1845_Schopenhauer_142_40.txt

und Breslau; in den Ferien besuchte ich Frankreich, Belgien, Oberitalien. Ich bin sogar einmal auf kurze Zeit in England gewesen. Der bekannte und geehrte Präsident Hellemon, meines Vaters Freund und mein Pate, leitete meine ersten Schritte in das öffentliche Leben. Ich verdanke ihm viel, doch wollte er mir eine meinem Wesen fremdartige Richtung geben. Meine Eltern hatte ich verloren, ich konnte mich nicht entschliessen, in seiner Hand das Instrument seiner Zwecke, sein geschöpf zu werden. Ich riss mich los. – Im Jahre 1817 hatte mich ein günstiges Ungefähr in die Nähe des Fürsten gebracht, der damals die Rheinprovinzen durchreiste. Hellemon stellte mich ihm vor; später hatte er ihm arbeiten von mir gezeigt, mich ihm empfohlen. Mir ward dessen Gunst auf eine noch unverdiente Weise. Das Uebrige, gnädige Gräfin, ist Ihnen bekannt.

Aber wie konnten Sie, wenn Ihrer Familie Mittel beschränkt waren, so bedeutende Reisen machen?

Klima, Boden und Jugendkraft begünstigten mich, ich arbeitete mich durch, ich gab sogar an kleinen Orten ein paar Mal Concerte, wo ich länger blieb, Musikstunden, ich schrieb ab, ich behalf mich. Kurz, ich habe die erwähnten Länder in interessanten und bedeutenden Momenten gesehen und wollte, da meine Studien vollendet, eben nach Spanien, als der Krieg von Neuem das unglückselige Land überzog.

Auf dem Rückwege traf ich den Fürsten in Karlsruhe, er concentrirte für den Augenblick meine Kraft, er gab mir Beschäftigungund öffnete mir Ihr Haus.

Ein jubelndes frisches Kindergelächter unterbrach, von der Treppe herauf schallend, das ernste Gespräch. Leontine, die wie halb schlummernd in ihre eigenen Gedanken und Träume versunken still gesessen, fuhr auf und lief den Kleinen entgegen, die mit grossem Eifer ihr Zuspätkommen entschuldigten, ma bonne habe sie weit, weit auf die Bastei spazieren geführt, um die Alpen zu sehen.

Und, fuhr der Aeltere fort, mit den tiefblauen Augen seiner Mutter an Gottard hinauf sehend, wenn du nur mit oben gewesen wärest, die Leute sagen, dass Lawinen gefallen sindeine ganze Menge. Denke nur, du hättest sie uns gezeigt. Die Berge brauen, sagte der alte Senne unten am Tor, und das sei so rechtes Lawinenwetter, da fielen sie dutzendweise in's Tal. Wärst du nur mitgegangen, lieber Herr Gottard!

Mein Gott! rief Leontine, plötzlich aufgeschreckt, und unsre Gletscher-Reisenden? – Reicht das Wetter wohl so weit?

Das wäre entsetzlich!

Gottard gestand, ihm fehle genaue Kenntniss der Wetterscheiden und der ganzen Wettergestaltung im Hochgebirg. Gleich nach der Stunde, die ohnehin heute im blossen erklären einiger naturgeschichtlichen Gegenstände bestehe, wolle er selbst zum Sennen gehen und ihn befragen. Die Kinder zogen ihn fort.

Gegen Mittag, noch ehe Gottard wiederkehrte, kam Besuch aus der Stadt und sogleich war von Lawinen die Rede, die hier nahe an Bern selbst gefahrlos und ganz unbedeutend wären, im Oberlande aber sehr gefährlich.

Es sei gar toll, meinten einige Herren, in solchem Wetter Excursionen in's Gebirg zu wagen, es heisse, Gott versuchen. Und wiederum ward die ganze Gletschermessung als unnütz, als törichte Spielerei gescholten, denn die Unwissenheit reibt sich ja so gern an ihr unverständlichem wissenschaftlichen Streben.

Auf den Seen brause der Föhn, hiess es weiter, und die Luft hange weit und breit voll Schnee; so wie es windstill werde, würde sich's in massen niedersenken.

Gnad' ihnen Gott und behüte sie! sagte eine junge freundliche Frau. So ein Herr aus der Fremde denkt sich einen sächsischen oder bairischen Winter zu finden; bei uns aber beginnt er zeitig, und ist gar hart und scharf. Und wir haben den zweiten November, es wäre kein Wunder, hingen die Eiszäpfli schon am Dächli ümme.

Annen starrte das Herz in der Brust. Leontine fertigte leise Duguet ab, und dann noch einen zweiten Diener, sie sollten sich beide erkundigen, ob man von irgend einem Unfall oder Unwetter im Oberlande gehört. Es war nichts zu erfahren.

Der Tag verging, der Abend kam. Sie begannen zu warten, zu horchen auf jeden laut, auf den Schritt in der Gasse, auf das Oeffnen der Haustür; es kam Niemand. Die Kleinen hatten etwas von der Unruhe gemerkt, sie fragten alle Augenblicke, ob denn Onkel Otto nicht komme, den sie noch gar nicht gesehen und der ihnen immer etwas mitbrächte und sie auf seinem fuss tanzen oder fliegen liess.

Die Nacht brach ein. Die alte Turmuhr schlug Stunde um Stunde so bleischwer langsam, es kam Niemand. Die unter den Häusern hinlaufenden Arcaden, in denen tages hindurch ein fast südlich reges Leben sich bewegte, wurden öde. Schon waren längst alle Läden und Werkstätten geschlossen, die Lichter erloschen nach und nach die ganze Gasse entlang, es ward so todeseinsam. Anna hörte ihr eigenes Herz schlagen mit peinlicher Gewalt, sonst nichts, gar nichts.

Vergebens suchte sie das Törichte, Kindische ihrer Angst sich einzureden; es überwältigte sie wieder und wieder.

Gegen Morgen hörte sie ein Pferd aus dem Stalle ziehen. Sie flog an's Fenster; es war Duguet, er hatte sich vom Nachbar einen Char-a-banc geliehen, dem er jetzt heimlich ein Pferd einspannte. Er vermochte es nicht, die Angst seiner jungen Gebieterin so untätig zu ertragen. Sophie stand mit einer Laterne im Hof und leuchtete ihm; dann packte sie ein und steckte eine Menge kleiner Paquete,