1845_Schopenhauer_142_36.txt

ragion intende subito amore non è! Mit fünfundzwanzig Jahren ist man viel zu alt zum Lieben, nicht wahr?

Sollte Gottard lieben? Aber wen? Lange sann Anna schweigend nach, nicht die leiseste Aeusserung hatte jemals Leontinens Vermutung bestätigt. Aber warum arbeitete er denn so rastlos? Ihr fielen die Volksbewegungen der letzten Jahre in Spanien, Portugal und Brasilien ein; was konnte er mit ihnen allen zu schaffen haben? In Deutschland war ja alles ruhig. Und dennoch, sollte er irgend einer geheimen politischen Verbindung angehörenunmöglich, das glich ihm nicht. Zum ersten Male dachte sie daran, dass sie ihn nie nach seinem vaterland gefragt. Ein Deutscher war er, obschon er mehre Sprachen mit gleicher Fertigkeit sprach, das schien ihr gewiss. Kann man zugleich so ganz einfach und dennoch so rätselhaft sein? dachte sie. Sie sprach ihre Gedanken nicht wieder gegen Leontine aus. Duguet räumte den Salon auf, Leontine wollte tanzen heute Abend, auch ohne Ball, lieber nach dem Klavier als gar nicht. Eine kleine Gesellschaft war dazu eingeladen. Jetzt war er fertig, er sah sich ein paar Mal um, dann zog er ein gefaltetes Blatt aus der tasche, das er, an's Fenster tretend, zwischen den Fingern hin und her schob und in den hellen Sonnenstrahl hielt.

Mais – c'est malhonnête ce que tu fais ! sagte mit einem Male Madame Sophie. Als er seine Frau gewahrte, steckte Duguet das Blättchen eines war ein versiegelter Briefund begann ganz tapfer Marlborough s'en va-t-en guerre zu singen, was bei ihm das entschiedene Zeichen eines grossen inneren Triumphs war. Zugleich rückte er Tische und Stühle zurecht und stäubte sie auf schon erwähnte Weise mit dem Tuch, den Takt schlagend, ab. Sophien sah er gar nicht an, er war auf dem höchsten Gipfel seines Hochmuts.

Mais je dis que c'est malhonnête ce que tu fais !

Hein? fragte er.

Was hattest du denn für ein Papier? fuhr sie fort.

Hein? qu'est-ce? fragte er, immer heftiger um sich schlagend. Aha, si! eine Rechnung vom Herrn.

Die man nur auf der Rückseite lesen kann, wenn man sie in die Sonne hält?

Er schwieg und ordnete mit wachsender Hast die Sessel.

Es ist eine Indiscretion! Gib mir das Papier! bat sie dringend.

Diable! sagte er, comme tu y vas! was geht dich's an!

Gib mir das Blatt, Duguet! ich weiss, was es ist.

Hoho! Du weisst, was es ist? Ich will es nicht hoffen! Meine Frau, meine Frau will wissen, was ein Papier entält, das unsre ganze Familiedas heisst, unsre herrschaft, in Not und Schande bringen kann! Sacre bleu! und wie sie mir das ganz ehrlich und unschuldig, mir nichts, dir nichts, so hinsagt! Wie kannst du so etwas von dir sagen? Und mir? m i r von d i r ? hein? Begütigend fuhr er fort: Allons, allons, ne te fàche pas! Ich weiss schon, es ist dir nur so entfahren! Nichts auf der Welt weisst du von diesem Gott vermaledeiten Wisch, es geht dich nichts an, das verfluchte Papier!

Duguet, willst du mir das Papier geben?

Nein!

Ich bitte dich um Gottes willen, Duguet, gib mir das Papier! Du weisst nicht, was du tust.

Sophie zitterte an allen Gliedern.

Diable! sagte nochmals Duguet, sie von Kopf zu Fuss mit den Augen messend, und woher weisst denn du den Inhalt eines versiegelten Blattes?

Weil ichich kann, ich darf es dir nicht sagen; aber bei allem, was dir heilig ist, beschwöre ich dich, schweige und gib es mir!

Schweigen? Ich? Schweigen, wenn es die Ehre, den Namen, das Blut meines Herrn gilt? Was geht mich der Narr an, der jetztWeib, mach mich nicht rasend! Ich darf gar nicht daran denken, es reisst mir das Herz aus dem leib. – Da, da ist dein verfluchtes Papier; ich will es nicht lesen, aber nicht du, nicht sie, Niemand soll's lesen. Und du sollst sehen, schloss er immer drohender und wilder, dass ich alles vereiteln werde. O, mein Herr! mein armer Herr! Mit Händen und Zähnen riss er das Papier in tausend kleine Stückchen und warf es in die Kohlen des Kamins.

Nach Atem ringend, stand Sophie vor ihm und sah zu, wie das Feuer den Brief verzehrte, während Duguet, die geballten hände vor den Augen, hinauseilte. Als die tür heftig dröhnend hinter ihm zugeworfen war, blieb sie noch eine Weile, gespannt horchend, regungslos stehen, seine Schritte verhallten endlich auf dem Corridor; ja, er war fort. Sie sammelte die letzten am Kaminrande herumliegenden Papierfetzen und warf sie den andern nach in die Kohlenglut. Gott sei Dank! er hat nichts gelesen! Tief aufatmend, als sei eine Riesenlast ihr entnommen, verliess Sophie den Salon. Es war ein schöner, aber kalter Herbstabend; die Gesellschaft hatte sich entfernt, es war Niemand mehr im Saal, als die Hausgenossen und der alte kunstliebende Professor; das nämliche Kaminfeuer, das zum stillen Träger des Geheimnisses geworden, das Madame Sophie so bedrückte, hielt den kleinen