1845_Schopenhauer_142_43.txt

unsäglich bebende Angst meiner Seele; ich wusste, er war, von dem Brausen der Lawinen erschreckt, in irgend eine verschneite Tiefe getreten, im Fallen vom Schnee überdeckt; ich wusste es gewiss, klar und deutlich, wie ich meines Lebens mir bewusst bin. Ich flog den Uebrigen voran, bis ich nicht mehr konnte, da nahm mich Jacquelin auf den Arm und kletterte mit mir über die Eisblöcke hin, um den Platz schneller zu erreichen.

In den Spalten lag viel lockerer Schnee, er musste kürzlich erst als Ball herabgekollert und durch die Schwere seiner eigenen Wucht geplatzt sein. Lange konnten wir nichts entdecken; ein Riss sah aus wie der andere. Ich kroch auf Händen und Füssen bis an die äussersten Ränder. Nein, Gottes Barmherzigkeit wird es nicht zugeben, dass mein Gedächtniss fehle! Es muss da sein! Jetzt erst gewahrte ich etwas in dem tiefblauen Spalt, es schimmerte rot, es war das Futter seines Mantels. Ich sah hinab, dass mir die Augäpfel schier verglasten: es regte sich nicht! Was ich von da an getan, weiss ich nicht; sie hatten Hacken, Schaufeln, Stricke geholt; wie Jacquelin hinabgestiegen, wie sie ihn heraufgewunden, ich weiss es nicht. Ich war die Erste, fuhr sie nach einer Pause fort, die seine Hand ergriff, als er nun vor uns auf dem Eise lag; sie war noch warm. Nach einigen Secunden schlug er die Augen auf underkannte mich.

Das Andre weiss ich, du herzig Mädchen! rief Leontine, indem sie dem Vrenely mit tränenüberströmtem Gesicht in die arme fiel. Ich weiss, wie du, als er heraufgezogen ward, immer noch besonnen jede Handreichung tatest; ich weiss, wie du voranliefst mit grösster Gefahr und den alten Mann holtest, der ihn verband und seinen Arm schiente, wie du die ganze Nacht bei ihm wachtest, bis endlich am Morgen Duguet kam und euch alles Nötige brachte, noch eh' dein Bote abgegangen. O Vrenely! rief sie immer heftiger weinend, jetzt muss er dein werden! Verlörst du ihn jetzt, du müsstest ja daran sterben!

Jetzt? O nein! sagte kopfschüttelnd das Mädchen, das Vrenely hat ja nun ein Glück für's ganze Leben! O fräulein, fräulein! fühlen Sie es denn nicht? Ich, ich habe ihn gerettet! Wenn er nun fort durch die Welt zieht, setzte sie träumerisch und tiefernst hinzu, in weit, weit entlegene fremde Länder und alle die grossen Studien und Entdeckungen macht, von denen er manchmal so schön sprach, und wenn er immer berühmter wird und allen Menschen ein Gottessegendas Vrenely hat ihm ja das Leben erhalten, mit dem er das alles tut! – Undsie errötete tief und schlug die Augen niederjetzt schäme ich mich auch gar nicht mehr, dass Sieund er, und so viel andre Leute es wissen, dass ich ihn so lieb habe, ihm so ganz unaussprechlich gut bin, wie gar keinem andern Mann auf Erden; denn sehen Siesie heftete den klaren blick auf Leontinendas Vrenely will ja nun gar nichts weiter in der Welt. Darum lassen Sie ihn nur ruhig seine Strasse ziehen, und wenn er auch das arme Schweizermaidly oft Jahrelang vergisst, manchmal wird er doch daran denken. Das ist mein Segen bis an den Tod.

Mit immer gleich heiterer Kraft stand das Mädchen Annen bei, als Otto nun schwer erkrankte. Mit unerschütterlicher Ausdauer pflegten ihn die Frauen, dazwischen musste Vrenely noch für den alten Vater sorgen und im Institut ihre Stunden geben. Otto's Zustand blieb mehre Tage bedenklich, er hatte eine starke Contusion am Hinterkopf und man fürchtete eine Hirnentzündung. Es war graulich, mit welcher wirbelnden Hast die Gedanken in seinem kopf sich drängten, welch entsetzliche Lebendigkeit und Unruhe aus allen seinen Zügen sprach. Oft rief er halbe Stunden lang Anna's Namen.

Vrenely sass still neben ihm, ihre Hand reichte ihm den kühlenden Trank und ihr liebes Gesicht behielt den freundlichen gütigen Ausdruck; keine Träne trat in ihr Auge, das, nur jedes seiner kleinen Bedürfnisse zu entdecken bemüht, für nichts Anderes einen blick hatte.

Allmälig legte sich der nervöse Zustand, er kam zur Besinnung, zur Erinnerung dessen, was geschehen. Als er kräftiger ward und die Frauen ihn mitunter ein paar Stunden lang sich oder Sophiens geübter Pflege überliessen, sass Gottard viel bei ihm. Die beiden jungen Männer kamen einander näher und ein Bandtiefer gegenseitiger achtung schlang sich um beider Seelen. Lieben konnte Otto Gottard nicht, er war ihm nur dankbar. Das Herz hat Fühlfäden, die unendlich weiter reichen, als das erkennen des klarsten Geistes.

Als Otto wieder auf zu sein vermochte, liess er sich von Duguet zu Annen geleiten. Mit welcher Freude flog sie ihm entgegen! wie sorgsam rückte sie dem Freunde den Sessel in den jetzt selten gewordenen Sonnenstrahl! Wie suchte sie, gleich einer liebenden Schwester, ihm alles recht bequem zu machen! Sie war überglücklich, dass er lebe und genese. Otto sah sie mit unaussprechlich inniger Wehmut an, dann reichte er ihr die Hand: Ach! sagte er, du meinst es gut, unendlich gut, und doch, Anna, wie weh' – er vollendete nicht.

Wunderlich verschieden schien Otto's Leiden auf die drei Freundinnen gewirkt zu haben, was sich am deutlichsten in der Art ihrer Krankenwartung aussprach. Leontine war an fast geister- oder elfenstiller Pflege