1845_Schopenhauer_142_47.txt

tappend den ersten Stuhl zu erreichen suchte, und unfähig, sich auf den Füssen zu erhalten, wie bewusstlos darauf niedersank. Anna, Sophie und Otto sprangen zu, sie zu halten; es dauerte mehre Minuten, ehe sie den Anfall, gegen den sie sichtlich mit allen Kräften rang, gewaltsam überwand. Der Kutscher wollte sogleich zum Doctor laufen, Sophie wehrte es, Annen zuwinkend, ab; sie versicherte, es wären Vapeurs, sie sei dergleichen am fräulein längst gewohnt, und das englische Salz, das irgend auf Tisch oder Console liegen müsse, würde augenblicklich helfen. Alle Anwesenden, sogar der alte Professor, liefen, natürlich das Salz suchend, im Zimmer umher, nur Gottard, der hinter Madame Sophie stand, blieb unbeweglich. Ce n'est pas lui! flüsterte ma bonne der noch halb Betäubten in's Ohr. Herr Gott, da ist das Salz in meiner tasche! Mille pardons! fuhr sie, zur Gesellschaft gewendet, fort: Sehen Sie, es wird schon besser!

Leontine hatte sich wirklich erholt; mit grosser Anmut entschuldigte sie den ihr selbst unbegreiflichen Zufall.

O dear, o dear! schrie im Eintreten Lady Frederic, die express von ihrem lieben Professor Abschied zu nehmen kam. Ist das da draussen ein Spectakel! In ihrem Eifer bemerkte sie natürlich Leontinens Unwohlsein gar nicht. Da haben sie einen von meinen Landsleuten, das heisst, ich wollte gerade das Gegenteil sagen, einen von meinen Nichtlandsleuten, einen Engländer arretirt. Ein Irländer hätte sie nicht hier vier Wochen lang dazu erwartet. Der arme Mensch ist tipsy, ich glaube, sie nennen das hier ein wenig betrunken, und will sich durchaus mit der Polizei boxen. Sie suchen nach drei Andern, die aber nach dem enormen Lärm sich schwerlich finden lassen werden.

Ich bitte Sie, Gottard! sagte Anna, was ist's eigentlich?

Landammann Wateville hat leider eine zweite und diesmal wirklich autentische Note österreichischer Seits erhalten, die allerdings auch die hier sich aufhaltenden Fremden bedroht. Man spricht von Stiftung einer neuen carbonarischen Freimaurerei; auch der französische Minister scheint sehr ernstliche Massregeln zu Entfernung ihm verdächtiger Personen zu nehmen.

In dichtem Kreise umschlossen alle Anwesenden den Erzähler. Lady Frederic begann zu fragen. Leontine nahm jetzt lebhaft teil am Gespräch, ihr Unwohlsein schien vergessen. Otto, Gottard und der Professor arbeiteten das vorgeschlagene Tema nach allen Seiten durch.

Draussen war es still geworden bis auf den Sturm, der an die Fenster schlug und den ein lustig gepfiffenes italienisches Volksliedchen durchtönte.

Ah! sagte Anna, nenna sta grazia toja! und Venedig tauchte vor ihr auf. Gott sei Dank! den haben sie nicht!

Leontine war jetzt brillanten Humors und zankte sich auf's Possirlichste mit dem alten Professor.

Hätte ich Sie, mein gnädiges fräulein, doch wahrhaftig nicht für eine solche Erzdemagogin gehalten!

Bitte, bitte! erwiderte sie lachend, nur für mein Herz bitte ich um das Conservativ- oder, wie es jetzt heisst, Reactionssystem.

Man reizt die Jugend zum bestimmtesten Widerspruch durch diese scharfen Massregeln, perorirte Lady Frederic. Es hat einen eigenen zauberhaften Reiz, den Märtyrer einer idee zu spielen.

Hier ist von einer im Allgemeinen untergegangenen, im Einzelnen leider nur allzu wunder-lebendig erhaltenen U e b e r z e u g u n g die Rede, sagte Gottard.

In diesem Augenblicke variirte unten der Pfeifende und ging in wunderlich-kecken Modulationen in das Tema des bekannten Polenliedes: "Noch ist Polen nicht verloren!" über.

Da haben wir's, schmunzelte der Professor, unser musikalischer Demagog ist mit der Geographie brouillirt.

Leontine lachte laut; sie und Lady Frederic liefen an's Fenster, es war aber Niemand zu sehen.

Aber, mein gnädiges fräulein, sagte der Professor, wenn Sie mit dem Lichte in der Hand an's Fenster treten, zeigen Sie s i c h , anstatt den Gegenstand auf der Strasse zu beleuchten.

Oh! Oh, yes, of course! meinte Lady Frederic.

Otto hatte sich still in eine Ecke gesetzt; zuweilen sah er aus derselben Annen wehmütig lächelnd an, als wollte er sagen: Das nanntest du Liebe?

Gottard sprach schön und ernst über politische und Staatsangelegenheiten mit dem Professor und suchte die gescheiten, aber etwas schonungslosen fragen der Lady, die sie wie Raketen in die Unterhaltung warf, abzupariren. Am Ende ging der Abend, wie viele seiner trüben Brüder, vorüber. Als am nächsten Morgen Anna mit ihrem bedrückten Herzen wieder allein war, überlas sie nochmals Kronbergs Brief. Der grösste teil desselben war vor Empfang der Todesnachricht geschrieben. Wie bei seiner Abreise, schien er einen verlängerten Aufentalt seiner Familie in Bern zu wünschen; wie sollte sie ihm sagen, dass dieser ihrer Empfindung nach unmöglich geworden? Von der Liebe eines Andern mit einem Mann, der uns liebt, zu sprechen, ist schwer; aber einem Gemahl, der uns nicht mehr liebt und doch als sein Eigentum mit eifersüchtigem Blicke bewacht, das Gefühl dieses Andern als Hebel unserer Handlungen zu bezeichnen, scheint fast unmöglich. Sie fürchtete im besten Falle Spott, gleichgültiges Hinnehmen des ihr so Wichtigen, im schlimmern arges Misverstehen und kränkenden Verdacht. Ihr Verlassen Berns war Kronberg unbequem, und leider ist Unbequemlichkeit in unsern Tagen fast das Wichtigste, Verabscheuungswürdigste in den Augen unserer Männer geworden. Ich glaube, die Bequemlichkeitsliebe ist an die Stelle des Faustrechts getreten, wenigstens wirkt sie zuweilen eben so schonungslos und gewaltsam als