noch als die leidenschaftlichste Glut greift das Gefühl der Mutterliebe in alle Urbedingungen unseres Lebens ein und ruft schaffend und vernichtend zahllose unverstandene, unerklärbare Erscheinungen des Lebens hervor.
Anna d a c h t e von dem Allen nichts, sie f ü h l t e es nur: die Lichtausströmungen der höchsten Ueberzeugungen berühren das ganze individuelle Leben, nicht die einzelne Kraft. Die Radien eines solchen unmittelbarsten Verstehens unseres Selbst fliessen mit der tiefsten Empfindung in einen Brennpunkt zusammen.
Sie sah ihn wieder. Alle drei lebten das tägliche Leben so neben einander hin wie immer. Leontinen wurde das Reden am leichtesten; sie barg ihren Kummer um Otto nicht, sie klagte sogar auf's Anmutigste um ihn und verklärte diese zarte Klage mit jedem Reiz ihrer so reichbegabten natur. Es lag eine so elegischliebliche Wehmut in Allem, was sie tat; kein geständnis der Liebe, nur ein Jammer um weit entrücktes und verlorenes Schöne.
Vrenely sass viel bei ihr. Leontine ging sogar zuweilen mit in die Kirche, wenn das Mädchen für Otto beten wollte, sie hatte allmälig eine Art poetischer Frömmigkeit von jener angenommen und den Glanz ihres scharfen, spottenden Witzes in der Rückspiegelung einer so schönen Einfachheit von sich geworfen wie einen unnütz gewordenen Schmuck; und in dem Allen war kein Falsch, es war die augenblickliche Gestaltung ihres Wesens. Nur Eins war sonderbar, Leontine, die stets Gesellige, war gern allein, als miede sie die grellen Widersprüche des Aussenlebens. Anna musste sie gewähren lassen, denn zum ersten Mal war sie der Freundin gegenüber nicht unbefangen; zum ersten Mal hatte Anna ein geheimnis. Obwol sie ahnte, dass es Leontinen längst keines mehr sei, konnte es ihrer Meinung nach niemals unter ihnen zur Sprache kommen.
Man hat zuweilen im Traum das Gefühl des Fliegens, des Hinschwebens über schöne Gegenden und geliebte Menschen; das Erwachen ist fast immer mit dem Schreck eines tiefen Sturzes verbunden. Ich glaube, das gab uns das Wort: aus dem Himmel fallen. So war es Annen; wie im Traume hatte sie sich hoch erhoben über das eigene Leben, ihr ahnete ein schweres Erwachen.
Aber sie war trotz dem Allen glücklich und insgeheim sich dessen bewusst. Wenn Gottard sprach, empfand sie es als ein Glück, und wenn er schwieg und sie seine edlen Züge ansah, war's nur ein anderes; in seinem Gehen, Kommen, Bleiben, vor Allem aber, wenn er seine ernsten Lieder sang, die sein Wesen, wie seine Verhältnisse rückspiegelten, durchwogte sie ein Gefühl der Seligkeit, das sie nicht einmal mit dem Gedanken zu berühren wagte, um nicht aus dem Himmel zu fallen. Töricht, töricht, dass man sagt: Unschuld und Jugend – die Frühlinge der Menschenbrust – kehren nie wieder! Anna war eine Frau von vierundzwanzig Jahren, und die Liebe machte sie zum vierzehnjährigen Mädchen.
Gottard war unter ihnen der einzige wahrhaft Unglückliche; auch er wandte den blick ab vom eignen inneren, um nur auf Annens und ihrer Kinder Leben hinzublicken und in der ihm vielleicht nur karg gemessenen Zeit des Beisammenbleibens noch alles ihm Mögliche für sie zu tun.
Mit Briefen Kronbergs war auch ein Schreiben des Ministeriums an Gottard eingelaufen. Nicht nur fanden seine arbeiten die vollste Anerkennung, es ward ihm zugleich die Aussicht zu einer umfassenderen Tätigkeit eröffnet. Wie es schien, hatte der Fürst selbst noch vor seiner Abreise die eingesandten Berichte dem Cabinet, für welches Gottard arbeitete, vorgelegt und die klarheit der Darstellung, die ernste Genauigkeit derselben, die Genialität der Combinationen bei grösster Tüchtigkeit der Auffassung hatten die Blicke des Ministeriums auf deren Verfasser gezogen. Ueberrascht, ihn nicht schon früher bemerkt zu haben, schien man höheren Orts entschlossen, ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Seine Bahn war gebrochen.
Gottard teilte der Gräfin die günstige Wendung seines Geschickes mit und bat, ihm zu vergeben, wenn er sich öfters dem unverdienten V o r z u g – das Wort G l ü c k wagte er nicht – in ihrem engeren Familienkreise zu weilen, entziehe. Es war ihm ein tiefer furchtbarer Ernst um die Bekämpfung der ihn schwächenden leidenschaft, darum mied er sie oft; ein Vergessen, ach, nur ein Verschmerzen seiner Liebe fiel ihm längst nicht mehr ein.
Unerwartet kündete jetzt Kronberg seiner Gemahlin seine Rückkehr an; er befahl, ein paar Gastzimmer in Stand zu setzen, und bat Annen, seine Abreise nach Bern Allen, selbst Leontinen, zu verschweigen. Es schien leicht zu erraten, dass Josephine ihn begleiten und ihre Tochter mit einem freundlichen, Alles ausgleichenden Besuch zu überraschen gedenke.
Sie wird mir Leontinen entführen, seufzte Anna, den gelesenen Brief faltend, und wir gehen dann wohl Alle nach dem Ort, den Kronberg als Aufentalt bestimmt. Eben wollte sie in den Saal zurück, als Gottard aus der Tür ihres Zimmers ihr begegnete und ernst und dringend sie um ein Gespräch weniger Minuten bat. Mit ehrerbietigen Ausdrücken entschuldigte er sein Einmischen in eine Angelegenheit ihres Hauses und schien dann verlegen, den Zweck desselben näher zu berühren.
Kronbergs Befehl nach, hatte ihm Anna das unglückselige Geld zwar zustellen lassen, die Summe aber vergrössert und die Bitte ausgesprochen, die Auslagen für die Knaben davon zu bestreiten und später mit ihrem Gemahl das alles zu berechnen. Auf diese Weise war das Geld ein blosser Vorschuss für die Kinder. Unwillkürlich suchten ihre Gedanken hierin einen Zusammenhang mit dem gewünschten Gespräch; eine tödtliche Verlegenheit bemächtigte sich auch ihrer.
Gottard fasste sich endlich gewaltsam und bat sie