1845_Schopenhauer_142_44.txt

kaum zu erreichen, sie flog mehr, als sie ging, und doch wie in unhörbar leisem Fluge. Sie sass oft viele Stunden bei ihm, meist unbemerkt, hinter dem Vorhang seines Bettes; war er trübe, schaute sie hervor und erzählte ihm, sang ihm mit halber stimme seine Lieblingslieder, oder sie las ihm ihre Gedichte vor, sie zeichnete bei ihm lauter närrisch-possenhaftes Zeug, das ihn lachen machte, so dass er seinen Schmerz vergass.

Anna war sich immer gleich, weich und ernst, erriet sie immer seine Seele. Sie schrieb für ihn nach Basel und an seinen noch in Freiberg lebenden Vater. Sie tat eigentlich weniger, als die Andern, beschwichtigte aber mehr und regte ihn weniger durch äussere Dinge auf, nur dass eben sie die Welt ihm sonnenhell und dennoch so finster machte!

Mit unbeschreiblicher Zarteit trat das Vrenely zurück, sowie seine Genesung vorwärtsschritt, mit jedem Tage sittsam scheuer, stellte sie sich wieder an die alte Stelle; des ganzen Unfalls erwähnte sie mit keinem Wort. verlangte er jedoch zufällig einmal gerade von ihr eine kleine Handreichung, dann zuckte der elektrische Strahl namenloser Seligkeit durch ihr ganzes Wesen, und man wusste kaum das Auge abzuwenden von dem Licht des Glücks, das ihre Züge durchleuchtete und allem, was sie tat, den Zauber der tiefsten Herzensneigung verlieh, dem, einen sich ihm Jugend und Schönheit, kaum ein Männerherz widersteht.

Anna! sagte eines Morgens Otto, dieser Zustand muss enden. Ich kann meine Vorlesungen wieder beginnen, den linken Arm brauche ich nicht dazu, ich muss zurück nach Basel. Aber ich habe vorher noch vieles mit dir zu besprechen, eh' wir scheiden.

Wird es dich nicht angreifen, lieber Freund?

Er verneinte schweigend. Dann fuhr er fort: Ich muss es aussprechen, denn ich denke doch unaufhörlich daran.

Soll ich dir entgegenkommen, Otto? Soll ich dir sagen

Ich habe Kraft, liebe Anna! Du weisst, genauer vielleicht, als ich selbst, was geschehen, was Vrenely für mich getan. Ich kann kaum weniger tun, als ihr das Leben geben, das sie mir erhalten. Ich bin entschlossenihr meine Hand zu bieten.

Anna sah ihn freudig an. Ich wusste es, Otto, und glaube mir, du wirst glücklich werden!

Glücklich! Anna! sagte er sehr trübe, du solltest jetzt nicht mehr so reden! Sie erbleichte. Ruhig, Kind! ich rufe keine Dämonen aus ihrem Dunkel an's Licht. – Ich will lieber unglücklich sein, als unglücklich machen; siehst du, das ist Alles. Es kostet mich einen hohen Preis: die volle Freiheit meiner Wissenschaft.

Anna blieb eine Weile nachdenkend stumm. Eine

Ehe ohne gegenseitige Liebe, Otto

Lass das! unterbrach er sie streng. Ein Mann, Anna,

l i e b t einmal, e i n m a l , nicht öfterer. Unsre Sinne und unsre Eitelkeit, unser Egoismus und eure Schwäche mögen uns in tausend Verhältnisse hineinziehen, vielleicht ist keiner sicher, in keinem Alter, in keiner Stellung, vielleicht bin ich es noch am ehesten durch meine Wissenschaft, sie hat mein Leben bisher mir erhalten, trotz seiner Gluten. Gluten, von denen deine Engelsseele keine Ahnung hat. Still! still! ich bin kein Teufel, aber ich bin nur ein Mensch, Anna, ein M a n n ! Keiner von deinen Papiermaché-Weltfratzen. – Nun denn, verstehe' mich recht, hätte ich die Möglichkeit deiner Liebe noch vor mir, die Möglichkeit, sage ichdenn, fuhr er immer wilder fort, dein Mann ist sterblich und das Leben ist langnie würde ich einer Andern meine Hand reichen; möchten die Geier dieser Qualen an mir nagen, gleichviel. Aber, komme es, wie es wolle, ich kenne dich, deine starke Seele, Anna! m i c h wirst du nie lieben; m i c h nicht, das Glück blüht nicht m i r ! – O wer an ein Jenseits glaubte, so recht glaubte, mit der blinden Sicherheit des Köhlerglaubens, um sagen zu können: a b e r d o r t ! Nun gleichviel, – oder vielleicht! ich bin kein Frömmler, aber ich glaube an ein Jenseits. Dort alsovielleicht!

Er neigte seinen Kopf auf ihre Schulter und schwieg.

Lange sassen sie beide so stumm neben einander.

Weisst du, fuhr sie nach einer Weile gepresst fortes war, als klammere sich ihre Seele gewaltsam an einen andern Gedanken, wie man im Wellenstrudel ein schwimmendes Bret ergreiftweisst du, dass Leontine dich liebt?

Ja, sagte er fest. Lass sie! Ich bin wie ein dunkler Schmetterling durch ihr Blumenleben geflogen und habe einen fliegenden Schatten darauf geworfen. Ein Sonnenkuss des nächsten Tagesund sie hat mich vergessen. – Ach, diese glücklichen, ewig bewegten Naturen! Er strich mit der Hand schwermütig über seine edle Stirn und die noch feuchten Augen. Ich werde das Mädchen nicht betrügen, ich werde nicht heucheln; ich kann ihr Treue geben, LiebeLiebe in deinem und meinem Sinne nicht! O bitte, bitte, fuhr er fast heftig auf, lehre mich nicht dein Herz kennen! Ich fühle es wie das meine in der eigenen Brust. Was die Welt, was Millionen Weiber Liebe nennen, was sie selbst in ihrer zarten Unerfahrenheit so nennt und glaubt, das gebe ich