hin: Was für ein Glück das sein muss!
Leontine lachte. Das hab ich schön gemacht! sagte sie; ich dachte eine rechte Qual und Angst, sonst habe ich wahrhaftig schlecht geschildert.
Es ist ein grosses Talent, was Sie da haben, mein gnädiges fräulein, meinte der alte Professor. Haben Sie denn das alles erdacht?
O dear no! seufzte die Lady, das liebe Herz! Ich habe die Sage schon gehört, da ich noch in my green years und in green Erin war. Bei uns sind die Elfen den Familien durch zahllose Bande verknüpft und die Geschichten wachsen mit uns auf. Sie war ganz aufgeregt von ihren Erinnerungen. Aber, schloss sie, Kind! die Anwendung ist weder nationell, noch katolisch.
Gottard hatte bisher stumm dagesessen, nach einer Weile wandte er sich zu Anna. Es wäre ein Unermessliches, ein solches erkennen durch alle Lebensverwandlungen der Zeit hindurch, wenn es gegenseitig wäre und zwei kräftige Naturen vereinte.
Und glauben Sie wirklich, ein Mann wäre eines solchen festaltenden Glaubens fähig? fragte Anna.
Er sah sie durchdringend an. Ja, sagte er endlich, ich glaube es. Beide schwiegen.
Aber, meine Herrschaften, wo ist denn die Landschaft geblieben? rief Leontine, der das Recensiren langweilig war. Sie hatte das Loben in ihrer Familie stets wie eine Art Landplage, Pestilenz oder Heuschreckenschwarm betrachtet und ertragen. Das ist das eine Auge, meinte sie, was zu haben schrecklich, und gar zu verlieren noch schrecklicher wäre. Ach! seufzte sie höchst drollig, in der Mark sitzt mir ein ganzes Nest Waldaus, die zwitschern alle die nämliche Weise; drucken lassen sie mich nicht, ich könnte ja in Recensentenhände fallen! Sie geben mir aber mein teil Bewunderung rein umsonst. Du bist nicht mit gemeint, Anna! schloss sie, ihr liebes Gesichtchen an deren Schulter legend und sie so von unten auf ansehend. Weisst du wohl noch die Zeit, da wir gar nicht zu singen wagten, um nicht etwa Ausdruck in die Gesangsweise zu legen; ich spielte damals in Gesellschaft bloss Klavier, aus lauter Gefühl meiner Würde und der ihr anklebenden Anstandspflichten.
Wildes, irisches Mädchen! sagte die Lady.
Aber die Landschaft, die Landschaft! fuhr Leontine fort. Sehen Sie, bester Professor, ich gestatte es recht gern, dass man durch Licht, Schatten und allerlei Zufälligkeiten der Landschaft einen sogenannten Charakter aufbürde, man kann sie meinetwegen düster, schaurig oder so lieblich verlockend machen wie den Kuss einer Geliebten; man mag dabei, wie die Indier lehren, alle fünf Liebespfeile der fünf Sinne losschnellen, aber sie muss am Ende doch immer wieder in den Grundzügen ihrer Eigentümlichkeiten erkennbar bleiben, die Steine müssen nicht wie Wollenballen, Gletscher nicht wie gefrorne Wasserfälle aussehen, und Granitfelsen nicht wie behauener Sandstein; sie muss sich in eingeborner alter Treue uns an's Herz schmiegen, wie der Laddy an des Mädchens Brust, im Vollgefühl des ihr Heimatlichen, dass wir sie zu erkennen vermögen.
O Jerum! Jerum! sagte der Professor, so wie der grimme Leu ein fleischfressend Tier ist, also sollen auch wir in einem gottesfürchtigen und christlichen Wandel leben? Sind mir das Kunsturteile!
Es war mit der Aufmerksamkeit vorüber, Alle lachten und der Abend schloss auf heitre Weise mit Musik und allerlei Scherzen. Von Poesie und Kunst war nicht weiter die Rede.
Das Scheiden und der Tod kommen gleich unvermeidlich, darum sucht man so gern den Gedanken an beide zu bannen. Die Ferien gingen zu Ende; Otto musste nach Basel, seine Vorlesungen zu eröffnen. Die letzten Tage waren leidlich vorübergegangen, er hatte viel gearbeitet, chemische Versuche und andere wissenschaftliche Beobachtungen angestellt, auch eine Untersuchung der nächstliegenden Gletscher mit andern Gelehrten unternommen. Anna hatte ihm versprechen müssen, dass er Abschied von ihr nehmen dürfe; zu ihrer Verwunderung trat er völlig heiter und ruhig in ihr Cabinet.
Er brachte eine grosse Menge getrockneter Alpenpflanzen, die er auf den Gletscherrändern und den höchsten Gebirgen für sie gesammelt, und erklärte ihr wohl eine Stunde lang deren eigentümliche Beschaffenheit. Endlich kam der gefürchtete Augenblick. Er reichte ihr die Hand. Ich danke dir, Anna, für die unsäglich schönen Stunden, die du mir gegeben, sagte er mild; du hast mir das Leben wieder lieb gemacht, gleichviel um welchen Preis. Eh' sie ihm zu antworten vermochte, war er ihr entschwunden.
Anna war schmerzlich bewegt. War das eine Ueberanstrengung der Kraft? es sah nicht so aus. Ihre Gedanken jagten einander in peinlicher Hast, sie gedachte Leontinens und Vrenely's O, sagte sie wehmütig, ich werde nie das Leben ertragen lernen! Also auch in ihm haftet kein Gefühl! Und doch ist es gut so, ich habe es ja selbst gewollt, gewünscht. Da flog die Tür auf, Vrenely trat ein. Das arme Mädchen war Otto auf der Treppe begegnet, er hatte ihr freundlich und hastig Lebewohl gesagt; unten hielt bereits sein Reisewagen – er war fort.
Seit den letzten Wochen war eine grosse Veränderung mit Vrenely vorgegangen, sie hatte sich plötzlich in sich selbst kräftig entwickelt, ihre Gedanken waren scharf geordnet, ihr Urteil war klar geworden; sie las und lernte in jeder freien Stunde, und gab ihren Unterricht gut und besonnen. Auch jetzt trat sie zwar mit hochgeröteten Wangen und fliegender Brust ein, aber so vernichtet und aufgelöst in Lieb und Leid, wie sie bei jenem Gespräch zwischen Otto und Annen gewesen,