1845_Schopenhauer_142_45.txt

ihr.

Anna erwiderte nichts, sie hatte seine Hand gefasst und lange in der ihren gehalten. Plötzlich beugte sie sich nieder und eine Träne und ihre Lippen berührten sie zugleich.

Anna! Um Gottes willen, Anna! schrie Otto. Er sprang auf, riss sich los, stand einen Moment wie besinnungslos schwankend, dann stürzte er vor ihr auf die Knie nieder und barg sein Gesicht in ihren Schoos. Endlich hob er die Augen wieder, umschloss sie, immer noch kniend, mit dem gesunden Arm, und sah sie so nahe, lange und innig an.

Anna meinte zu vergehen; sie hatte keinen Mut, keine Kraft mehr gegen dies Uebermass der Qual, aber kein Hauch der Scheu vor der Gewalt seiner leidenschaft befleckte auch nur eine Secunde ihre Gedanken. Da bog sich Otto noch näher zu ihr hinüber, küsste leise erst ihre Augen, dann ihren Mundund liess los. – Schon an der tür wandte er sich und sah sie noch einmal mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes an und ging stumm, ohne wieder aufzublikken, von ihr.

Am nächsten Morgen aber ging er zum Vrenely und bat sie um ihre Hand. Er sagte ihr, dass sie ihm das teuerste Mädchen auf Erden sei, dass er die Hoffnung habe, sie glücklich zu machen; sie möge ihm nun das Dasein wieder lieb werden lassen, das er ja nur ihr verdanke.

Das gute Kind war tief bewegt, sie wehrte es nicht, dass Otto sie an seine Brust zog, und legte sanft ihr Köpfchen an sein Herz. Dann aber hob sie das Rosengesichtchen zu ihm auf und sagte, es sei nun allzuspät ihm zu bergen, wie sehr sie ihn liebe; als er aber sie noch näher zu sich hinziehen wollte, wand sie sich still aus seiner Umarmung und sprach ohne Schüchternheit mit der zartesten Hingebung und doch ganz fest es aus, dass sie ihn genug liebe, um nicht sein schönes, der Wissenschaft geweihtes Leben verderben zu wollen. Wenn er sie heirate, müsse er seine grossen Reisen aufgeben, und das würde ihn gewiss unsäglich unglücklich machendarum möge er von ihr ziehen, frank und frei, durch kein Versprechen an sie gebunden, und ihrer zuweilen gedenken. Sie aber wolle daheim den alten Vater pflegen und seiner auch nicht vergessen. Und käme er einst nach Jahren wieder und habe dann sein Sinn sich nicht von ihr gewandt, dann, ja dann werde sie unaussprechlich glücklich sein, ihm anzugehören.

Nein! sagte Otto ernst und bestimmt, indem er ihre Hand inniger drückte, dein schönes Herz irrt. Der Mensch hat nur den Augenblick, nur dessen ist er gewiss. Er ist der feste Strand, auf dem er sicher fusst, die Zukunft ist ein wild bewegtes Meer, man muss nicht unnütz sich ihm vertrauen. Und die Trennung, ach, armes Kind! du kennst sie nicht, das ist die Brandung, an der das Schiff zerschellt. Nein, nein, jetzt lass mich in Basel dir und mir die neue Heimat gründen, den sichern Hafen bauen. Lass mich sogleich mit deinem Vater sprechen. Ich reise diese Nacht ab, aber ich hole dicher wollte sagen, wenn Anna fort ist, sagte aberwenn die nächsten Rosen blühen.

Und, setzte er immer freundlicher hinzu, denn ihr Glück leuchtendes Gesicht erhellte auch sein Inneres, bist du erst eines Naturforschers Frau, ei nun, so musst du eben mit forschen lernen. Warum kannst du denn nicht mit nach Schweden? Wer weiss, ich könnte wieder in ein Schneeloch fallen

Vrenely hätte nicht so ganz Wahrheit und natur sein müssen, um es zu vermögen, dem Drängen des so heiss Geliebten, der ja längst ihr ganzes Wesen beherrschte, zu widerstehen. Beide gingen zum alten Vater hinüber, dessen rührende Freude Otto'n an den seinen erinnerte und sehr bewegte. Seinem Selbst zum Trotz fühlte er sich glücklich, und blieb esbis er Annens Haus wieder betrat und sie sah.

Er war aber den Einwohnern desselben nicht bestimmt, auf dem jeden von ihnen anders, aber doch so gewaltig ergreifenden Eindruck dieser Stunde zu weilen, noch war das Vorgefallene, obschon Allen bewusst, nicht zur Sprache unter ihnen gekommen, als sich die Tür öffnete und Herr Gottard todtenbleich und mit zerstörten Zügen ins Zimmer trat. Er hatte soeben die Nachricht vom Verscheiden des Ministers H**** erhalten, der unerwartet auf dem Rückwege von Verona gestorben war. Der Brief, den seine zitternden Finger krampfhaft umschlossen, war im Augenblicke abgesandt, in welchem ein Courier die Trauerpost nach Berlin gebracht.

grosser Gott! schrie Anna, aufspringend und mit gerungenen Händen vor Gottard hintretend, und alle Ihre Hoffnungen, alle Ihre arbeiten – –

Für den Augenblick vernichtet, gnädige Gräfin! erwiderte er dumpf; aber

Der Fürst ist tot? riefen Leontine und Otto zugleich. Aber Kronbergs Gesandtenstelle, seine Reise nach Petersburg?

Das bricht ja alle seine Pläne, sagte Ottound ward plötzlich noch bleicher, als vorhin Gottard.

Anna kam zur Besinnung, der kalte Schweiss trat ihr auf die Stirn. Sie hatte weder an Petersburg, noch an den Gesandtenposten gedacht.

Es ist nicht zu redressiren, sagte Leontine vor sich hin; sie hat ihn total vergessen.

Otto war aufgestanden, die Stirnadern drohten ihm zu springen; er trat ans Fenster, den inneren wilden Aufruhr seines Wesens zu verbergen.

Ein Brief vom Herrn Grafen, flüsterte Sophie Annen zu, ich habe ihn