1845_Schopenhauer_142_46.txt

draussen Duguet abgenommen. Gott sei Dank! nun werden die Frau Gräfin doch gleich erfahren, wo wir den Winter zubringen.

Er entielt die nämliche Nachricht.

Gottard hatte sich gefasst; er berichtete noch einige mit dem Todesfall in Verbindung stehende Nebenumstände und verliess dann den Salon. – Otto war wie vernichtet.

Und Vrenely? ach, die sass daheim überselig an ihrem Nähtischchen und nähte dem Verlobten, dem Geliebten ein längst heimlich gesticktes Halstuch fertig. Vor ihr sassen der alte Vater und die fast eben so alte Professorin, bei welcher sie ihren, ja, i h r e n Otto kennen gelernt, und alle drei erzählten einander zum hundertsten Mal jeden kleinen Umstand der glücklich-unglücklichen Zeit dieser Bekanntschaft und malten sich die Zukunft mit den glänzendsten Farben der Hoffnung und Erinnerung aus.

Zuweilen sank dem Mädchen die Arbeit in den Schoos, die Tränen schossen ihr in's Auge; sie musste die kleinen hände über der hochschlagenden Brust falten, weil der innere jubel, die tiefe, selige Dankbarkeit gegen Gott sie überwältigte. Ach, ich bin's ganz gewiss nicht wert! seufzte sie errötend, und dann lachte sie wieder über alle die vielen Schneelöcher, in die er noch fallen werde beim Berzelius, und schalt, dass er noch immer nicht da sei; bis ihn die Hausklingel verkündigte und ihr der Schreck in alle Glieder fuhr: er kam ja, um Abschied zu nehmen!

Mit drückender Schwere schlich den Andern der Tag hin. Die plötzliche Wendung in Aller Geschick war, obschon jedem Einzelnen bewusst, dennoch keinem in ihrem ganzen Umfange deutlich. Vrenely sogar fühlte mitten im Glück den heimlich ritzenden Dorn der Rose. Sie hätte Otto um keinen Preis aufgeben und dennoch ihm volle Freiheit lassen mögen; es drängte sie ein unbekanntes Etwas, ihm Zeit zu gönnen, das Krankenlager hatte ihr nur allzuklar gezeigt, mit welcher schmerzlich-leidenschaftlichen Hingebung er Annen anhing, aber eben so gewiss war sie dessen, dass diese ihn nicht wieder liebe. Anna's erwachende Neigung für Gottard war des Mädchens scharfem Blicke nicht entgangen, doch eine leise Scheu liess sie vor ihr das Seelenauge niederschlagen, ihr Herz wollte nicht darum wissen, dass die verheiratete Anna ein anderes Bild in sich trage, obschon sie ihr, Otto zu lieben, vergeben hätte. Stand er aber selbst ihr gegenüber, sah sie ihn so fest und kräftig ihrem zweifelnden Blicke begegnen, dann war ihr wieder, als sei alles gut, was er gewollt, als könne er gar nicht irren, als müsste gerade sie ihn aus dieser Schlucht glühender Qual herausziehen, wie aus der eisigen Tiefe.

Otto sprach sich über seine Verlobung ernst und würdig aus. Leontine wünschte ihm mit bezaubernder Freundlichkeit Glück; ihre Wangen glühten fieberisch, aber sie blieb völlig Herr ihrer selbst und jeder Aeusserung. Die grosse Welt gewöhnt ja auch die heftigste natur, die Erregungen des Gemüts und der leidenschaft zu bergen.

Der gute Professor, der sehr willkommen Abends sich einfand, vermochte es indessen auch nicht, den Stunden eine heitere Färbung zu geben. Otto war mit Vrenely übereingekommen, ihre Verlobung bis zu seiner baldigen Rückkehr zu verschweigen, weil er am nächsten Morgen in aller Frühe abzureisen gedachte. Der Professor, der sich halb und halb im Vertrauen fühlte, war schalkhaft und leicht wie ein bleierner Vogel. Sophie und Duguet wurden den ganzen Abend mit Reiseanstalten und wiederholten Befehlen gequält. Sophie sah abwechselnd Annen und Leontinen an und schüttelte betrübt den Kopf, aber sie beugte sich jeder ihrer Launen und war unermüdlich in Herbeischaffung des Verlangten.

Plötzlich entstand ein Tumult auf der Strasse, der Lärm schien aus einem am Ende derselben gelegenen Kaffeehause heraufzudringen; es war ein mistönendes, wüstes Geschrei, man unterschied französische und italienische Flüche, deutsches Schelten und Drohen. Ein dichter Menschenknäuel schien sich in einer Ecke der Gasse um etwas herum zu winden und zu drängen. Anna klingelte heftig. Duguet war in Otto's Angelegenheiten ausgeschickt, der Kutscher trat ein. Die Gräfin befahl, sogleich die Ursache des Auflaufs zu erfragen.

Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und brachte die Antwort: die gnädige herrschaft möchte unbesorgt sein, es wären nur eben ein paar italienische Spitzbuben und Maleficanten arretirt worden, die Aufruhr stiften und die Schweiz verraten wollten.

Die traurigen Massregeln, zu welchen im Jahre zweiundzwanzig die Verfälschung einer ministeriellen Note Veranlassung gab, sind allgemein bekannt. Einem Lauffeuer gleich durchflogen beängstigende Gerüchte einer drohenden Umwälzung des bis dahin friedlich erhaltenen Zustandes die ganze Schweiz; in krassester Entstellung verbreiteten sich die seltsamsten Gerüchte durch die höheren und niederen Volksclassen. Unzählige, meist harmlose Fremde, denen die Cantone Genf, Waadt und Wallis bisher ein sicheres Asyl geboten, mussten plötzlich, des Carbonarismus verdächtig, dasselbe verlassen; sie wurden polizeilich aufgehoben, gewaltsam entfernt, sogar gefänglich eingezogen. Der panische Schreck hatte jetzt auch in Bern der Gemüter sich bemächtigt und wirkte um so gewaltsamer, als er später denn in den anderen Städten erwacht war.

Annens freiheitschlagendes Herz hatte schon Wochen lang mit den Unglücklichen gelitten, die, schuldig oder nicht, ein so unerwartet hartes Verhängniss in fremdem land traf. Sie liess sich eben noch einmal die näheren Umstände des traurigen Vorfalls berichten, als Leontine und Otto zugleich eintraten, die in ihren gegenüberliegenden Zimmern von dem ganzen Lärm nichts gehört hatten. Der Kutscher wiederholte sogleich seine Erzählung. Kaum aber hatte Leontine die ersten Worte derselben vernommen, als sie todtenbleich und bebend, wie von einem heftigen Schwindel befallen, mit sehenden Augen blind,