sei, wusste sie nicht, nicht einmal, dass er tages vorher nach Bern gekommen.
Jetzt trat ein Fuhrmann aus Wengern mit an den Schenktisch; sie kannte den Seppi. Es führt ein gefahrloser Weg von einem Tal ins andere, der Gebirgspfad ist der bereits erwähnte über die grosse Scheideck hin.
Der Fuhrmann war im Begriff, mit seinen Karren abzufahren. Vrenely schmeichelte dem oheim die erlaubnis ab, die gelegenheit benutzen zu dürfen, um eine Bekannte in Grindelwald zu überraschen, sie wolle zeitig wieder zu Lauterbrunn eintreffen, versprach sie. Der alte Mann hatte noch gar nicht einmal Zeit gehabt, sich auf das Ja oder Nein zu besinnen, so sass sie schon auf dem Wägelchen, neben dem Seppi und rollte mit ihm das Tal entlang.
Als sie in die Weitung desselben kamen, begegneten ihnen Bauern und Hirten, die auch von den Fremden erzählten, die wirklich schon seit mehren Stunden aufgebrochen und dem Eismeer zugewandert wären.
Unter einem Vorwande stieg das Mädchen am ersten haus des Grindelwalds ab, in ihrer Seele hatte plötzlich die sorge eine feste Gestalt bekommen, sie war Ahnung, ja fast Gewissheit eines drohenden Unglücks geworden. Es war grimmig kalt, obschon die Luft jetzt heiterer war, sie wickelte sich fest in ihr Mäntelchen und eilte querfeldein einem Sennbuben zu, der jetzt im Tal auf der Herbstweide das Vieh hüten half. Der Knabe war halb blödsinnig; sie hatte ihn oft beschenkt, und er war ihr mit grosser Neigung zugetan. Diesen holte sie jetzt und beredete ihn mit ihr hinauf nach dem untern Gletscher zu gehen, es mochte eine Stunde weges sein.
Lange sahen sie nichts von den Fremden, endlich bei einer Wegkrümmung gewahrten sie hoch über sich am Schneegebirg schwarze, sich fortbewegende Punkte; sie schienen nach dem oberen Gletscher sich hinzuziehen. Aber der Wind hatte sich heftig erhoben hier in der Höhe und wehte ihr den Schnee, der noch ganz weich und flockig in den Aarfen und Fichten hing, wie einen Schleier in's Gesicht; noch immer vermochte sie nichts zu unterscheiden. Sie eilten weiter. Wo der obere Weg an die Gebirgsschlucht führt, sah sie von Neuem die dunkeln Gestalten.
Herr, mein Gott! fuhr das Vrenely fort, dort oben lag schon allentalben fusshoher fester Schnee, und seitwärts an der Alp rollten donnernd Lawinen hinab in den Bach und in die Enge; bald sah ich die Wanderer, bald sah ich sie wieder nicht. Mit der Gletschermessung wird es heute nichts! dachte ich in meinem Herzen. Ob er nur dabei ist? Es hatte mir Niemand die Namen der Fremden nennen können, und keiner von allen, denen ich begegnet, hatte sie mir zu beschreiben vermocht. Die kalte Bergluft versetzte mir den Atem und den Friedli fror und er wollte nicht weiter mit. Ich gab ihm alles Geld, was ich bei mir hatte, und lockte es dem Bübeli ab, dass wir noch fortstiegen. Jetzt sah ich die Männer wieder, aber seitwärts, hoch über uns und weit; sie gingen sichtlich nach dem zweiten, dem Obergletscher. Scharf zeichneten sich ihre Gestalten gegen die hellgraue Schneeluft ab, dem Einen fiel im Gehen der Mantel von der Schulter, er haschte mit der Hand darnach. Mein Jesus! das war er, an der Bewegung hatte ich ihn erkannt.
Das Herz stand mir still vor Scham, was sollte ich nun sagen, wenn sie das Unternehmen aufgaben, das nicht gelingen konnte bei dem Wetter, und wenn sie herunterkamen und mich da fanden?
Schrillend scharf pfiff der Wind, grell wie ein Nachtvogelschrei. Der Schnee wirbelte immer dichter um mich her, ich musste gar die Augen schliessen, und dennoch litt mich's nicht, umzukehren. Als ich wieder aufblinzle, steht er ganz allein am Bergrand, und ich sehe keinen der Andern mehr um ihn, und wie ich beklommen scharf und schärfer hinüberschaue, kommt es weiss und schwer die Alpe heruntergerollt, zwei, drei kleine Lawinen zugleich stürzen tobend neben ihm und uns in die Talschluchten. Die Gletscher konnte keine derselben treffen, ich fühlte es an der Windspur, und doch sträubte mir die Angst das Haar. Plötzlich fragt' ich mich selbst: Wo ist er hin? Ich sehe ihn nicht mehr. Da riss es mich vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt; ich sprang, ich lief, das Friedli konnte nicht nach. Nun war ich oben an dem Gletschermeer. Es klang herüber wie fernes Rufen; weiter noch gewahrte ich die Führer, sie gingen eilig hin und wieder, sie suchten, sie riefen. O, es war sein Name, den ich hörte!
Ich hab' ein scharfes auge', wie ein Falkenblick hielt es die Spitze fest, auf der ich ihn zuletzt gesehen. Immer ängstlicher rannten die Führer auf der Höhe an mir vorüber, indem sie rückwärts schrien, es könne ihn keine Lawine erreicht haben, und endlos seinen Namen wiederholten; aber all ihr Umherlugen war umsonst, er blieb verschwunden. Ich, ich weiss, wo er ist! kreische ich auf, mit einer Gewalt, dass mir fast das Herz in der Brust zerspringt, ich habe ihn gesehen! und springe auf den Gletscher und packe den Führer am Arm und reisse ihn fort mit mir – es war der Jacquelin, ich kannt' ihn wohl. Er ist in einen Eisspalt gefallen; und der mir nach und alle Andern hinterdrein. Es fragt keiner, es zögert keiner, ich reisse sie mit mir fort, durch die