1845_Schopenhauer_142_33.txt

war sie jetzt keineswegs.

Er ist abgereist! sagte sie fast tonlos. Schon? erwiderte Anna. Armes Herz! sie reichte Vrenely die Hand.

O, er wird wiederkommen! versicherte die Kleine; es ist nicht anders möglich. Bei den Worten flossen ihr die Tränen aus den Augen.

Leontine sah sie traurig an. Ach, Vrenely! Sie sind viel, viel zu gut. Wenn wir die Männer lieb haben, mishandeln sie uns. Kommen Sie, Kind, wir wollen Musik machen; lernen Sie von mir eine leichtfertige Seele sein, ich tauge gar zu nichts Anderem, als euch arme, weiche Gemüter zu rächen. Wir wollen die neuen Walzer einüben.

liebes fräulein, meine Augen sind trübe, ich habe die halbe Nacht hindurch geschrieben, seufzte Vrenely.

An Ihn? fragte unbesonnen Leontine.

Vrenely erglühte wie eine Rose. An wen? hauchte sie bebend hervor. An wen könnte ich wohl zu schreiben haben! Ich habe aus dem Englischen übersetzt; der Professor lernt es auch eben, und da hatte ich Lust bekommen und fing es vor Kurzem an.

Aus welchen Fäden die Liebe ihr Glück spinnt! flüsterte Leontine Annen zu. Aber ihre Lockungen zogen das Mädchen am Ende doch hinüber in den Saal, und ihre Gutmütigkeit gaukelte ihr so lange vor, bis sie heiterer gestimmt schien.

Gottard brachte einige von Annen gewünschte Bücher und Noten; er sah sehr ernst, fast trübe aus und erwähnte ebenfalls Otto's Abreise. Wir werden ihn alle vermissen, erwiderte Anna. Gottard antwortete nicht sogleich. Anna war dieses Schweigen gewohnt an ihm, er war einer von den still und besonnen immer nach der einmal innerlich angeschlagenen Richtung fortdenkenden Menschen; auch jetzt glaubte sie ihn mit irgend einem Vorschlag für der Kinder Unterricht beschäftigt. Basel ist sehr nahe, sagte er nach einer Weile. Sie sah erschreckt auf; dass Otto im Laufe des Semesters kommen könne, war ihr nicht eingefallen. Jetzt schien ihr seine Heiterkeit erklärlich. Leontine und Vrenely waren unterdessen in den Salon gegangen, Gottard war zum ersten Mal mit der Gräfin allein.

Es regte sich ein Gefühl des Unmuts und der Unzufriedenheit mit Otto in ihrer Brust, als habe er absichtlich sie getäuscht; sie arbeitete emsig an ihrer Tapisserie, ohne ein anderes Gespräch zu beginnen. Als folge Gottards blick wortlos dem zug ihrer Gedanken, fuhr er nach einer Pause fort: Und Sie, gnädige Gräfin, Sie finden es nicht natürlich, dass in unserer so streng und viel fordernden Zeit wir Männer einzelne glückliche Stunden fester zu ergreifen und zu halten streben, als die zarteren, vom Aussenleben minder hart behandelten Frauen? Wie lange Jahre hindurch bleiben wir nicht gezwungen, mit einem eilends errafften Genuss des Glücks Verlangen zu beschwichtigen, das die natur in jede Menschenbrust gelegt. Anna zählte ihre Stiche. Und gewiss, einem solchen Kreise nahen zu dürfen, in ihm vermisst zu werden, ist ein so grosses, seltenes Glück, dass ein Nachtritt es nicht zu teuer erkauft. Darum zweifle ich auch nicht, dass wir den Professor recht bald wieder hier begrüssen.

Ich habe geglaubt, der Weg sei weiter, sagte Anna etwas verlegen.

Gottard hatte bis dahin mit gesenkten Augen gesprochen, jetzt schlug er sie auf; sie fühlte sich mit diesem einen blick bis in ihr tiefstes Seelenleben durchschaut; rasch entschlossen, heftete sie den ihren fest auf ihn, er hatte ja kein Recht, in das von ihr Verschwiegene sich zu drängen; aber ihr Auge traf auf ein todtenbleiches Antlitz, dessen zitternde Lippen eine tiefe Gemütsbewegung verrieten.

Nach wenigen Secunden empfahl sich Gottard, um nach den Knaben zu sehen.

Anna blieb nachdenkend auf ihrem Stuhl sitzen. Worüber sann sie denn so seltsam ernst und tief? Sie fühlte sich gereizt, und doch war ihr, als müsse sie Gottard eine Art Aufklärung schuldig sein.

Ihm? dem Hofmeister meiner Kinder? fragte sie sich mit plötzlich erwachendem Stolz. Wie kann dieser Mensch es wagen, mich zu beurteilen, mich zu richten? Warum argwohnt er zwischen mir und Otto eine leidenschaftein verhältnis? – Aber tut er es denn wirklich?

Verstimmt schritt sie im Zimmer auf und nieder und entwarf allerlei Pläne, Gottard sich fern zu halten.

Weisst du, sagte jetzt Leontine, die unterdessen zurückgekommen, dass die Kleine trotz ihrem Liebesunglück glücklicher ist, als wir beide?

Wie so? fragte Anna zerstreut.

Du, mein Herz! fuhr Leontine fort, indem sie sich in eine Sophaecke warf, bist an einen vortrefflichen Mann verheiratet, dem du die unendliche Ehre erzeigst, seine Gemahlin zu sein. O still! still! Du wirst mir doch nicht von dem Glück sagen, dass wir dich in die reichsgräfliche Krone unsers Hauses gefasst, als deren besten Edelstein? Halte mich doch um Gottes willen nicht für miserabel, Anna! Dein Glück kenne ich innen und aussen, wie meine alten Handschuhe. Mein Oheim ist wirklich ein guter Mensch und ein echter Cavalier, er hat sogar eine Menge vorzüglicher Eigenschaften; unglücklich bleibt es indessen doch, dass gerade Er in eurer Ehe der Mann ist.

Leontine, du quälst mich!

Und ich möchte dich doch nur veranlassen, deine Stellung genauer zu überblicken, um sie etwas leichter zu nehmen.

Lass mich den einmal scharf bestimmten Weg so fortgehen, bat Anna.

Wahrhaftig, du hättest irgend einen meiner Cousins in Pommern, oder, wenn man dort nicht katolisch wäre, nach Westphalen hin heiraten sollen, so einen der