1845_Schopenhauer_142_4.txt

die Kleinen zu hüten gegeben, weil die Amme Kinderzeug wusch. Der Vater war wieder auf dem Einquartierungsbureau. Anna erzählte den Geschwistern, als sie nebenan den Major sehr lustig lachen und singen hörte. Leise schlich sie hinzudie Tür war bloss angelehntnoch leiser schob die kleine Hand sie zurück.

Aber, Monsieur Major! was machst du denn mit der Mutter Shawl? und die Kette! und die weissen SpitzenMutter! Mutter! brach das arme Kind in lautes Weinen aus.

Die Mutter kam und blieb versteinert an der Schwelle stehen. Der Major liess sich nichts anfechten. Das wird meiner kleinen Freundin Spass machen! sagte er; und die Herrlichkeiten verschwanden in seinen Mantelsack.

Die arme Bürgermeisterin nahm ihr schluchzendes Kind in die arme und beschwichtigte es mit Küssen; sie konnte nicht redenkaum ein Seufzer entglitt den zitternden Lippen; es war ihr zu Mut, als sei sie nirgend mehr sicher in der Welt. Anna aber riss sich los: Böser Major, rief sie französisch aus, das gehört meiner Mutter! und streckte die Hand nach den verlornen Schätzen aus.

Ah, kleiner Naseweis! Was geht's dich an? schrie ihr der Major entgegen. Dich soll ja – – Eh noch die zagende Mutter das Kind an sich zu reissen vermochte, hatte es Monsieur August auf den Arm genommen und tänzelte mit ihm zur tür hinaus.

Nun, nun, mein Herzchen, stille! ich gebe dir etwas anderes. Da! sagte er, indem er sie niedersetzte und von einer Schnur, die er um den Hals trug, eine goldne Berlocke löste, die er ihr gab. Bah! nimm sie nur! Sie ist mit vollem Rechte mein! Der sie getragen, liegt auf dem feld der Ehren! Nimm, nimm! und zur Mutter gewendet, fuhr er plötzlich ganz leise fort: Ah! nix sag, Madame! Monsieur le Major bös! bös! dazu machte er eine erklärende sprudelnd heftige Bewegung und war fort, ehe noch die Rätin vom Schreck sich erholte.

Mutter und Kind weinten. Anna hielt die Berlocke an's Licht. Mutter, Mutter! ob er die auch andern Leuten genommen hat? und die Kleine wollte hinaus, sie ihm wiederzugeben, aber Monsieur August war nirgends zu finden.

Als am Abend der Vater heim kam und die Mutter ihm den Unfall klagte, war auch der Major über alle Berge.

Anna hatte die Berlocke behalten; es war ein zierliches Postörnchen von Gold, eine der damaligen Modespielereien, die man häufig an der Uhr trug; sie hatte fest beschlossen, sie Monsieur August zurückzugeben, wenn er wiederkäme, und sie deshalb an einem Bändchen um den Hals gehängt. Das Kind konnte sich gar nicht denken, dass man auf immer fortgehen, immer fortbleiben könne; sie hatte nie an Reisen oder Abschied gedacht. Leontine war viel weniger entwickelt, als ihre kleine Freundin; die äussern Erlebnisse zogen noch wie Guckkastenbilder an ihrer Seele vorüber. Sie erzählte, dass jetzt alle Abende eine Menge Offiziere zur Mama, Tee zu trinken, kämen, und dass Madame Sophie ihn im Gesellschaftszimmer bereiten müsse. Und die alte fräulein Wallstädt von oben kommt auch, schloss sie. Aber wo ist denn dein Vater? fragte Anna. Der sitzt noch im Dachstübchen, er kommt nicht und Mama hat mir streng verboten, von ihm zu reden. Und Duguet? O, Duguet soll sich gar nicht sehen lassen, versicherte die Kleine. Sophie hat gesagt, die Franzosen würden ihr ihn gleich wegnehmen, wenn sie ihn fänden, weil er auch ein Franzose sei. Kurios, sagte Anna, daran habe ich noch nie gedacht! So? fuhr Leontine altklug fort; sie sagt, er müsste dann Soldat beim Kaiser werden, und dann hätte sie keinen Mann mehr! Lieber Waldau, ich bin's, sagte flüsternd eine weiche stimme und ein leiser Finger klopfte an die Tür des Dachstübchens.

Wie lange, liebes Kind, willst du mich eigentlich hier gefangen halten? sagte Waldau, der Eintretenden herzlich die Hand bietend. Mich dünken die Gefahren dort unten für dich weit grösser, als die mich bedrohenden.

Nicht im mindesten, erwiderte sie lachend, es sei denn, dass du für mein Herz fürchtest; denn allerdings muss ich, inmitten all der Angst und Unruhe, die liebenswürdige Wirtin machen und alle Abend fünf bis sechs Offiziere bei mir sehen, die mir unsre Einquartierung zuschleppt, und sehr schöne Leute obendrein!

O Josephine! seufzte Waldau, die Hand über die Augen legend, welch eine furchtbare Zeit! Dich unter den Feinden, den rohen Scherzen den Bravaden dieser Schergen unsers Vaterlandes ausgesetztund mich hier, im Dachkämmerchen, versteckt, wie einen Feigling, wie einen Hospitalkranken, Aussätzigen oder Narren!

Und bist du etwa nicht krank, Waldau?

O ja, an meinen sechsundsechzig Jahren und den tausend Erfahrungen, die sie mir aufgewälzt! – Aber hast du denn nun ordentlich warm zu Mittag gegessen, Kind?

Und ein wenig närrisch bist du auch, lieber Freund, fuhr sie, die Frage überhörend, fort. Deine Koblenzer Torheit, die jugendliche Excentricität, die dich antrieb, dich als Beschützer der Emigranten auszusprechen, hat wie die meisten Kinderkrankheiten späte und böse Folgen hinterlassen.

Josephine! ich war damals ein M a n n ! Als ich nach Paris kamdoch, unterbrach er sich selbst, lassen wir das!

Wenn die gute alte Wallstädt,