jenes. Ich habe Freundschaft, Liebe, Vertrauen und vielgestaltiges Glück an dieser unserer fatalen Zeiteigenschaft scheitern sehen und nie begreifen können, warum man sie noch nicht zu den grössten Leidenschaften zählt, die einzelnen Auserwählten das Leben zum Paradiese, den meisten aber zu einer sich täglich wiederholenden Qual und sorge machen.
Es wird ihm sehr unbequem sein! wiederholte sich Anna und sann und sann, einen Vorschlag aufzufinden, der ihrem Gemahl die Mühe spare, ihr einen andern Aufentaltsort anzuweisen. Im wiederholten Lesen des Briefes ward ihr immer deutlicher, dass des Fürsten Tod die ganze nur nach seinem Willen bestimmte Sendung nach Petersburg annulliren und dass sie vielleicht gar einem Andern zugeteilt werden könne – was dann? Vielleicht kam dann Kronberg selbst, vielleicht berief er sie und Leontinen nach Berlin.
Dann tauchte wieder Gottard's Bild zwischen den Zeilen auf. Wie unwichtig erschien die eigene sorge, dieser gehemmten gestörten Wirksamkeit gegenüber. Könnten wir nur etwas für ihn tun! dachte sie weiter. Sie kam an einen gestern schon besorgten Auftrag, eine Summe Geldes einzucassiren. Die Rollen lagen vor ihr auf dem Tische.
"Da ich, schrieb Kronberg weiter, über das Salaire des Herrn Gottard nichts Bestimmtes mit ihm abgemacht, du aber, wie mir scheint, immer noch mit seiner Metode und seinem Betragen wohl zufrieden bist, so warte nicht das Ende des Jahres ab, sondern gib ihm funfzig Taler in Gold und frage ihn zugleich, ob er mit hundert funfzig jährlich und freier Station zufrieden ist. Der arme junge Mann ist vielleicht in Geldnot ohne dass wir es ahnen."
Mechanisch war Anna aufgestanden und hatte blindlings eine der Geldrollen ergriffen. Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke, dass es G o t t h a r d , Gottard sei, dem sie dieselbe geben, den sie damit b e z a h l e n solle. Eiseskälte durchrieselte ihre Glieder; sie liess das Geld fallen – es rollte auf dem Boden umher. Mit starrem blick folgte sie dessen Bewegung; sie zitterte mit jeder Secunde heftiger. Jetzt bohrte der entsetzliche Gedankenstrahl wie ein glühendes Eisen sich immer tiefer ihr ins Gehirn: Du sollst den Mann b e z a h l e n , den du l i e b s t – er steht in Kronbergs D i e n s t !
Wie zerbrochen knickte die hohe Gestalt zusammen. Und also ist es wahr, und also liebe ich ihn? wirbelte in rastloser Hast das fragende Empfinden durch jede Fiber, durch jeden Pulsschlag ihres Wesens hin. Unwiderruflich elend – antwortete sie sich selbst.
Lange vermochte sie durchaus nichts weiter zu fassen, noch dachte sie nicht entfernt an ein Unrecht gegen ihren Gemahl, sie fühlte nur den Moment und seine Pein, und dass ihr Geschick entschieden sei; sie gehörte zu den Unglückseligen, die nicht weinen im Schmerz – die trocknen Tränen brannten ihr in den Augenhöhlen. Nach vielen Stunden fand sie Sophie in einer Ecke ihres Kanapees, wie von plötzlicher Krankheit ergriffen, stille liegen; sie hatte heftiges Fieber und war, von der endlosen Gedankenjagd tödtlich erschöpft, in dumpfe Betäubung gesunken.
Aber es wurde wieder Tag. Erbarmungslos schlangen sich die Stunden zur Kette in einander; sie sollte, sie musste weiter leben.
Ihre Knaben kamen, ihr guten Morgen zu sagen. Als sie die Kinder sah, überflutete ein nie gekanntes Weh ihr Herz. Anna war fast immer gesund, und den Kleinen war es so ungewohnt, die Mutter leidend zu sehen; sie brachten ihr schönstes Spielzeug, Früchte und Blumen mit, alles, was sie nur besassen, und wollten, damit die Mama pflegen, wie sie es ihnen bei kleinen Uebeln getan.
Lange hielt Anna Beide fest in ihre arme geschlossen und sah die lieben Züge wieder und wieder mit stillem Ernste an. Es war ihr sonnenhell in der Seele, dass, was auch geschehe, in welchen Abgrund von Qual oder Schuld dies gewaltige Gefühl sie stürze, nichts jemals von ihren Kindern sie trennen könne und dürfe.
Wochen, Monate lang hatte sie sich zu täuschen vermocht. Otto, sogar Leontine hatten längst das trübe geheimnis erraten; jetzt, da auch sie sich dessen bewusst geworden, feilschte und marktete sie nicht, weder mit ihrem Herzen, noch mit ihrem Gewissen. Jede Selbstlüge blieb dieser starken, grossen Seele fern, es lag vor ihr wie ein unermessliches dunkles Unglück; aber sie beschloss, ihre leidenschaft zu t r a g e n , elend zu sein, wenn es denn unvermeidlich, aber nie und nimmer das Gefühl des Verlustes ihrer Kinder auf sich zu laden.
Ach! auch in Annen lag der Drang nach Glück, der,
mächtiger noch als der Instinct, den Lebensmüden im Schiffbruch zwingt, an den schwimmenden Mast des zertrümmerten Schiffes sich zu klammern und mit den Meereswogen ihn ums verhasste Dasein kämpfen heisst. Dieser heisse quälende Durst nach G l ü c k , den fast immer die Liebe in jeder Menschenbrust zuerst erweckt, der mit den dahinrinnenden Stunden immer riesiger alle Kräfte der Seele überwächst und den alles spätere Leben fast nie zu stillen vermag. Aber dem weib gab die erhaltende natur ein ungeheures Gegengewicht, dass sie in diesem Ringen nach Glück nicht unbedingt zu grund gehen müsse: die heilige, aber so allmächtige Mutterliebe.
Nicht umsonst erfanden die Alten das schöne Wun
derbild vom Pelikan, der die eigene Brust aufreisst und mit dem Herzblut seine Jungen nährt; nicht umsonst eint der Indier die zerstörende und erhaltende Kraft zu einer und derselben Gottesgestalt. Tiefer