vielen blonden Johannes, Karls und Egons von Kronberg. Du wärst ihm eine züchtige, demütige Hausfrau geblieben – wie ich deren dort eine Menge kenne und liebe – hättest ihm aus langer Weile eine Reihe blühender Kinder geschenkt; kurz, es wäre bei deinem Charakter immer alles gegangen, nur hättest du nicht vorher dem Zweige der phantastisch kühnen Waldaus aufgepfropft werden müssen! In meinem Papa steckte noch die ganze französische Revolution – mir ist sie ins Blut übergegangen und siedet darin fort. Mama's Eltern waren respectable Philister, und Geiersperg ist ein tapfrer Ritter, den das Mittelalter aus versehen zurückgelassen hat, als es über die Erde schritt.
Du aber, armes Kind! in unserm haus, mitten unter allem erwachsen, was Deutschland an Geist, Anmut, Verstand und Witz zusammenbringen konnte, du sollst nun unsern guten, prächtigen Roderich beständig leiten und schieben, und zwar so fein, dass er's selber nicht merkt! Du sollst dem in seiner Art ehrenwerten, sehr aristokratischen Edelmanne eine elegante, ebenso aristokratische Gefährtin sein, pas plus! denn das Uebrige ist vom Uebel – du mit deinem Koturnen-Charakter, du, die für ein geliebtes Herz zu sterben vermöchte!
Leontine, ich hoffe, ich kann auch für dasselbe leben.
Wahrhaftig ja, das kannst du! Du bist eine gute Frau, eine vortreffliche Mutter, du bist ein Stern der Gesellschaft, der oft ihre Existenz bedingt und beherrscht. Anna, weisst du, wenn du im weissen Atlaskleide durch unsre Hofsäle rauschest, so kann ich, weiss Gott! nie recht begreifen, dass man nicht "Ihre Majestät" zu dir sagt, und vergesse immer wieder, dass mein guter, dummer Onkel Gesandter geworden ist, um dich an den Hof zu bringen.
Ja, sagte Anna lachend, warum hat er auch eine Roturière geheiratet!
Siehst du, rief aufjauchzend Leontine, so himmlisch gut und gescheit hätte mir unter tausend Bürgerlichen nicht eine geantwortet! Das ist's ja eben, mein Kronjuwel, dass du ein geborner Prinz Regent, innerlich deiner eignen höchsten Vornehmheit dir bewusst bist. Darum ist man auch immer à son aise mit dir und kann dir alles sagen. Ach, ich wollte nur, ich hätte die Courage, dir auch etwas recht Schlechtes, recht Fatales von mir selbst zu sagen! Sie barg das Gesicht in den Händen.
Von dir? Bist du ein Falschmünzer geworden und hast uns betrogen?
A-peu-près! gelogen habe ich wirklich, 'pon honnour! sagt Lady Frederic, und das Schlimmste, schloss sie, aus ihrer Sophaecke aufspringend und in einem höchst aufgeregten Zustande zu Annen hinlaufend, das ganz Erschreckliche ist: ich lüge noch!
Was wird da herauskommen, dachte Anna, die irgend eine Narrensposse erwartete. Aber Leontine warf ihr beide arme um den Hals, küsste sie wiederholt und heftig, und zwei helle Tränen fielen auf Anna's Wange, die sie nicht selbst geweint. Tränen? Leontine, du? Mein Gott, was ist denn geschehen?
Morgen! Morgen! flüsterte die Schluchzende und eilte in ihr Cabinet, das sie hinter sich abschloss.
Aber der nächste Tag brachte nicht die gewünschte Erklärung; es kam nicht dazu. War es Absicht, war es Zufall? Anna konnte sich keine Rechenschaft darüber geben. Leontine schien heiterer als je, phantasirte den ganzen Tag von Bergfahrten, vom Gletschermeer, vom Grindelwald, und wollte, trotz dem Späterbst, noch überall hin, besonders lag ihr ein Ausflug nach Luzern zum Markt in Gedanken; sie hatte den Kopf voller Aeusserlichkeiten und Mutwillen.
Annen war dieser plötzliche Wechsel der Stimmung ihrer Freundin nicht fremd; sie kannte an dem wunderlichen Mädchen einen sie seltsam und stossweise überfallenden Hang zu philosophischem Grübeln, der zuweilen in fast skeptischen Unglauben ausartete. Leontine verdankte diese Richtung dem frühen, bei wiederholtem Aufentalt in Schlesien sich stets erneuenden Umgang mit einer sehr bigotten katolischen Familie, deren Hauskaplan ihrem kindischen Witze zum Stichblatt dienen musste. Der Eifer des alten Domine, sein Mangel an Kenntnissen, die groben Widersprüche, zu welchen seine beschränkten Religionsansichten ihn hinrissen, alle diese sich in katolischen Ländern oft ganz gefahrlos wiederholenden Zufälligkeiten, die den wirklich Frommen kaum berühren, reizten die junge Protestantin erst zum Widerspruch, dann zur Analyse, endlich zu gänzlichem Misverstehen des nur mit einfachem Sinne auf wohltuende Art zu Erfassenden.
In Berlin gewährte Geierspergs Bibliotek, die sie heimlich durchstöberte, dem noch an der Grenze der Kindheit stehenden Mädchen gelegenheit zu einer Art Controverse mit ihrer jungen Freundin, die auf Annen einen vorübergehenden, auf Leontinen einen dauernden Eindruck machte, der mit den Jahren tiefer ward, als ihr glänzender Scharfsinn sich entwickelte. Sie schrieb Annen lange, höchst geistreiche Briefe über solche Gegenstände, die diese sanft und völlig ruhig erwiderte.
Bei späterem Wiedersehen begann Anna durch den momentanen Unfrieden, in den sie die geliebte Zweiflerin verfallen sah, insgeheim zu leiden; ein längeres Beisammenleben hatte jedoch diesen ersten Eindruck längst gemildert. Wie oft hatte sie Leontinen tiefsinnig spottende, an Voltaire's Geist erinnernde Bemerkungen aussprechen gehört, wie oft aber auch in weicheren Augenblicken die heissen Reuetränen gesehen, die das liebenswürdige Wesen über die Unmöglichkeit vergoss, sich einen überzeugenden Glauben an die tröstlichen Verheissungen unserer Kirche anzueignen. Stunden lang konnte sie die Möglichkeit einer individuellen Fortdauer bestreiten und andere Male am Krankenlager alter Diener und Notleidender denselben durchdringenden Geist zur Erweckung des innigsten, reinsten Gottvertrauens anwenden. Dass dieser stete Wechsel eines unaufhörlich in sich bewegten Gemüts dem