Mutter; – und wenn sie eben drüben gewesen war bei Waldaus, fühlte sie es noch tiefer. Wenn ich gross bin, will ich reich sein! sagte sie.

Aber es hatte nicht den Anschein, als ob Anna das Talent des Reichseins oder Reichbleibens vom Himmel erhalten; kaum bekam sie irgend ein Stück Kuchen, ein Spielzeug,