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auch eine Flasche Wein in das Wägelchensie musste doch wohl auch an ein mögliches Unglück glauben. Endlich schleppte sie noch einen alten Pelz ihres Herrn herbei. Duguet nahm ihn nicht um, er legte ihn, sorgsam gefaltet auf den Sitz; augenscheinlich bestimmten ihn die wackern Leute für Otto. Kalte Tränen rollten über Anna's bleiche Wangen, als Sophie vorsichtig das Tor öffnete und der Char-a-banc aus dem hof fuhr, leise, leise, um sie nicht zu wecken. Sie trat zurück, als der alte treue Diener schon im Abfahren den blick noch einmal ihrem Fenster zuwandte; sie wollte seinem so ergebenen Eifer kein Mislingen zeigen, und aus der weit entlegenen Zeit ihrer Kindheit flog zauberschnell ein Bild ihrer Seele vorüber, wie Duguet nach dem allerersten Abschiedsleid in seinen Armen sie nach haus getragen, als wolle er mit ihr dem Schmerz entlaufen.

Beim Frühstück fand Anna Leontinen fast noch besorgter, als sie selbst war. Gottard liess um erlaubnis bitten, einen Augenblick zu den Damen herüberzukommen; sie ward ihm gern gewährt; man ist so ungern allein, wenn man sich fürchtet. Gottard trat in seinem mit Pelz gefütterten Jagdrock ein; er näherte sich der Gräfin mit der Frage, ob sie ihm gestatten wolle, eines der im Stalle befindlichen Pferde zu benutzen, um nach Grindelwald zu reiten. Anna sagte ihm, Duguet sei bereits hin, sie nehme indessen sein Anerbieten an, da jener der Sprache nicht mächtig. Wenige Minuten später hörte sie das Pferd vorübertraben.

Und nun begann von Neuem und in immer sich steigerndem Grade die Seelenmarter des Wartens. Diese Qual der FrauenMänner kennen sie nicht, sie werden zornig, sie laufen fort, sie handeln, sie zertrümmern sogarFrauen müssen warten! Ach, wüssten Männer, was es ist, für so ein armes gequältes Frauenherz, zu warten, sie würden diese trostlose Pein nicht so oft über uns verhängen! – Mich dünkt, ich würde dem Himmel entsagen, wenn ich ihn lange, lange erwarten solltewenigstens bedürfen unsere Seelen keines Fegfeuers. Das Warten der Liebenden auf den Geliebten, der Gattin auf den Gatten, der Mutter auf den nicht heimkehrenden Sohndies Uebermass tausendgestaltiger Angst mag wohl als unser Fegfeuer schon auf Erden gelten.

Gegen Abend zog der Lärm vieler Schritte auf dem Steinpflaster und das dumpfe Gemurmel leiser Menschenstimmen von der Gasse heraufsie kommen! Langsam, Schritt vor Schritt, nahte der Char-a-banc, Gottard ritt daneben, mit angestrengter Kraft hielt die eine Hand sein Pferd zurück, die andere wehte grüssend mit dem Tuch; augenscheinlich traute er sich des Geräusches wegen nicht, Trab zu reiten.

Im Wagen lag Otto, ob tot, ob verwundet, liess sich nicht unterscheiden. Vrenely und Duguet hielten ihn stützend in ihren Armen.

Gott sei Dank, er lebt! rief Leontine, ich sehe es Herrn Gottard an.

Anna war bereits unten am Tore, Gottard stand vor ihr. Ja, er lebt! aber er ist verwundet, doch hoffe ich, nicht gefährlich.

Ohne weitere Worte schlossen sich beide dem nach der Treppe hingewandten zug an. Vrenely hatte fortwährend des betäubten, wie es schien, bewusstlosen, Otto Haupt auf ihrer Schulter und trug mit, mutig und fest wie ein Mann. Das Tuch, das sie im Wagen über den Kopf genommen gehabt, war zurückgesunken, in reicher Fülle fielen ihre dunkeln Locken und Flechten über Hals und Achsel und umschleierten ihr und Otto's bleiches Gesicht; sie sah aus wie eine Mater dolorosa.

Otto ward auf ein Ruhebett in einem an den Salon stossenden Zimmer gelegt; Anna hatte schon einen Wundarzt rufen lassen. Mit unhörbar leisen Bewegungen trug Leontine alles herbei, was zu des Kranken Pflege dienen konnte. Sophie, früh an solche Scenen gewöhnt, bereitete still dem Wundarzt das Nötige zum neuen Verbande; Duguet hatte ihr gesagt, dass Otto den Arm zwei Mal gebrochen.

So erwachte, nach einem leichten Aderlass, der so lange Jahre Vereinsamte, rings von liebenden, sorgenden Blicken umgeben, fast wie zu einem schmerzlichen Glück; keiner hatte ihn aus den Augen verlieren wollen. Anna! war sein erster laut; als er sie neben sich sah, reichte er ihr die Hand und sank lächelnd, aber erschöpft zurück in die stützenden Kissen.

Allmälig langten nun auch die übrigen Naturforscher an, mit denen er die verunglückte Expedition unternommen. Alle waren ihm besorgt und voll warmer Teilnahme gefolgt, und einstimmig nannten alle das Vrenely seine Retterin. Erst jetzt fiel den Hausbewohnern ihre Gegenwart auf.

Lauterbrunn, Grindelwald und das Haslital liegen nahe bei einander, nur die grosse und kleine Scheideck trennen sie. Am Tage, ehe die Gletscheruntersuchung vorgenommen werden sollte, hatte das Vrenely ihren Herrn oheim, den gewesenen Landammann, nach Lauterbrunn begleiten müssen, wohin ihn ein Geschäft berief.

Im Gastof hörten sie noch Abends vom Unternehmen einiger fremden Herren, die am nächsten Morgen gar die Gletscher auszumessen gedächten. Auch dort ward das Wagstück vielfach getadelt; ein alter Hirt zeigte sich besonders bedenklich, er war den Weg über die Wenger Alp und Scheideck herabgekommen, und sagte, Wind und Wetter seien drüben gar wüst; auch erzählte er eine Menge schauerlicher Unglücksfälle, die bei derlei tollen Wagstücken sich ereignet.

Nach Grindelwald zu habe es schwer geschneit, meinten andere, es werde sich wohl kaum ein Führer finden nach so böser Nacht.

Das Mädchen überkam eine dunkle, namenlose Angst. Ob er dabei